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Haller und Helen Roman. von Schubiger, Jürg (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.12.2013
  • Verlag: Haymon Verlag
eBook (ePUB)
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Haller und Helen

Red nur, sagt Helen. Ich mag es, wenn geredet wird. Und Hans Haller berichtet, eigensinnig-monologisch zuerst, dann zunehmend auf die Frau bezogen, die neben ihm im Rollstuhl sitzt. Er erzählt von seinem toten Freund Strack, vom melancholischen Alltag der Menschen im Alters- und Pflegeheim 'Sandhalde', sinniert über sein Leben, über seine verstorbene Frau, über das Vergessen und über das Vergessenwerden .Das alles breitet er vor Helen aus, die für ihn mehr ist als eine Mitbewohnerin: eine zarte Liebesgeschichte nimmt ihren Anfang. Sie verleiht dem Leben von Haller und Helen später Glanz...

Jürg Schubiger, geboren 1936, lebte bis zu seinem Tod im September 2014 als Schriftsteller in Zürich. Studium der Germanistik, Psychologie und Philosophie. Tätigkeit im pädagogischen Verlag seiner Familie, dann als Psychologe in eigener Praxis. Seine Bücher für Kinder und Erwachsene wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis. Bei Haymon erschienen seine Romane 'Haller und Helen' (2002, ausgezeichnet mit dem ZKBSchillerpreis) und 'Die kleine Liebe' (2008, ausgezeichnet mit dem Zolliker Kulturpreis), zuletzt 'Nicht schwindelfrei' (2014).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 144
    Erscheinungsdatum: 06.12.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783709976944
    Verlag: Haymon Verlag
    Größe: 1826kBytes
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Haller und Helen

Um auf Strack zurückzukommen, sagt Haller: Strack hat sich fast jeden Tag in den Finger geschnitten, ohne Übertreibung, oder in den Wundverband, den er vom letzten oder vorletzten Schnitt her um den Finger trug, den Zeigefinger, den Daumen der linken Hand. Das geschah beim Schneiden einer Salami, die er als Zwischenmahlzeit einnahm, zwischen Morgen- und Mittagessen, zwischen Mittag- und Abendessen, auch zwischen Abend- und Morgenessen, wenn das Fernsehen ihn wachhielt. Und mit diesen verbundenen Fingern spielte er dann auf seiner Handorgel, seinem Klaviertasten-Akkordeon, die schwierigsten Sachen noch, Musette und Tango - so meisterhaft und ohne sich zu schonen, dass die Finger regelmäßig neu zu bluten anfingen und der Verband sich rötete. Wenn es so weit war, brach er ab. Um das Instrument, sagte er, nicht zu versauen.

Haller wischt sich mit zwei Fingerkuppen die Mundwinkel, bevor er ergänzt: Strack war ein unfallgefährdeter Mensch, er war ein Hornochs. Wo er stand und ging, geschah etwas. Und er kam immer davon. Er stürzte, oder etwas stürzte auf ihn herab, eine Leuchtreklame, der Ast einer Bergföhre, ein Wellblech mit scharfen Kanten. Und dann lag er im Spital, wie ein Sieger, wie ein Gladiator, mit einem großen Kopfverband und einem kleinen dunklen Gesicht, und ich saß an seinem Bett. Das Lachen musste vermieden werden, jede Verschiebung der Kopfhaut zog an den frisch genähten Schrammen. Strack lachte trotzdem, konnte nicht anders. Dann nahm er einen großen Schluck von dem Zwetschgenwasser, das ich mitgebracht hatte, verschluckte sich, musste husten und verzerrte das Gesicht. So war er.

Man hätte also erwartet, dass er an etwas Besserem stirbt als an Krebs. Haller holt schlürfend Luft. Er sagt: Das Lachen ist ihm vergangen. Man konnte zusehen, wie es verging. Strack war beleidigt, vom Leben übers Ohr gehauen. Er hätte ja weiß Gott noch eine Ehrenrunde verdient. Einen Arm voll Gladiolen. Haller weint nicht, fast nicht, nur durch die Nase. Er schnäuzt sich. Über das Nastuch hinweg sagt er: Strack hat noch einiges vorgehabt. Und jetzt? Man weiß nicht, hat er es jetzt hinter sich oder wo. Haller schnäuzt sich noch einmal und gründlicher. Man kommt zu nichts, schnauft er.

Um das Nastuch zu versorgen, lehnt Haller sich zurück und streckt ein Bein. Die Armlehne des Stuhls versperrt den Weg zur Hosentasche. Haller findet einen Zugang von außen, unter der Lehne hindurch. Man läuft dem Leben hinterher, sagt er. Und nach einer Pause: Eben hat man die Fingernägel geschnitten, und schon sind sie wieder gleich lang wie zuvor. Die Zehennägel stoßen Löcher in die Socken. Man hat sich angezogen und schon muss man aufs Klo, dann kommt wieder das Hochziehen der Unterhose über das Unterhemd, der Hose über das Hemd. Man wäscht sich die Hände, man trocknet sie, man denkt, man hätte gestern eigentlich duschen sollen, und tut's wohl auch heute nicht, tut's erst, wenn man stinkt. Man sucht seine Brille, man nimmt seine Medizin, man geht zum Arzt, man geht zum Zahnarzt, man geht zum Coiffeur. Was ich eigentlich sagen will: Man kommt zu nichts. Man kommt ins Schnaufen. Haller schnauft. Wie viele Bücher wollte man noch lesen? Alle. Die Bibel endlich einmal ganz. Seine Dias wollte man ordnen, die Landschaften nach Regionen, um das Fehlende rechtzeitig noch zu ergänzen, das Fehlerhafte zu ersetzen. Man nahm sich vor, die Altersvergünstigungen der Bahn häufiger zu nutzen. Dann aber sitzt man da, die Tage kommen und gehen, mit ihren Mahlzeiten und ihren Mühseligkeiten. Man sitzt da, in der "Sandhalde", und man redet, redet. Man: Hans Haller, geboren 1916 in Dietikon, und Helen Roux, mit Er, O, U, Iks.

Haller mag Aufzählungen, und er schätzt Dinge, an denen er nicht zu rütteln braucht. Er sammelt sie für den Notfall, weiß aber nicht, woran man den Notfall erkennt, ob er nicht bereits da ist.

Das Alters- und Pflegeheim, das wir bevölkern, fähr

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