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Größter anzunehmender Glücksfall Roman von Foenkinos, David (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2016
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)

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Größter anzunehmender Glücksfall

Jean-Jacques und Claire sind seit acht Jahren verheiratet, und zwischen der sonntäglichen Lammkeule bei Claires Eltern auf dem Land und dem zukunftspessimistischen Chinesischunterricht für die sechsjährige Tochter Louise spulen sie monoton und routiniert ihr Ehe- und Liebesleben ab, das einst durch eine Reise nach Genf - auf den Spuren von Albert Cohens Roman 'Die Schöne des Herrn' - seinen mythisch überhöhten Gipfel erreicht hatte. Aus Neid auf seinen Kollegen Édouard, der sich nach seiner Scheidung zu einem rasanten Casanova entwickelt hat, beginnt Jean-Jacques eine Affäre mit der attraktiven Arbeitskollegin Sonia. Noch einmal spürt er die Genfer Glückseligkeit, doch er weiß nicht wirklich etwas mit diesem Gefühl anzufangen. Er, der sich für alles im Leben rückversichern will, erlebt den Glücksfall als beängstigend unkontrollierbar und verläßt Sonia wieder. Claire, die sich nicht lange von der neuen Liebeslust ihres Mannes täuschen läßt, engagiert ihrerseits den schüchternen Russen Igor zunächst als Detektiv und dann als Liebhaber. Bei einer gemeinsamen Reise nach Berlin, wo sie ausgerechnet im Hotel Suisse absteigen, erkennt Claire, daß sie ihr größtes Glück gerade aufgegeben hat ... Voller Anspielungen auf Filme wie 'Der Himmel über Berlin' und 'Jules und Jim' und auf Autoren wie Albert Cohen und Witold Gombrowicz erzählt David Foenkinos in gewohnt ironischer und bisweilen skurriler Manier, aber auch mit melancholischen Untertönen die Geschichte einer großen Liebe. Sie erkennt sich leider erst, als sie mit großem Getöse zu Ende geht. Sehnsüchtig wird des unwiederholbaren Anfanges einer glücklichen Beziehung gedacht: Jedes Paar hat sein eigenes Genf. David Foenkinos, 1974 geboren, Schriftsteller und Drehbuchautor, studierte Literaturwissenschaften an der Sorbonne und Jazz am CIM. Seine Bücher sind weltweit in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und wurden für alle wichtigen französischen Literaturpreise nominiert, für den Prix Fémina, den Prix Médicis, den Prix Renaudot und den Prix Goncourt. Für 'Das erotische Potential meiner Frau' erhielt er den Prix Roger Nimier.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 221
    Erscheinungsdatum: 01.07.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406699948
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 2567 kBytes
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Größter anzunehmender Glücksfall

ZWEITER TEIL

I

Claire ging nach diesen drei Worten auf ihre Eltern zu. Mit der gleichen selbstverständlichen Natürlichkeit äußerte sie:

"Ich habe gerade Jean-Jacques verlassen. Schönen Sonntag noch."

Und sie nahm ihre Tochter an die Hand.

"Wollen wir nicht auf Papa warten?" fragte Louise.

"Ach was, du siehst doch, daß er schläft."

Ohne einen Blick zurückzuwerfen, gingen sie los. Jean-Jacques war wie erstarrt. Er sah aus wie jemand in Hypnose, der zwischen zwei Stühlen saß. René sorgte sich um ein dringenderes Problem: den Zustand seiner Frau. Auch in einem schlingernden Boot durfte die Rangordnung in der Familie nicht außer acht gelassen werden. Renée zappelte nervös und ziemlich unregelmäßig hin und her (diese Unregelmäßigkeit ging ihm, René, einem Mann mit Prinzipien, auf die Nerven). Offensichtlich handelte es sich um einen hysterischen Anfall. Sie schluchzte Satzbrocken: "Nein, das gibt's doch nicht ... nein, das kann nicht wahr sein ..." Er sah, daß die Situation außer Kontrolle geriet, daß dieser Sonntag eine andere Farbe annahm, dieser Sonntag war wie ein anderer Tag, wie eine Art Montag im November. René wurde von einer gewissen Panik befallen, und es blieben nur noch Relikte seiner selbst übrig.[ 1 ] Er beschloß erstens, sich einen kleinen Sliwowitz zu genehmigen. Und zweitens beschloß er, das, was er erstens gemacht hatte, wieder zu tun. Als dieser Walzer der tausend Umdrehungen getanzt war, faßte er den weisen Beschluß, einen Trostspender zu rufen. Zum Glück war sein Nachbar kein Geringerer als der Doktor Renoir, der wichtigste Arzt von Marnes-la-Coquette.

Letzterer ließ in der Sekunde, in der er Renés belemmerte Miene sichtete, schnell die Rolläden herunter. Wenn es darum ging, ihn zu stören, hatte er die Dreistigkeit der Leute immer schon gerochen. Sonntags zog er es vor, sich tot zu stellen. Doch sehr schnell holte sein schrecklich ringendes Gewissen die Aufwallung der Übellaunigkeit ein. Man entgeht seinem Schicksal nie. Seit Dutzenden von Generationen wurde in der Familie Renoir der Medizinerberuf vom Vater auf den Sohn übertragen (und dazu muß man sagen, daß man in der anderen Familie Renoir von der Malerei zum Film gekommen war ...). Seit Dutzenden von Generationen waren die Sonntage von der unsteten Nachbarschaft auf den Kopf gestellt worden. Keuchend machte er die Tür auf:

"Was ist denn los?"

"Ich ... ich ..."

Der Alkoholmißbrauch in Verbindung mit dem außer Kontrolle geratenen Sonntag hatte auf Renés Ausdrucksfähigkeit übergegriffen. Er gestikulierte lebhaft und deutete auf sein Haus. Renoir beschloß, ihn auf der Stelle abzuhorchen.

"Öh ..."

"Du mußt wirklich mit dem Trinken aufhören, weißt du ... Die Zeiten sind nicht immer rosig, ich weiß, ganz im Gegenteil ..."

"Öh ..."

"Aber manchmal muß man die richtigen Entscheidungen treffen können. Für die Gesundheit ist nichts zu teuer, das weißt du ja ..."

Nach einer Weile gelang es René doch, Renoir zu seinem Haus zu zerren, und der Arme begutachtete die Schäden. Da stellte er etwas Fürchterliches fest: den Tod eines Sonntags.

Renoir beeilte sich zu fragen, was geschehen sei. René war erleichtert, nicht mehr auf sich allein gestellt zu sein, und erklärte, daß seine Tochter seinen Schwiegersohn verlassen habe. Er fühlte neuen Schwung und wagte sogar eine kleine Hypothese:

"Das ist bestimmt ein emotionaler Schock, oder?"

"Ja, wahrscheinlich", bestätigte der Doktor.

René machte einen kleinen begeisterten Satz; der Gedanke, sich nützlich vorzukommen, brachte ihn ganz aus dem Häuschen. Aber als er den Kopf drehte, bot sich ihm erneut der Anblick seiner Frau, und er mußte wieder eine Haltung einnehmen, die eines besorgten Ehemanns würdig war. Renoir seinerseits gab sich einen Augenblick lang Träumereien hin, in denen er sich glückliche Tage ausmalte, die er

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