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Harmfuls Hölle in dreizehn Episoden von Laederach, Jürg (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.10.2011
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
16,99 €
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Harmfuls Hölle

Jürg Laederachs neue Erzählungen sind aberwitzig, komisch, satirisch unterhaltend: Literatur auf dem Hochseil - das zu des Lesers Schadenfreude und Verblüffung gelegentlich knapp über dem Boden schlappt. Der übliche Held der Handlung findet in der Regel das Bühnenbild vor und fängt an, quer durch es zu laufen. Harmful läuft los und erzeugt damit die Bühnenbilder. Womöglich erdenkt er sie, ist ihnen aber doch ausgeliefert. Weder ist er - was er gern möchte - der einzige Held, noch hält die Hölle den Prüfungen seines Hitzemessers stand. Er hätte gern seine Ruhe, doch die Stimmen vieler anderer quälen ihn. Nicht die geringste dieser Qualen ist es, daß er darüber - unter erheblichen Eigenkosten - lachen könnte. Das Buch macht Angebote. Zur allgemeinen Entgleisung in den Schrecken gehört auch das Herausrutschen der Person aus der Persönlichkeit. Einmal wird Harmful von Arti gesehen, Harmfuls Nachbarin, seiner Untergebenen, Geliebten - und Kommentatorin. Harmful als Faust? Dies wäre eine schöne Entwicklung. Mit Harmful leider nicht. Überall erzählt eine mit spektralen Fähigkeiten versehene Monsterfigur mit großer Ausdauer und kleinem Mut. "Die Kunst ist das Waldorf-Astoria des Lebens, und das menschliche Gemüt ist die große Stadt in der Stille, das mußt du berücksichtigen."

Jürg Laederach geboren 1945 in Basel, studierte Mathematik in Zürich und Romanistik, Anglistik und Musikwissenschaften in Basel. Als Schriftsteller und Übersetzer war er korrespondierendes Mitglied in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Laederach wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Italo-Svevo-Preis 2005. Er starb am 19. März 2018 in Basel.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 188
    Erscheinungsdatum: 15.10.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518766903
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1294 kBytes
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Harmfuls Hölle

Abschied

Der schlimme Hund zerfleischt dich. Wie konnte es da-hin kommen? Nach des Tages Mühsal wird es Abend. Du hattest, ach, Philosophie studiert, warst dann wie immer auf den Körper gekommen. Nun ist erschöpft der Kör-per, der nur dumpf vor sich hin existieren, mit sich aber nichts zu tun haben will. Du stehnst auf deinem Balkon. "Stehnen" ist kein bis ins Mark erschöpfter Ausrutscher, sondern formuliert dein Stehen und Sehnen. Wie immer wird dies nicht belohnt. Du starrtest erst, mäßigtest dich dann wie libriumgelenkt: Du blickst auf die Baugrube -gegenüber und wirst krank.

Du wußtest bereits, du bist krank, aber das war nicht das Echte. Allerdings wurde – was du nicht mit-be-kamst – aus der Grube die Leiche der nicht weiter bekannten jungen Frau bereits weggetragen. Einige ihrer Überkleider blieben zurück. Es ist eine Erfolgsgeschichte. Sie lieferten dich ein, aber du schrittst selbständig neben ihnen. Du flehtest uns an, vergiß das nicht. Nun müssen wir dir – du trittst in dein Wohnzimmer, dann zu deinem dich hoffentlich wegspülenden Kleinwaschbecken, dann wieder in dein Wohnzimmer zurück – nun müssen wir dir wahre Auskunft geben. Wir tun es ohne Umschweife. Wir können nichts dafür, wir sind nie schuld. Chronische interstitielle Entzündung oder Nekrose, Bindegewebewu-cherung. Nachfolgende narbige Schrumpfung.

Vielleicht ein tröstendes Haydn-Konzert, sagt dein Verstand, der dich oft im Stich ließ, du läßt ihn nie im Stich. Nichts mehr zu machen, außer du rührst dich. Steh nicht rum, setz dich auf den Klappsitz, vergleich mit Zirrhose tief in der Leber. Nein, sie liegt rechts. Du irrst dich. Aber nicht ganz, das Herz ist links, leicht mit der Leber zu -verwechseln. Hak diesen Bezirk ab. Jene, die das haben, haben auch das, erstens hat der eine das eine, dann hat er auch das andere, zweitens hat der andere das eine, dann hat er auch ein Drittes. Auf englisch, Alzheimer's disease. Ein Synonym zu Demenz-vom-Alzheimer-Typ. Das eine folgt aus dem anderen, bei dem einen wie bei dem anderen. Vor dem ersten Satz dieser Symphonie ein Haydn-Chor, erdnah: Die Leber hatten wir, nun dies: (Stan-ze, portamento, adagio) Die Leber hatten wir, nun dies: (Stanze, crescendo) Die Leber hatten wir, nun dies: Als Definition könnte gelten, für dich, für uns, für die Vorherigen, wer weiß es genau, untersucht wird es nie, primäre degenerative Hirnerkrankung mit progredien-ter Demenz.

Die Epidemiologie könnte umfassen, Beginn meist nach dem fünfundsechzigsten Lebensjahr. Die Schotten zum Beispiel nennen die Spätform "late onset Alzheimer's dis-ease", Abkürzung " LOAD ". Tritt selten vor dem fünfundsechzigsten Lebensjahr auf. Die Iren nennen die Frühform "early onset Alzheimer's disease", Abkürzung " EOAD ". Du erkennst nun, warum der Fürst Pàl Antal Esterhàzy so beunruhigt war, daß Haydn die Symphonie desselben Namens geschrieben hatte, fürs Hob.-Werkverzeichnis als EOAD -Symphonie vorgemerkt. Fürst Pàl Antal legte sich mit hohem Fieber und mit Kreise beschreibenden Armen zu Bett, Haydn nannte die Symphonie "Alle ausi, ausi!", offiziell Abschieds-Symphonie.

Die Krankheit verschmäht das Zuschlagen, sie schleicht. Bei Frauen geschieht sie doppelt so häufig wie bei Männern. Familiäre Häufung möglich. Sie springt beim Erzählen über, zum Beispiel, frischgebohnerter Boden, Konferenz-Bestuhlung, die sehr leicht geschürzte, fast nackte Frau bringt dir Br&

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