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Helena von Waugh, Evelyn (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Helena

Die Kaiserin Helena, Mutter Konstantins des Großen, begründete die legendäre Pilgerreise nach Palästina, wo sie angeblich Teile des echten Kreuzes Christi fand. Ihr ungewöhnliches Leben, die enormen Konflikte dieser Zeit, Korruption und Verrat, und der Wahnsinn des imperialistischen Roms gaben Waugh ausreichend Stoff für einen hervorragenden, äußerst spannenden Geschichtsroman. Evelyn Waugh, geboren 1903 in Hampstead, war Maler, Lehrer, Reporter und Kunsttischler, bis er in der Schriftstellerei sein Metier fand und zu einem der wichtigsten englischen Autoren des 20. Jahrhunderts wurde. Im Krieg diente Waugh als Offizier. Waugh, der seit seiner Studienzeit eine Neigung zu dandyhafter Extravaganz pflegte, liebte es, das Publikum durch kontroverse Äußerungen zu provozieren. Er starb 1966 in Taunton, Somerset.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257607062
    Verlag: Diogenes
    Originaltitel: Helena
    Größe: 1013 kBytes
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Helena

{13} Helena

{15} Am Hof

E s war einmal vor vielen, vielen Jahren, noch ehe all die Blumen einen Namen hatten, die unten am Fuß der regengepeitschten Mauern im Wind schaukelten, eine Prinzessin; sie saß oben am Fenster, und ein Sklave las ihr eine Geschichte vor, die schon damals uralt war. Oder, um es ganz nüchtern zu sagen: An einem nassen Nachmittag an den Nonen des Mai, im Jahr des Herrn 273 (wie spätere Berechnungen ergaben), blickte in der Stadt Colchester die rothaarige jüngste Tochter Coels, des Königs der Trinovanten, Helena mit Namen, in den Regen hinaus, während ihr Lehrer ihr aus einer freien Wiedergabe der Ilias vorlas.

Hier im entlegenen Winkel der Festung bildeten die beiden ein ungleiches Paar. Die Prinzessin war schlanker und größer, als es der damalige Geschmack verlangte. Ihr Haar, das in der Sonne bisweilen golden schimmerte, sah in dem düsteren Heim meist wie mattes Kupfer aus. In den Augen lag eine knabenhafte Schwermut: Es war die halb unwillige, halb zerstreute und doch leicht ehrfürchtige Stimmung einer britischen Heranwachsenden bei der Lektüre der Klassiker. In manchen Epochen der künftigen siebzehn Jahrhunderte hätte sie als Schönheit gegolten, aber sie war zu früh geboren und hieß bei ihren eigenen Leuten die "Reizlose".

{16} Ihr Lehrer war zwiespältig, da sie ihm gleichzeitig seine niedere Stellung und seine lästigen, täglichen Pflichten zu Bewusstsein brachte. Er hieß Marcias und stand in der Blüte dessen, was man seine Männlichkeit nennen könnte: Dunkle Haut, schwarzer Bart, Adlernase und heimwehkranke Augen zeugten von seiner exotischen Herkunft, und sein chronischer Schnupfen protestierte winters wie sommers gegen seine Verbannung. Die Tage der Jagd waren sein Trost; dann war die Prinzessin von früh bis spät unterwegs, und er konnte als alleiniger Herrscher des Schulzimmers seine Briefe schreiben. Sie waren sein Leben: Ihre elegante, esoterisch-spekulative und rhapsodische Prosa durchmaß die ganze Welt von Spanien bis nach Bithynien, als freier Rhetoriker bis zum höf ischen Gelegenheitsdichter. Man sprach viel über diese Briefe, und Coel erhielt mehrere Angebote auf ihren Verfasser. Er war einer der jüngeren Intellektuellen, aber hierher hatte ihn das Schicksal verschlagen, in dieses ständige Wind- und Regenwetter als Sklave eines geselligen kleinen Königs und täglicher Begleiter eines jungen Mädchens. Es war nichts Unschickliches an dieser Verbindung; denn in seiner Kindheit ließ eine frühe und vorübergehende Vorliebe fürs Ballett Marcias für den östlichen Markt geeignet erscheinen, und er war vom Wundarzt einer entsprechenden Operation unterzogen worden.

" Und sogleich vergoss Helena mit den weißen Armen, die schöne unter den Frauen, eine Träne, hüllte ihr Gesicht in weißschimmerndes Leinen und eilte zum Skäischen Tor, begleitet von ihren Dienerinnen, Aithre, des Pittheus Tochter, und der kuhäugigen Klymene. Glaubst du, ich lese das zu meinem eigenen Vergnügen?"

{17} "Es ist nur wegen der Fischer", sagte Helena, "sie kommen gerade vom Meer herauf zu dem Fest heute Abend. Sie haben körbeweise Austern dabei. Verzeihung; lies weiter vor über die kuhäugige Klymene."

Dort aber saß nun Priamus unter den Ältesten der Stadt und sprach: 'Kein Wunder, dass die Troer und Griechen in Waffen liegen wegen Prinzessin Helena. Sie gleicht fürwahr einer Göttin von Ansehn! Komm her, liebes Kind, und setz dich zu mir. Du trägst keine Schuld; den Göttern haben wir es zu verdanken.'"

"Priamus ist entfernt mit uns verwandt, weißt du."

"Das habe ich des Öfteren von deinem Vater vernommen."

Von diesem geschützten Raum aus konnte man an einem klaren Tag das Meer sehen, aber jetzt verlor sich die Weite im Nebel, der sich direkt vor ihren Augen über Moor und Weideland,

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