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Haus der Stummen Roman von Burnside, John (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.09.2014
  • Verlag: Knaus
eBook (ePUB)
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Haus der Stummen

Psychologische Spannung literarisch verdichtet - John Burnsides erster Roman endlich auch auf Deutsch.

John Burnside ist einer der faszinierendsten Literaten unserer Zeit, der in seinen Werken immer wieder die Abgründe der menschlichen Natur erkundet. Bereits in seinem ersten Roman zeigt sich Burnsides Meisterschaft: In spannungsgeladenen Sätzen zeichnet er das Porträt eines jungen Mannes, der von maßlosem Forschergeist in den Wahnsinn getrieben wird.

John Burnside, geboren 1955 in Schottland, ist einer der profiliertesten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. Der Lyriker und Romancier wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Corine-Belletristikpreis des ZEIT-Verlags, dem Petrarca-Preis und dem Spycher-Literaturpreis. Sein Prosawerk erscheint auf Deutsch seit vielen Jahren im Knaus Verlag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 01.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641130183
    Verlag: Knaus
    Originaltitel: The Dumb House
    Größe: 548kBytes
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Haus der Stummen

N ach dem Vorfall mit Karen Olerud blieb ich mehrere Wochen daheim und konzentrierte mich auf meine Recherchen. Ich hätte auch ständig zu Hause arbeiten können: Hier war es ruhig, und ich hatte, was ich brauchte; niemand kam vorbei. Manchmal las ich die ganze Nacht oben im Arbeitszimmer, saß da, allein, umgeben von Mutters Büchern und nahm alles um mich herum stärker wahr, die Haut gespannt wie das Fell einer Trommel, jedes Geräusch ein Pochen entlang des Rückgrats, und ich fühlte jeden Luftzug, jede Temperaturveränderung. Ich spürte auch, wie das Wild durch den Wald zog oder sich der Hecke näherte, hörte Hunde und Füchse aus Kilometern Entfernung bellen. Um drei Uhr morgens ging ich dann meist nach draußen und stand im Garten, schaute zu den Sternen auf, schmeckte die kühle Nachtluft und fühlte mich, als sei ich der letzte Mensch im Universum, der einzige Beobachter, der all dies möglich machte. Die Besuche bei Karen Olerud hatten mir meine Einsamkeit in diesem Haus noch bewusster gemacht, dennoch reizte es mich nicht, zu ihr zurückzukehren. Wenn ich mitten am Tag manchmal innehielt und an ihr feuchtes Fleisch dachte, verdrängte ich das Bild gleich wieder. Ich hatte kein Verlangen mehr nach dem Körperlichen, wollte den Leib transzendieren. Manchmal nahm ich von den Medikamenten, die Mutter zurückgelassen hatte, lag halb bewusstlos auf ihrem Bett, versank in Träume, wurde wieder wach und spürte, wie sich mein Körper auflöste, spürte, wie mein Geist am Rand eines anderen Bewusstseinszustandes schwebte, an der Schwelle zu etwas Neuem.

Auf diese Weise hätte es weitergehen können, hätte ich beim Einkaufen nicht eines Nachmittags beschlossen, zur Bücherei nach Weston zu fahren. Sie war klein; in den Regalen standen vor allem Unterhaltungsromane und Sachliteratur über wahre Verbrechen, dazwischen einige Biografien, Bücher über Gartenarbeit, Heimwerken, Selbsthilfe, Astrologie und eine unerklärlich große Auswahl von Bänden über Hundezucht und Oldtimer. Die Präsenzbibliothek nahm eine ganze Seite des Raumes ein und enthielt großformatige Bücher, Werke zur Lokalgeschichte sowie Enzyklopädien und Wörterbücher. Als ich kam, war sonst niemand zu sehen. Ich suchte mir ein Buch und schlug es auf. Die Ruhe verblüffte mich, aber auch das Gefühl, vor langer Zeit schon einmal hier gewesen zu sein – kein Déjà-vu, eher die Andeutung einer verlorenen Erinnerung, die vage Vision eines lang vergangenen Sommertages, an dem ich zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein musste. Plötzlich erinnerte ich mich, in genau diesem Raum gesessen und mich durch Wörterbücher gearbeitet zu haben. Ich hatte Wörter wie "Seele", "Geburt" oder "Sprache" in verschiedenen Sprachen nachgeschlagen, weil ich die Etymologie begreifen und wissen wollte, was die Menschen darunter verstanden. Damals war ich davon überzeugt gewesen, dass die Sprache mit der Welt korrespondierte, dass grundlegende Wahrheiten allein durch die Wahl des Wortes mitgeteilt wurden: Wenn es ein Wort gab, dann gab es das aus gutem Grund, denn wie unbestimmt und unbefriedigend seine jeweilige Definition auch sein mochte, wies doch allein die Tatsache, dass sich ein Wort wie "Seele" in jeder Sprache fand, darauf hin, dass es etwas geben musste, worauf sich dieses Wort bezog.

Zu der Zeit hatte ich bereits damit begonnen, lebende, im Wald gefangene Tiere aufzuschneiden und nach dem Rhythmus zu suchen, der flüchtigen Wärme, die ihr Wesen ausmachen mochte. Ich hatte die Schönheit der Anatomie kennengelernt: Alles war bis ins Kleinste geordnet, jedes Tier eine feuchte, filigrane Maschine aus Gewebe, die man in winzigste Bestandt

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