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Hasenmeister von Strasser, Tilman (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.03.2015
  • Verlag: Salis Verlag
eBook (ePUB)
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Hasenmeister

Felix Hasenmeister hat sich eingeschlossen. Der talentierte Violinist verlässt seine Übezelle im Konservatorium nicht mehr. Er ist von seinem Abschlusskonzert geflohen. Die Gründe reichen weit zurück, zu seinen Lehrern, seiner abwesenden Mutter, vor allem einer bedrohlich-grotesken Vaterfigur. Doch Felix wird gesucht: Seine Geliebte Carla durchkämmt die Nacht nach ihm und schickt wütende Kurznachrichten in sein selbst gewähltes Exil. Stückweise wird Hasenmeisters Werdegang vom Geigenschüler zum vielversprechenden Konzertsolisten geschildert, dazu sein ambivalentes Verhältnis zur Musik, zu seinem Instrument und auch zu Carla. Unweigerlich wird der Leser immer stärker in den Bann des Ich-Erzählers gezogen, der zwischen Wirklichkeit und Wahn zu mäandrieren scheint. "Hasenmeister" changiert zwischen großem Drama und tiefschwarzer Komik, ist wortmächtig erzählt und virtuos komponiert.

Tilman Strasser, geboren 1984 in München. Studierte in Düsseldorf Germanistik und in Hildesheim Kreatives Schreiben. Während des Studiums moderierte er Lesebühnen, Poetry Slams und Radiosendungen, organisierte ein Theaterfestival und leitete ein Online-Magazin. Inzwischen schreibt er Drehbücher und Zeitungsartikel. Für die Arbeit an "Hasenmeister" erhielt er unter anderem das Literaturstipendium der Stadt München. Er lebt bevorzugt in Köln, manchmal auch in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 260
    Erscheinungsdatum: 06.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783906195261
    Verlag: Salis Verlag
    Größe: 3633 kBytes
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Hasenmeister

Carla sagte nichts. Als ich sie das erste Mal sah, lehnte sie an der Tischkante, zwischen Essiggurkendekoration und einer Platte Vitello tonnato. Sie schürzte die Lippen, wie zum Beweis, dass ihr Schweigen ein abfälliges war.

Ich lernte sie auf einer Tagung zur deutschen Gefäßchirurgie kennen. Wir waren beruflich dort; ich, weil die Kongressorganisation im Vorfeld eine formelle Anfrage an das Konservatorium gerichtet hatte. Man suche ein Streichquartett, um für einen harmonischen Ausklang der Vorträge zu sorgen. Ich hatte Bedenken geäußert, man hatte mich überstimmt: Mrasek, Chang und Lodenreiter sagten, es gebe gutes Geld. Außerdem: Der Abschluss rücke näher. Vielleicht sei das unsere letzte Gelegenheit, gemeinsam aufzutreten.

Ich bereute meine nur halbherzige Gegenwehr, als uns eine Frau mit Uniform und Pferdeschwanz durch die Eingangshalle führte. Im Zickzack marschierte sie zwischen anthrazitfarbenen Säulen hindurch. Wir beeilten uns, Schritt zu halten, und trugen unsere Instrumente nach, als hätten wir sie geklaut. Ein Schild an der Wand behauptete Centre for Dialogue , und von der Decke hingen abstrakte Glaskonstrukte, die jede Note in schrille Einzelteile spalten würden.

Der Pferdeschwanz wedelte zielstrebig ans Buffet. Vor den Biertischen waren vier Klappstühle aufgebaut. Unser letzter Auftritt, eine akustische Trennwand zwischen Doktoren und belegten Weißbrotscheiben. Wir sollten dann, rief die Frau, einfach drauflosspielen. Ihre Absätze klackerten hämisch davon. Ich nickte in Richtung der Mitspieler, Mrasek, Chang, Lodenreiter, nickte ich, da sind wir, das ist er, der Tiefpunkt.

Wir hatten kaum unsere Notenständer postiert, die Knöpfe unserer Jacketts geöffnet, als die Türen zum Vortragsraum aufplatzten. Eine Horde erlöster Gefäßchirurgen strömte in den Saal. Laptops wurden im Laufschritt verstaut, Collegeblöcke ragten aus Handtaschen. Eine Welle von Heißhunger schlug uns entgegen. In unserem Rücken quollen Tabletts über vor Häppchen, wir bewahrten Haltung, wir, auf Deck eines sinkenden Luxuskreuzers, die hoffnungslose Geste des Streichquartetts. Die Fluten würden unweigerlich über uns zusammenschlagen, für Rettungsboote war es zu spät. Trotzdem hob ich die Geige, ich wollte nicht kampflos untergehen, als sich ein Greis freischwamm, aufs Podium trat und in ein gleichaltriges Mikrofon krächzte. Es gab heftige Rückkopplungen. Seine Hände zitterten, kaum vorstellbar, dass sie je ein Skalpell geführt hatten, er brachte Namen durcheinander, verschluckte sich und nannte uns eine kleine kulturelle Einlage. Die bordeauxrote Krawatte schnitt ihm zur Strafe tief in den faltigen Hals. Dann trat er ab, wir spielten los, in mühsam bewahrte Ruhe hinein, die nur von dem Entschluss gestützt wurde, alles, was der Nahrungsaufnahme im Weg stand, schnell und gnadenlos wegzuapplaudieren.

Nach jedem Satz, manchmal auch in taktlangen Pausen, brandete Beifall auf. Wir spielten schlecht. Es half nicht, dass die Menge in Trippelschritten näherkam. In der ersten Reihe glänzten die Mundwinkel, mahlten unverhohlen die Kiefer. Eine Professorin mit dünnem Haar vergaß die akademische Disziplin und knabberte an ihrem laminierten Namensschild. Dahinter scharrten Füße, knurrten Mägen, ich zischte Lodenreiter zu. Mrasek und Chang signalisierten Verständnis. Wir sprangen zum letzten Stück. Noch in den Anfangsakkord schoss einer Hostess der erste Sektkorken aus der Hand. Es schäumte voreilig, wir hetzten durch das Presto hinterher, spritzten Achtelketten über die Menge, die Glaskonstrukte funkelten dazu, in vorderster Front wippten Kehlköpfe einen immer rasanteren Takt und am anderen Ende des Saales trugen gelbhemdige Helfer gemächlich die Schautafeln des Vortrags nach draußen. Auf breiten, detailreichen Abbildungen wanderten Querschnitte verstopfter Arterien vorbei. Während wir schwitzten, während wir schnell und schneller wurden, z

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