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Herzfleischentartung Roman von Laher, Ludwig (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.11.2012
  • Verlag: Haymon Verlag
eBook (ePUB)
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Herzfleischentartung

Wider besseres Wissen konstatiert ein Arzt im Innviertler NS-Lager Weyer lange Zeit harmlose Todesursachen - bis er Ende 1940 mitten im Dritten Reich die Staatsanwaltschaft einschaltet. Ludwig Lahers Roman ist ein beklemmendes Werk, das sich über weite Strecken der Sprache und Logik der Mörder bedient.

Ludwig Laher, geboren 1955 in Linz, studierte Germanistik, Anglistik und Klassische Philologie in Salzburg, Dr. phil.; lebt in St. Pantaleon Oberösterreich). Er schreibt Prosa, Lyrik, Essays, Hörspiele, Drehbücher und Übersetzungen; dazu kommen wissenschaftliche Arbeiten. Mehrere Bücher, bei Haymon: Selbstakt vor der Staffelei. Erzählung (1998), Wolfgang Amadeus junior: Mozart Sohn sein. Roman (1999), Herzfleischentartung. Roman (2001), So also ist das / So That's What It's Like. Zweisprachige Anthologie (2002), Aufgeklappt. Roman (2003), Folgen. Roman (2005), Und nehmen was kommt. Roman (2007). Ixbeliebige Wahr-Zeichen? Über Schriftsteller-'Hausorthographien' und amtliche Regel-Werke (Studienverlag, 2008). Zuletzt: Einleben. Roman (2009) und Verfahren. Roman (2011, Longlist des Deutschen Buchpreises 2011).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 196
    Erscheinungsdatum: 05.11.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783709974506
    Verlag: Haymon Verlag
    Größe: 945 kBytes
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Herzfleischentartung

II

Ich wurde durch Telegramm des Amtsgerichtes Wildshut am 28. Dezember 1940 verständigt, dass im Arbeits-Erziehungslager in Weyer, Kreis Braunau am Freitag den 27. Dezember 1940 der Lagerinsasse Josef Mayer tot aufgefunden wurde. Nach Mitteilung des Lagerarztes besteht Verdacht des Todes durch Gewaltanwendung .

So nüchtern beginnt der Bericht des Rieder Oberstaatsanwalts Dr. Josef Neuwirth am vorletzten Tag des Jahres. Franz Kubinger und die Seinen haben sich absolut sicher gefühlt. An eine Anzeige, gar an einen Justizapparat, der sich nicht einschüchtern läßt, der ohne Ansehen der Person und Angst vor der Partei akribisch zu ermitteln beginnt, an derlei längst überwunden geglaubte Anachronismen haben die flotten Kameraden der SA-Gruppe Alpenland nicht im Traum gedacht. Umso unvorbereiteter trifft sie die losgetretene Lawine.

Lagerarzt Dr. Alois Straffner, selbst NSDAP-Mitglied, Ortsamtswalter der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und Gemeinderat von St. Pantaleon, hat also doch die Behörden eingeschaltet. Als Mitwisser und willfähriger Beurkunder von mehr oder weniger natürlichen Todesursachen, als Mediziner, der die Kollegen in den Spitälern am laufenden Band mit schrecklich zugerichteten Patienten beliefert, hat er sich längst exponiert. Er muß zusehen, wie die kleinen Führer der SA von Woche zu Woche monströsere Untaten begehen, weil offenbar tatsächlich alles, jede noch so sadistische Perversion absolut folgenlos bleibt. Allein im Monat Dezember haben sie bisher drei Menschen auf bestialische Weise umgebracht. Dr. Straffner bleibt die Wahl, täglich mehr in diese Verbrechen verstrickt zu werden oder den Befreiungsschlag zu riskieren. Die von Folterspuren übersäten sterblichen Überreste des Josef Mayer lassen das Risiko immerhin einigermaßen kalkulierbar erscheinen. Diesen Zustand sollen sie einmal erklären. Der Arzt atmet tief durch, schreibt eine Sachverhaltsdarstellung und fährt zum Gendarmerieposten Wildshut. Daß er ein paar Stunden später beim weihnachtlichen Kameradschaftsabend der NSDAP die Bombe intern hochgehen läßt, halten wir für ziemlich unwahrscheinlich.

Während die Gerichtskommission noch am nächsten Tag vor Ort ihre Arbeit aufnimmt, während Gerichtsmediziner Dr. Gerhardinger im Beisein seines Kollegen Straffner, des Oberstaatsanwaltes, des Bürgermeisters, eines Gendarmeriewachtmeisters und des örtlichen Totengräbers die Leichenöffnung vornimmt, während Dr. Neuwirth ankündigt, die Voruntersuchung wegen Verdachtes des Verbrechens des Totschlages einzuleiten, läuten bei Obersturmbannführer Franz und Truppführer August längst die Alarmglocken. Zwar teilt der Lagerkommandant den ermittelnden Beamten im Befehlston mit, polizeiliche Erhebungen auf dem von ihm kontrollierten Gelände werde er keinesfalls zulassen, der Mayer sei in der Nacht halt unglücklich vom Stockbett gefallen, aber schnell stellen sich die beiden auf ein Rückzugsgefecht ein.

Der gemarterte nackte Körper des Josef Mayer macht die gestandene Männerrunde rund um den Seziertisch schnell sprachlos. Über den blutverschmierten Knien ziehen Hoden in Kürbisgröße den Blick auf sich. Einer der Herren bricht schließlich das Schweigen, indem er sich ins Pathos einer biblischen Analogie flüchtet: Ecce homo! sagt er leise. Dann ist es wieder still. Man macht sich befangen an die Arbeit.

Nur die festgestellten Erfrierungen lassen sich einigermaßen sicher als Todesursache ausschließen, faßt der Gerichtsmediziner die vorläufigen Ergebnisse zusammen und wäscht sich die Hände. Bürgermeister Michael Kaltenberger scheint als einziger wenig beeindruckt, gleich am Tag nach der Autopsie wird er nämlich zur Sache einvernommen und beginnt seine Einlassungen vollmundig, jedes Wort ganz vorbildlicher Ortsgruppenleiter der NSDAP: Durch meine Obmannstelle komme ich des öfteren auf die Baustelle und habe s

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