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Glück à la carte Roman von Boralevi, Antonella (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.05.2016
  • Verlag: Carl's Books
eBook (ePUB)
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Glück à la carte

Am Abend vor ihrem 47. Geburtstag reist Mirella nach Paris und betritt ein geheimnisvolles Restaurant. Dort erhält jeder Gast eine magische Speisekarte, die nur für ihn bestimmt ist: Anstelle von Gerichten sind dort die Schlüsselmomente des eigenen Lebens aufgelistet. Mirella durchlebt diese ganz besonderen, oft aber auch schmerzhaften Situationen erneut. Und am Ende - so lautet die Regel - darf sie an einer Stelle ihrem Leben eine neue Wendung geben. Doch welche der vielen nicht gelebten Möglichkeiten soll Mirella ergreifen? Oder soll sie einfach neugierig und gelassen abwarten, was die Zukunft für sie bereithält? Ein charmanter, kluger Roman über verpasste Chancen und die Suche nach dem Lebensglück. Antonella Boralevi ist Fernsehmoderatorin und hat schon zahlreiche höchst erfolgreiche Romane und Essays geschrieben. Ihr Roman 'Glück à la Carte' wurde sowohl von den Medien als auch beim Publikum mit großer Begeisterung aufgenommen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 09.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641167349
    Verlag: Carl's Books
    Originaltitel: La Locanda Delle Occasioni Perdute
    Größe: 414 kBytes
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Glück à la carte

Die Speisekarte

"Ich würde gerne die Speisekarte sehen", sagte ich.

Der Alte schaute mich an, ohne zu erkennen zu geben, ob er mich gehört hatte. Und doch hatte ich kurz das Gefühl, tief hinten in seinen Augen einen Funken Mitleid zu entdecken. Er trat einen Schritt auf mich zu und zwang mich, zur Tür zurückzuweichen. Dabei durchbohrte er mich mit seinem Blick und sagte schließlich, ohne sich umzudrehen: "Tut mir leid, aber wie Sie sehen, ist das Restaurant voll."

Von dem Alten ging eine intensive, geradezu magnetische Kraft aus. Ich hatte den Eindruck, dass er mich allein durch seinen Blick in eine Statue verwandeln könnte. Statt mich abzuschrecken, verlieh mir dieser Gedanke aber eher Mut: den Mut, der sich unser bemächtigt, wenn alle Hoffnung verloren ist.

Ich schaute wieder über seine Schulter. Sämtliche Stühle waren leer.

Mit einem Seufzer breitete ich die Arme aus und reckte das Kinn vor.

"Aber das stimmt doch gar nicht", flüsterte ich.

"Natürlich stimmt das." Er schaute mich misstrauisch an. "Sie sehen doch selbst, dass kein Platz frei ist."

Mit einer herrischen Geste schob er mich beiseite und griff nach dem Messingknauf. "Bitte gehen Sie."

Er öffnete die Tür.

Eine eisige Böe fuhr herein. Die Rue Thérèse war ein finsteres Loch, schwarz glänzend im Regen.

Mich fröstelte.

Was dann geschah, ist mir schleierhaft. Keine Ahnung, was ihn zum Einlenken bewegt hat.

Der Alte hatte den Kopf zur Tür hinausgestreckt und schaute in alle Richtungen, als würde er jemanden erwarten. Dann zog er ihn wieder ein und fuhr sich mit seinen klobigen Fingern über den Schädel, um die Regentropfen abzuwischen. Mit einem energischen Ruck schloss er die Tür, immer noch den Kopf schüttelnd.

Dann warf er mir einen unergründlichen Blick zu.

"Haben Sie einen Schirm?"

Ich stand mit den Schultern am Fenster. Plötzlich merkte ich, dass ich zitterte. Ich wurde von unbekannten, unkontrollierbaren Empfindungen ergriffen, so als seien alle meine Sinne plötzlich überempfindlich. Doch gleichzeitig schien ich wie in dicke Watte gepackt zu sein, die jede Gefühlsregung dämpfte. Ich schüttelte den Kopf.

"Nein."

"Die Menschen denken, dass man einen Schirm nur braucht, wenn es regnet", sagte er nachdenklich. Dann erkundigte er sich mit plötzlich erwachtem Interesse: "Hat es heute Morgen geregnet, als Sie aufgebrochen sind?"

Er kannte mich also.

"Woher wissen Sie, dass ich heute Morgen aufgebrochen bin?"

Seinen Lippen entwich ein spöttisches Lachen.

"Wir wissen alles."

Eine leise Angst befiel mich. Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, ins Restaurant in der Rue Thérèse zu kommen. Vielleicht war ich, wie immer, leichtsinnig, dumm und gedankenlos gewesen. Mit bestimmten Dingen spaßt man nicht. Wovon man nicht reden kann, das sollte besser ungesagt bleiben. Was man nicht ändern kann, sollte man vergessen.

Oder vielleicht doch nicht?

Vielleicht kann man ja gar nicht vergessen.

Vielleicht sind es ja die Erinnerungen, die sich an uns erinnern und wie Wesen in finsteren Abgründen in uns weiterleben. Und am Ende stirbt man wie Funes - Borges' Junge mit dem unerbittlichen Gedächtnis - an der Hartnäckigkeit, mit der einen die Erinnerungen in Beschlag nehmen und verhindern, dass man sie auslöscht.

Sämtliche Leben, die wir nicht gelebt haben, weil sie nicht die unseren sind, klammern sich an uns, spinnen uns mit ihren unsichtbaren Fäden ein, ersticken uns mit dem Geifer des Neids, des Bedauerns, der Schuldgefühle und verfolgen uns mit dem ewigen Schmerz verpasster Gelegenheiten. Unweigerlich kommt dann die Nacht, in der du nicht schlafen kannst, weil all die Leben, die du nicht hattest, als wirbelnde Schatten auf dich einstürmen, bis dir in deinem Spinnennetz die Luft wegbleibt.

Das ist der Moment, in dem sich das Schicksal deiner annimmt. Das ist der Mo

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