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Glück Roman. von Adams, Simone R. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 24.08.2015
  • Verlag: Klöpfer & Meyer Verlag
eBook (ePUB)
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Glück

Bruno, Lea, David. Drei Menschen, die auf eine gemeinsame Reise gehen, vermeintlich das Gleiche erleben - und sich am Ende in völlig verschiedenen Realitäten wiederfinden: Dieser Roman entfaltet sich ganz allmählich, in aller Behutsamkeit legt er seine Welt frei - und doch nicht frei, weil hinter jeder Ebene noch eine weitere Ebene dazukommt: eine Zeitebene, eine Erinnerungsebene, eine Bilderebene - und andere Ebenen mehr.

Simone Regina Adams, 1967 im Saarland geboren, lebt in Freiburg im Breisgau. Studium der Literaturwissenschaft und Psychologie, seit 1995 Psychotherapeutin mit eigener Praxis. Stipendiatin des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg sowie des Stuttgarter Schriftstellerhauses. Ihr Roman "Die Halbruhigen" wurde 2011 mit dem Werner-Bräunig-Preis ausgezeichnet. www.simonereginaadams.de

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 166
    Erscheinungsdatum: 24.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863512446
    Verlag: Klöpfer & Meyer Verlag
    Größe: 288kBytes
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Glück

K APITEL 1

Bruno, mir gegenüber, auf der Terrasse. Zwischen uns der Cappuccino für mich, ein Glas Leitungswasser, sein Tee mit Zitrone und Honig. Er zündet sich eine Zigarette an.

Da ist eine Mücke drin, sage ich und deute dabei auf das Honigschälchen.

Er sieht hinein.

Eine Fliege, korrigiert er mich.

"Mücke" ist einfach umgangssprachlich, sage ich.

Nein, "Mücke" ist einfach falsch.

Und plötzlich sehe ich ihn vor mir, den Bruno von früher, so wie er das sagt: Es ist keine Mücke, Lea, das ist eine Stubenfliege - genauso ernst und entschieden hatte er früher gesagt: Das ist ein Brontosaurus, der ist viel älter als ein Tyrannosaurus, weißt du das nicht?

Jedenfalls ist sie tot, sage ich.

Die Fliege kann gerade erst in den Honig geraten sein, doch sie sieht bereits aus wie in flüssigem Bernstein eingeschlossen.

Bruno zieht noch einmal an der Zigarette. Drückt sie aus. Er holt einen Löffel voll Honig mitsamt der Fliege aus dem Schälchen, lässt den Honig über die Tischplatte laufen. Ob ihn jemand dabei beobachtet, scheint ihn nicht zu kümmern.

Dann nimmt er den sauberen Löffel von meinem Unterteller und greift nach dem Wasserglas. Tropfen für Tropfen gießt er über das Tierchen. In aller Ruhe und Beiläufigkeit.

Ihm scheint auch nicht mehr bewusst zu sein, worüber wir eben gesprochen haben. Dass wir überhaupt gesprochen haben.

Nun bekommt das, was zuvor nur ein dunkles Etwas, ein schwarzer Klumpen gewesen war, allmählich Beine. Eines nach dem anderen. Dann Flügel.

Bruno rutscht mit dem Stuhl ein wenig zur Seite, damit ihm das Honigwasser nicht auf die Hose tropft.

Die Fliege ist nass, aber nicht mehr verklebt. Sie beginnt, mit den Hinterbeinen ihre Flügel zu putzen. Langsam krabbelt sie aus der Pfütze und lässt sich im Sonnenlicht trocknen. Putzt sich wieder. Nach einer Weile fliegt sie davon. Bruno legt den Löffel zur Seite, trinkt seinen Tee, und ich denke: Jeder andere wäre, angesichts dieses kleinen Klumpens im bernsteinfarbenen Honig, davon ausgegangen, dass die Fliege längst tot ist.

Ich sehe ihn vor mir, wie er damals neben mir in der Straßenbahn stand - auf dem Weg zum Bahnhof, wo wir David treffen wollten, um zu dritt nach Zürich zu fahren.

Die Straßenbahn war überfüllt. Bruno griff nach oben, in eine der grauen Schlaufen, die über seinem Kopf baumelten. Er wirkte müde, seine Augen sahen ein wenig geschwollen aus. Ohne den Blick zu heben, machte er Platz, als immer mehr Menschen einstiegen; und jedes Mal, wenn sich einer an ihm vorbeischob, krümmte er den Oberkörper nach hinten und, so weit es irgendwie ging, zur Seite, wobei er die Füße, zwischen denen seine Reisetasche stand, inzwischen nicht mehr bewegen konnte und sein Handgelenk über ihm in der Schlaufe festhing.

Ein Mann, den er eigentlich nur vorbeilassen wollte, blieb genau vor ihm stehen, sodass Bruno aus seiner unbequemen, verrenkten Haltung nicht mehr herauskam. Aber er schwieg. Um möglichst wenig von den Gerüchen anderer Leute einzuatmen, hielt er den Kopf nach oben. Dabei versuchte er, seine Hand in der Kunststoffschlinge ein wenig zu lockern.

Als wir endlich draußen waren, lief er so schnell, dass ich ihm kaum folgen konnte. Im Gehen strich er sich über den Handrücken, über den roten Striemen, den die Plastikschlaufe in seine Haut gedrückt hatte.

Und ich sehe ihn vor mir, am gleichen Abend, in Zürich, im Hotelzimmer; wütend, wie ich ihn noch nie erlebt hatte.

Auf seine Fragen war ich nicht vorbereitet. Auf seine Vorwürfe. Darauf - und auf all das, was ihn in diesen Tagen beschäftigte. Ich war nicht ihm zuliebe mitgekommen, das musste ich mir in diesem Moment eingestehen.

Ich war nur mitgekommen, um in Davids Nähe zu sein.

Nun, fünf Jahre später, wieder im Café Krämer, wenn auch draußen auf der Terrasse. Drinnen wäre es nicht zu ertragen, zu zweit, ohne

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