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Herr Jonas erwartet Besuch von Mauelshagen, Rainer (eBook)

  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Herr Jonas erwartet Besuch

Was ist Zeit? Zeit ist im Grunde lediglich die Vermischung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Doch über allem steht als Grenzwächter das Alter. Herr Jonas, ein hochbetagter Herr, muss an einem besonders herrlichen Sommertag feststellen, dass er zwar auf eine lange Vergangenheit zurückblicken kann, ihm aber die Neugier auf die Zukunft fehlt, denn schon die Gegenwart ist ihm fremd geworden. Allein gelassen mit Erinnerungen, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit lebt er zurückgezogen hoch unterm Dach in einer schäbigen Mansardenwohnung. Wäre er in der Vergangenheit nicht so ein Pedant und Querulant gewesen, niemand in seiner Umgebung hätte von der Existenz eines Friedbert Jonas gewusst. Deshalb trifft er eine wohlbedachte Entscheidung. Es gibt da jemanden, dem er alle seine Nöte aufbürden will. Er zieht den guten Anzug an und kocht ein opulentes Mahl, denn: Herr Jonas erwartet Besuch! Rainer Mauelshagen ist es gelungen, die Unaussprechlichkeit der Einsamkeit in Worte zu fassen und damit ein Mahnmal für die moderne Gesellschaft zu erschaffen. Rainer Mauelshagen wurde am 5. März 1949 geboren. Seine Kindheit und Jugendzeit verbrachte er in Wuppertal. Seit 1984 wohnt der Autor in Vettelschoß, einer ländlichen Gemeinde im äußersten Norden von Rheinland-Pfalz. Rainer Mauelshagen ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder und vier Enkelkinder. Nach Ausübung verschiedener Berufe widmet sich der Autor seit einigen Jahren intensiv dem kreativen Schreiben. Mit Grab 47 ist nach Das Kastanienherz und Herr Jonas erwartet Besuch nun sein dritter Roman veröffentlicht worden. Der ganz eigene Schreibstil ist es, der seine Bücher in dem Sinne lesenswert macht, weil es dem Autor immer wieder gelingt, die Leser emotional in seine literarischen Erzählungen hineinzuziehen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 140
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783746083704
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 616kBytes
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Herr Jonas erwartet Besuch

II

An jedem Tagesanbruch, den der liebe Gott der Welt, und hier vor allem dem alten Mann, gnädigerweise gestattete, gab es für Herrn Jonas eine festgelegte Reihenfolge seiner Tätigkeiten, die er nach dem Aufstehen bis dato strikt eingehalten hatte. Noch im weichen Polster sitzend, gähnte er herzhaft, wobei er sich am ganzen Körper kratzte, weil seine Haut so furchtbar trocken war. Seit Wochen brannte und juckte es vor allem zwischen den Zehen gleichzeitig. Danach tastete er sich verschlafen durch das Halbdunkel zum Fenster. Blinzelnd öffnete er die Läden, um, wie bereits bekannt, mit seinem geübten Kontrollblick die ihm fremd gewordene Welt in Augenschein zu nehmen. Bei offenem Fenster begann er mit der morgendlichen Gymnastik, damit die vom Schlaf verspannten Glieder und Muskeln gelöst wurden. Dafür hatte er sich eine gut durchdachte Übung angeeignet, die mit dem sorgfältigen Bewegen der Zehen anfing. Es folgte das Beugen, Strecken und Dehnen jedes einzelnen Körperteils und jedes Gelenkes. Beenden tat er seine Gymnastik mit einem abstrusen Grimassenschneiden, was die Gesichtszüge nach stundenlangem Erschlaffen wieder aufs rechte Gleis bringen sollte. Mit dem Gefühl, so für den neuen Tag gerüstet zu sein, machte er sich daran, das Schlaftuch von dem Vogelbauer zu entfernen. Das legte er ebenso gewohnheitsgemäß am Abend vorher, pünktlich drei Minuten vor zwanzig Uhr, über den Käfig, damit er rechtzeitig zum Beginn der Nachrichten im Sessel beim Radio saß. Vorsichtig nahm er dann das Tuch auf. Schließlich sollte sein gefiederter Freund nach langem Schlaf, ebenso wie er selbst, in den Genuss der frühen ungetrübten Morgenstunde kommen, was jedes Mal mit einer kurzen Ansprache seinerseits einherging, die das Vögelchen in gewohnter Gleichgültigkeit über sich ergehen ließ. Danach musste, wie wir bereits ebenfalls wissen, der Nachttopf geleert werden. Vor Jahren, als Frau Woyzeck in die Wohnung unter ihm eingezogen war und noch zeitig zur Arbeit ging, gab es zwischen ihm und ihr nicht nur einmal unschöne Szenen vor der Aborttüre. Alleine aus dem Grund, weil sie das stille Örtchen laut Mietvertrag mitbenutzen musste. Folglich trafen sie sich nicht nur einmal vor der Pforte der Erlösung. Er mit seinem mehr oder weniger vollen Pinkelpott in der Hand, sie mit entstelltem Mienenspiel in höchster menschlicher Bedrängnis. Natürlich wäre er gerne Kavalier gewesen und hätte ihr den Vortritt gelassen, aber was sollte er denn tun? Sollte er etwa mit seiner Notdurft wieder zurück in die Wohnung laufen? Nein, das kam für ihn nicht ohne Weiteres infrage, obwohl es schon vorgekommen war. Dennoch, Sieg oder Niederlage entschieden hier über sein eigenes Wohlbefinden, und das lag ihm naturgemäß näher. Später, als Frau Woyzeck von heute auf morgen von ihrem Arbeitgeber entlassen wurde und sie folglich morgens gern noch einmal ein Ohr aufs Kissen legte, lösten sich diese Streitigkeiten in Wohlgefallen auf. Richtiggehend besorgt erwies sie sich von da ab dem alten Mann gegenüber. Regelmäßig wischte sie ihm sogar kostenfrei die Wohnung. Ein weiterer Beweis ihrer Freundlichkeit war, dass sie ihm jeden Tag so gegen Nachmittag die gelesene Tageszeitung auf die Fußmatte legte. Um sich wiederum ihr gegenüber auf irgendeine Art und Weise erkenntlich zu zeigen, ging er gelegentlich sonnabends, kurz bevor die Verkaufsstände schlossen, auf den Markt zum Blumenhändler und kaufte ihr zum halben Preis einen Strauß Blumen. Diese Praktik des Kurzvorfeierabendeinkaufs war für ihn zum eigennützigen Standard geworden, denn es stellte sich bald heraus, dass er diese Strategie des halben Preises auch für sich, rein privat, zum Beispiel beim Bäcker erfolgreich anwenden konnte.

Zum weiteren morgendlichen Ritual gehörte unter anderem, dass er die recht hübsch verschnörkelte Kaminuhr mit einem Schlüssel aufzog, der an einem extra dafür vorgesehenen Häkchen an der Wand hing. Am rechten Vierkant drei Umdrehunge

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