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Herr Sturm und die Farbe des Windes Eine fabelhafte Reise in die Welt des Glaubens von Böttcher, Jens (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.03.2016
  • Verlag: SCM Hänssler im SCM-Verlag
eBook (ePUB)
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Herr Sturm und die Farbe des Windes

Herr Sturm hat das Leben satt. Der erfolglose Schriftsteller hangelt sich durchs Leben, indem er Texte für dämliche TV-Soaps fabriziert. Doch dann wird in einer geheimnisvollen Zeitungsannonce jemand gesucht, der 12 Menschen interviewt und ein Buch über ihren Glauben schreibt. Die Bezahlung ist gut und Sturm nimmt den Auftrag an. Doch die Gespräche wühlen ihn mehr auf, als er gedacht hat. Er wird nicht nur mit dem Glauben der anderen konfrontiert, sondern auch mit einem schmerzhaften Teil seiner eigenen Geschichte: der verlorenen Liebe seines Lebens. Langsam fragt er sich, wer sein Auftraggeber in Wirklichkeit ist.

Jens Böttcher ist Musiker, Sänger/Songschreiber, Schriftsteller, Autor für diverse Fernsehformate und Freigeist. Er singt und schreibt für die Sensiblen, die Nachdenklichen, die Sehnsüchtigen und die Sprachlosen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 400
    Erscheinungsdatum: 14.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783775173315
    Verlag: SCM Hänssler im SCM-Verlag
    Größe: 4313kBytes
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Herr Sturm und die Farbe des Windes

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4

Als ich mich am nächsten Morgen aus den Laken schälte, hatte ich einen ziemlich dicken Kopf. Das lag nur zum Teil an der billigen Flasche Weißwein, die ich gleich nach meiner Heimkehr geleert hatte. Ich befürchtete einen Migräneanfall, der dann aber glücklicherweise irgendwo in meinem System seine Nahverkehrsverbindung verpasste. Hauptverantwortlich für meinen Schädel waren eher die vielen weiteren Gedanken des Vorabends, die mit ihrem wilden Getanze nicht mal aufgehört hatten, als ich bereits in den Armen eines mies gelaunten Morpheus angekommen war. Welch verrückte Begegnung mit diesem Bischoff. Fast wie ein Traum, der nicht mit dem Einschlafen endet. Es war doch wirklich alles absurd gewesen. Allerdings war das, was mich eigentlich plagte, gar nicht die Begegnung mit Bischoff an sich, sondern diese eine Frage, die er mir gestellt hatte: Worin meine Sehnsucht bestand. Ohne Nachzudenken. Was, wenn ich geantwortet hätte?

Ich sehne mich nach der Vergangenheit. Ich sehne mich danach, wieder in diesem Gefühl der Geborgenheit und Annahme zu sein, das mir mehr ist als die Illusion einer inneren Heimat. Ich sehne mich nach der Zeit mit Tutu, ich sehne mich nach dem Moment, bevor das Unheil der schicksalhaften Trennung über uns kam. Ich sehne mich nach ihrer Gegenwart, dann nach ihrem Duft, nach dem Gefühl, ihre Haut zu berühren, sie zu küssen, zu schmecken. Ich sehne mich danach, sie einfach nur anzusehen. Ich sehne mich danach zu sehen, wie sie unsere Tochter anlächelt. Und ich sehne mich nach dem Blick, den sie mir immer dann geschenkt hatte, wenn sie selbst fassungslos über ihre Liebe zu dem Vollidioten schien, der ich zeitlebens gewesen bin. Vor ihr. Mit ihr. Nach ihr.

Mitten in meine Gedanken klingelte das Telefon. Ich hätte es gern ignoriert, aber das Klingeln hatte etwas extrem Bedrohliches. Mutter . Verdammt, ich hatte Mutter vergessen. Heute. Treffen um 15 Uhr in ihrem Lieblingscafé. Der Laden hieß, benannt nach der Besitzerfamilie, Krutzinger, und befand sich in direkter Nachbarschaft zu einem Altersheim, in dem so ziemlich alle von Mutters noch nicht verblichenen Freundinnen mittlerweile vor sich hin residierten. Immerhin war es erst 13 Uhr und ich hatte also erstens noch zwei Stunden Zeit und zweitens die Möglichkeit zu behaupten, dass ich sie keineswegs vergessen hatte. Ich nahm den Hörer ab.

"Hallo?"

"Oh, ja, hallo, Richard, denkst du auch bitte an unser Treffen? Nicht, dass du es wieder vergisst. Du weißt ja, wie schrecklich ich darunter gelitten habe beim letzten Mal."

Mutter hatte an ihrem unerträglich mimosenhaften Tonfall in den letzten 40 Jahren derart intensiv gefeilt, dass ihr eine gewisse Perfektion nicht abzusprechen war. Erst recht seit Vaters Tod vor nunmehr acht Jahren war ihre Kunst zu einer so glanzvollen Performance gereift, dass ich ihr manchmal von Herzen wünschte, "gekränkte Hochsensibilität im Seniorenalter" würde noch zu ihren Lebzeiten zur olympischen Disziplin erhoben.

"Mutter. Was denkst du denn? Natürlich habe ich dich nicht vergessen. 15 Uhr bei Krutzinger. Kommst du allein oder bringst du eine von deinen sterbenden Freundinnen aus dem Heim mit?"

Da Mutter meinen Galgenhumor nicht wirklich übersetzen konnte, seufzte sie nur leise.

"Ts. Du bist wirklich unmöglich, Richard. Also bis gleich dann. Und sei bitte pünktlich."

"Ja, bis gleich."

Mutter legte auf. Das machte sie oft. Auflegen, ohne sich verabschiedet zu haben. Das machte mich irre. So wie alles andere an ihr auch.

Früher war ich in eine quasipathologische Lähmungsstarre verfallen, wenn Schulkameraden oder Freunde mir von ihren netten, warmherzigen Müttern erzählt hatten. Lange war ich überzeugt gewesen, dass mein Bauchgefühl irren musste, wenn es mir weismachen wollte, dass ausgerechnet meine Mutter ein furchtbarer, egoistischer, totalitärer, diktatorisch

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