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Glückliches Sterben von Altwasser, Volker H. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.02.2014
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Glückliches Sterben

Sommer 1945, Kalifornien: Der jüdische Schriftsteller Bruno Frank liegt im Sterben und beginnt seinen letzten Roman, in dem er den Tod des großen französischen Moralisten und Frauenhelden Chamfort erzählen will. Das Manuskript bricht nach dem ersten Kapitel ab, Frank stirbt, doch der Beginn des Romans wird mit Unterstützung seiner Freunde Thomas Mann und Lion Feuchtwanger in einer Zeitschrift veröffentlicht. Jahrzehnte später liest Volker Harry Altwasser dieses Fragment und beschließt, das Buch für Frank zu Ende zu schreiben. Entstanden ist ein übermütiger, dicht erzählter Roman, der die Biografien zweier großer Männer leichtfüßig verknüpft, ein wahres Buch voll Erotik und Tod.

Volker Harry Altwasser, 1969 in Greifswald geboren, absolvierte die Realschule und anschließend eine Lehre zum Elektronikfacharbeiter. Er war u.a. tätig als Heizer in der Reichsbahndirektion, Matrose in der NVA, Gefreiter auf der Fregatte 'Bremen', wo er nicht zum Obergefreiten befördert wurde, weil er auf Las Palmas das Auslaufen des Schiffes 'verpasste'. 1998-2002 studierte er am Deutschen Literaturinstitut der Uni Leipzig. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter 2003 seinen Debutroman Wie ich vom Ausschneiden loskam. Bei Matthes & Seitz Berlin erschien zuletzt Ich, dann eine Weile nichts (2012), darüber hinaus bisher: Letzte Haut (2009), Letztes Schweigen (2010) und Letzte Fischer (2011, Longlist des Deutschen Buchpreises). 2011 wurde er mit dem Italo Svevo Preis ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 15.02.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783882214062
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Größe: 1764 kBytes
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Glückliches Sterben

ERSTER TEIL

Ohne mich ginge es mir sehr gut .
Chamfort.

Kalifornien, Los Angeles, war ihm nie mehr als eine Filmkulisse gewesen. Auf dem Grundstück, das zur Villa "Aurora" seines alten Weggefährten Feuchtwanger gehörte, lag Bruno Frank auf der Terrasse und dachte, wie erhaben es sei, wenn man die Sonne nur noch sehe, sie aber nicht mehr spüre. Schon immer hatte er die letzte Stunde des Lichts für die großartigste gehalten.

Er sah seine junge Frau im Pool treiben, die Arme ausgebreitet, mit den Füßen schwimmend, und hielt die Erinnerung an die Abdrücke ihrer Brüste in den Handwölbungen mit allem Willen fest. Das Gefühl, wenn die Spitzen hart geworden waren; mühsam öffnete der alte Kranke die beiden Fäuste, lächelte über die Leere in ihnen.

Ein gutes Leben gehe hier sanft zu Ende, während in seinem Heimatland, ach, auf seinem Heimatkontinent Trümmerfrauen letzte, ach, erste Handgriffe verrichteten: Sei das nicht der richtige Sterbensmoment, ach, der beste aller möglichen? Der Todkranke nickte mechanisch und spürte nun doch die Sonnenstrahlen als Schweißperlen in den Augenwinkeln; was ihm nur mäßig erhaben schien.

An diesem dreizehnten Juni fünfundvierzig war ihm der lebenslange Kamerad fern – wie noch nie. Während ihm Lion Feuchtwanger die Finger der rechten Hand massierte, dachte Bruno Frank an den "Zauberer", wie er ihn nannte, an die erste Begegnung mit Thomas Mann, München um neunzehnhundertzehn, was war das für eine quirlige Stadt gewesen! Aber ach, es galt, Dinge zu regeln, es galt, letzte Worte festzuhalten.

"Danke, Lion", sagte Bruno: "Ich glaube, ich versuche es jetzt. Ich glaube, es müsste gehen."

Lion half ihm, sich aufzurichten, stopfte ihm Kissen hinter den Rücken, stellte ihm das Tablett mit den leeren Seiten auf die Knie, legte ihm die rechte Hand auf das Papier, steckte ihm den Bleistift mit weichster Mine zwischen Zeigefinger und Daumen, nickte ihm schließlich zu. Sie sahen beide, wie das Schreibgerät aus der Hand rutschte, und wagten nicht, sich anzusehen.

Die alten Gefährten schwiegen und sahen traurig Elisabeth zu, die aus dem Bassin kletterte. Sie hüllte sich in einen weißen Bademantel, strich sich die langen, braunen Haare zurück und sagte: "Das macht doch gar nichts, mein Liebster, dann mime ich die Sekretärin für dich. Ich bin nicht umsonst die Tochter zweier berühmter Schauspieler, ich bin dein Stift, ich bin dein Papier."

"Danke, Liesl", sagte Bruno: "So schreiben wir also zuletzt, wie wir so lange gelebt haben: gemeinsam."

Es ist nun beinahe sieben Wochen her, dass ich versucht habe, mein Leben zu beenden, ein Versuch, der missglückt ist, sonst könnte ich ja nicht von ihm berichten, aber doch nicht völlig missglückt.

Damals, Mitte November, erschien in meiner Dienstwohnung, Rue Neuve des Petits Champs Nummer achtzehn, derselben, in der ich jetzt schreibe, ein Kommissar der republikanischen Polizei mit seinen Leuten und wies den Befehl vor, mich, Sébastien-Roch Nicolas, genannt Chamfort, Schriftsteller und Direktor der Nationalbibliothek, ins Gefängnis zu führen.

"Verzeiht, meine Freunde, wenn ich euch nun alleine lasse", sagte Lion: "Ich sehe euch ja in bester Gesellschaft mit euren Favoriten."

Leicht verzog Bruno das Gesicht, die Finger der rechten Hand andeutungsweise hebend, während Elisabeth kaum aufsah.

Marta Feuc

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