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Handbuch der Zeiten Roman von Agopian, Stefan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.02.2018
  • Verlag: Verbrecher Verlag
eBook (ePUB)
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Handbuch der Zeiten

In einer Pfütze erwachen Ioan, der Geograf und der Armenier Zadic. Wo kommen sie her? Wo gehen sie hin? Zeiten und Geschichten schieben sich wie Eisschollen übereinander, der Winter und der Krieg, einsame Nächte, in den mit Dämonen am Feuer gesoffen wird; große Hunde und große Vögel liefern sich blutige Kämpfe mit rostigen Flinten. Licht und Dunkel, Lust und Angst liegen im erbitterten Kampf. Mürrische Pandidaktiker fabulieren über die Welt und über Bohnen; Tod und Pest führen in das letzte teuflische Lazarett. Ioan und Zadic breiten am Ende betrunken von Mastix ihre Flügel aus und die Welt verdunkelt sich für immer. 'Handbuch der Zeiten' gilt als moderner Klassiker Rumäniens. Viele der heute jungen Autorinnen und Autoren betrachten Agopian als Vorbild. ?tefan Agopian, geboren 1947 in Bukarest, gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Rumäniens. Sein Debütroman erschien unter dem Titel 'Der Tag des Zorns' (1979). Darauf folgten weitere Romane: u. a. 'Handbuch der Zeiten' (1984), 'Sara' (1987) und 'Souvenirs von Sodom' (1993). Seit 1989 schreibt er auch für verschiedene Medien und ist Heraus - geber der satirischen Zeitschrift Academia Ca?avencu. Für sein schriftstellerisches Werk wurde er zahlreich ausgezeichnet. Seine Bücher wurden bereits ins Französische und Englische übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 128
    Erscheinungsdatum: 15.02.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957323217
    Verlag: Verbrecher Verlag
    Originaltitel: Manualul întâmplarilor
    Größe: 210 kBytes
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Handbuch der Zeiten

Tod fürs Vaterland

Schnell wurde die Stadt frühlingshaft und der Monat April brach wie Licht ein in die Seelen der Menschen und erfreute sie. Fein zerstob der Wind über den Häusern, polierte sie mit goldenem, unendlichem Licht. Die Obstbäume schüttelten sich wie weißer Regen über der Stadt aus, und die Wasservögel kamen herbei, die Paarung begehrend. Im Jahre 1870 waren Moskowiterbälle in Mode, die Menschen hatten Pazvantoglu vergessen, die Türken hatten sich im Lande rar-, die Moskowiter breitgemacht. Am siebzehnten Tage des Monats April erwachte Marin Ioan, Lehrer an der Schule zu Colia, benommen und mit schwerem Kopf, und eine sengende Sonne drang wurmgleich in seinen Schädel, eine Aureole wand sich wie Dampf über ihm und verhöhnte ihn. Und neben ihm schlief mit einem Tuch aus Entengrütze, welches sein Gesicht bedeckte, schnarchend der Armenier Zadic. Er planschte eine Weile im Sumpf und die Kinder lachten wie besessen, wussten aber wohl nicht, dass er Lehrer an der Schule zu Colia war, also lachten sie noch mehr und bewarfen ihn mit etwas, bis es des Hohnes genug und ausreichend war. Sie lachten nur. Aber Marin Ioan, der Lehrer, schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit. Er klaubte einen Maria-Theresien-Taler mit dieser Dickmadame darauf aus dem Schlamm, dazu noch ein paar Zwanziger, allerdings war der Taler ordentlich am Rand zerbissen, dies verbitterte ihn gänzlich. Er hätte gern einen neuen Taler gehabt, keinen abgeschabten, einen mit Franziskus darauf, dem neuen Kaiser von Österreich und anderen Ländereien. Dann schüttelte er den Armenier, um ihn zu wecken. Die Kinder lachten wieder, aber diesmal aus der Ferne. Der Armenier Zadic erwachte und sammelte ein paar von der Hitze beduselte Frösche von seinem Körper, dann stand er auf, aber nicht wie irgendwer, sondern drehte sich zunächst einmal auf alle Viere, und - nachdem er eine Weile so auf allen Vieren gestanden hatte, er wusste selber nicht weshalb, er stand dort nur herum und dachte an nichts in jenem fauligen Graben - da legte er sich wieder hin. Ioan Marin, der Geograf, hingegen dachte daran, wie groß die Welt war und wie klein er selbst, letzten Endes. Und während er über all das nachdachte, darüber, wie unbegreiflich die Welt war und er selbst darin, unbedeutend wie ein Spucketropfen in diesem fauligen Wasser, da stand der Armenier auf und sagte: "Komm, ey, ist spät!"
Eine grünliche Sonne zog über ihnen auf. Der Armenier Zadic flatterte wie ein dürrer und völlig besudelter Vogel, erhob sich über diese Welt und von dort aus sprach er: "Lass uns gehen, ey, wir lassen uns vom Voda Ypsilanti einziehen und schlagen die Türken, das ist doch auch was. Die Moskowiter haben keine Angst und ich habe auch keine Angst. Du etwa?"
"Nein, warum sollte ich welche haben?", sprach Ioan der Geograf aus seinem Schlammloch. "Ich hab nicht mal vor dem Teufel Angst!", sprach er noch und schlug schnell mit der Zunge ein Kreuz und Zadic der Armenier spuckte in den Wind und schlug ebenfalls ein Kreuz mit der Zunge. Der Wind fegte wohlriechend über sie hinweg und trocknete ihre Kleider. Nun kam ein Hund und beschnupperte sie eine Weile, dann wedelte er mit dem Schwanz, was Freundschaft hieß, und streckte sich neben ihnen aus. Der Armenier Zadic durchsuchte eine Weile seine Taschen. Als er fand, wonach er suchte, eine Münze, gab er sie dem Hund. Der Hund erhob sich träge, beschnupperte die Münze, wedelte wieder mit dem Schwanz und setzte sich dann. "Ey, ist der blöd, dieser Hund hier, verdammt nochmal, oder was hat er?", sagte der Armenier Zadic. "Wird so sein!", sagte Ioan, "deshalb ist er ja ein Hund."
Und wieder: "Gehen wir, es ist an der Zeit."

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