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Happy End von Nothomb, Amélie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.09.2018
  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Happy End

Der kluge Sonderling Déodat liebt das einsame Studium der Vögel, die Beobachtung ihres Flugs am Himmel über Paris. Auch Trémière wächst isoliert auf, im verwunschenen Haus ihrer exzentrischen Großmutter. Und wie Déodat lernt sie früh, die Dinge genau zu betrachten und in ihrem Wesen zu erfassen. Eines Tages trifft der altkluge Junge auf das bildhübsche Mädchen, und eine wundersame Geschichte nimmt ihren Lauf. Amélie Nothomb, geboren 1967 in Kobe, Japan, hat ihre Kindheit und Jugend als Tochter eines belgischen Diplomaten hauptsächlich in Fernost verbracht. Seit ihrer Jugend schreibt sie wie besessen. Ihre Romane erscheinen in 39 Sprachen. Für Mit Staunen und Zittern

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 26.09.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257609219
    Verlag: Diogenes
    Originaltitel: Riquet à la houppe
    Größe: 783 kBytes
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Happy End

{7} A ls Énide mit achtundvierzig Jahren ihr erstes Kind erwartete, fieberte sie der Entbindung entgegen wie andere einer Partie Russisch Roulette. Trotzdem freute sie sich über die lang ersehnte Schwangerschaft, die sie erst im sechsten Monat bemerkt hatte.

"Aber ich bitte Sie, Madame, Ihre Monatsblutungen sind ein halbes Jahr ausgeblieben!", wunderte sich der Arzt.

"In meinem Alter habe ich das für normal gehalten."

"Und was ist mit Übelkeit und Erschöpfung?"

"Das war für mich nichts Neues."

Der Arzt musste einräumen, dass ihr kaum gerundeter Bauch nicht besonders auffiel. Énide gehörte zu dieser Art kleiner, zarter Frauen, die nie besonders weiblich wirken und übergangslos vom jungen Mädchen zur alten Jungfer mutieren.

Als es so weit war, bekam sie es mit der Angst zu tun. Sie hatte das Gefühl, dass eine Katastrophe im Anzug war, gegen die sie nichts unternehmen konnte. Ihr Mann saß im Krankenhaus an ihrem Bett und hielt ihr die Hand.

{8} "Ich schaffe das nicht!", jammerte sie.

"Das wird schon!", sprach er ihr Mut zu.

Aber da war er sich selbst nicht so sicher. Énide hatte während der ganzen Schwangerschaft kein Gramm zugenommen. Das Baby in ihrem Bauch sei am Leben, wurde ihnen versichert. Man brauchte schon Phantasie, um daran zu glauben.

Der Arzt erklärte, er werde einen Kaiserschnitt vornehmen, weil das die einzige Möglichkeit sei. Das beruhigte die beiden ein wenig.

Sie wussten, dass es ein Junge sein würde. Da Énide ihn als ein Geschenk Gottes betrachtete, wollte sie ihn Déodat taufen.

"Warum nicht Théodore? Das bedeutet dasselbe", gab ihr Mann zu bedenken.

"Die besten Männer der Welt haben einen Namen, der auf -at endet", antwortete sie.

Da musste Honorat lächeln.

Als die Eltern das Baby zum ersten Mal sahen, fielen sie aus allen Wolken. Es sah aus wie ein neugeborener Greis, faltig, die Augen kaum geöffnet, der Mund eingefallen - richtig abstoßend.

Énide war so entsetzt, dass es ihr die Sprache verschlug. Mit Müh und Not schaffte sie es, den Arzt zu fragen, ob ihr Sohn normal sei.

"Er ist vollkommen gesund, Madame."

{9} "Und warum ist er so faltig?"

"Er ist ein bisschen dehydriert. Das gibt sich."

"Und wie klein und dünn er ist!"

"Er kommt eben ganz nach der Mama."

"Ehrlich gesagt, Herr Doktor, finde ich, dass er schauderhaft aussieht."

"Das traut sich kaum jemand zu sagen, Madame, aber Babys sind fast immer hässlich, müssen Sie wissen. Trotzdem macht das hier einen guten Eindruck, darauf gebe ich Ihnen mein Wort."

Alleingelassen mit ihrem hässlichen Sohn, fanden sich die Eltern schließlich damit ab und beschlossen, ihn zu lieben.

"Vielleicht sollten wir ihn Riquet mit der Locke nennen?", schlug Énide vor.

"Nein, Déodat ist sehr schön", erwiderte der frischgebackene Vater und lächelte tapfer.

Zum Glück hatten sie kaum Familie und nicht viele Freunde. Dennoch mussten sie Situationen ertragen, in denen die Höf lichkeit der Besucher deren Entsetzen nicht ganz verbergen konnte. Énide beobachtete die Gesichter derjenigen, die ihr Baby zum ersten Mal sahen, und litt jedes Mal Höllenqualen, wenn sie ein Zucken des Abscheus darin entdeckte. Einem bedrückenden Schweigen folgte dann meist eine mehr oder minder peinliche Bemerkung: "Genau wie sein Urgroßvater, als der {10} auf dem Totenbett lag!", oder: "Schaut ja ein bisschen sonderbar aus der Wäsche! Gott sei Dank ist es ein Junge!"

Die böse Tante Épziba schoss den Vogel ab.

"Meine arme Énide!", säuselte sie. "Hast du dich denn schon halbwegs wieder erholt?"

"Ja, es gab ja keine Komplikationen bei dem Kaiserschnitt."

"Nein, ich meine von dem Schrecken über das kleine Scheusal!"

Geschlagen verließen die Eltern das Krankenhaus und verkrochen sich in ihrem Zuhause.

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