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Heute wär ich mir lieber nicht begegnet Roman von Müller, Herta (eBook)

  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Heute wär ich mir lieber nicht begegnet

'Ich bin bestellt.' Eine junge Frau in einer Großstadt in Rumänien auf dem Weg zum Verhör beim Geheimdienst. Sie hat diese Fahrt mit der Straßenbahn schon oft machen müssen, doch diesmal hat sie aus einer Vorahnung heraus Handtuch, Zahnpasta und Zahnbürste eingepackt. Unterwegs lässt sie ihr Leben an sich vorüberziehen: die Kindheit in der Provinz, die halberotische Gier nach dem Vater, die Deportation der Großeltern, das sporadische Glück, das ihr mit Paul gelingt, auch wenn sein Trinken für ihre Liebe eine Last ist. Außen: starre Uhrzeiten, Haltestellen, ein- und aussteigende Personen, vorbeiziehende Straßen. All dies soll ablenken und führt doch immer wieder zurück zu: 'Ich bin bestellt.' Doch an diesem Tag hält der Fahrer an der Station, an der sie aussteigen muss, nicht an. Und sie beschließt zum ersten Mal, nicht zum Verhör zu gehen. Herta Müller, 1953 in Nitzkydorf/Rumänien geboren, lebt seit 1987 als Schriftstellerin in Berlin. Ihr Werk erscheint bei Hanser. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist die Literaturnobelpreisträgerin 2009.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446235359
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 620 kBytes
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Heute wär ich mir lieber nicht begegnet

Major Albu hebt meine Hand an den Fingerspitzen und drückt mir die Nägel zusammen, daß ich schreien könnte. Mit der Unterlippe küßt er meine Finger, die obere hält er frei, damit er reden kann. Er gibt mir den Handkuß immer auf die gleiche Art, aber beim Reden sagt er immer etwas anderes:

Na na, deine Augen sind heute entzündet.

Mir scheint, dir wächst ein Schnurrbart, in deinem Alter ein bißchen früh.

Ach, das Händchen ist heute eiskalt, hoffentlich nicht vom Kreislauf

Oje, dein Zahnfleisch schrumpft, als wärst du deine Oma.

Meine Oma ist nicht alt geworden, sage ich, es blieb ihr keine Zeit, die Zähne zu verlieren. Was mit den Zähnen meiner Oma war, wird Albu wissen, darum erwähnt er sie.

Als Frau weiß man, wie man heute aussieht. Und daß ein Handkuß erstens nicht weh tut, zweitens nicht naß ist, drittens auf die Rückseite der Hand gehört. Wie ein Handkuß auszusehen hat, wissen Männer besser als Frauen, Albu bestimmt auch. Sein ganzer Kopf riecht nach Avril, einem französischen Parfüm, das auch mein Schwiegervater, der Parfümkommunist, benutzte. Alle anderen Leute, die ich kenne, würden es nicht kaufen. Es kostet auf dem Schwarzmarkt mehr als ein Anzug im Laden. Vielleicht heißt es auch September, den bitteren, rauchigen Geruch von brennendem Laub verwechsle ich aber nicht.

Wenn ich mich an den kleinen Tisch gesetzt habe, sieht Albu, daß ich die Finger an meinem Rock reibe, nicht nur, um sie wieder zu spüren, sondern auch, um die Spucke abzuwischen. Er dreht an seinem Siegelring und schmunzelt. Und wenn schon, Spucke kann man abwischen, sie trocknet sogar von selbst und ist nicht giftig. Spucke hat jeder im Mund. Andere spucken auf den Gehsteig und zerreiben es mit dem Schuh, weil es sich nicht einmal auf dem Gehsteig gehört. Albu spuckt bestimmt nicht auf den Gehsteig, in der Stadt, wo man ihn nicht kennt, spielt er den feinen Herrn. Meine Nägel tun weh, aber er hat sie noch nie blau gedrückt. Sie tauen wieder auf, als kämen eiskalte Hände plötzlich ins Warme. Daß ich glaub, mir rutscht das Hirn vornüber ins Gesicht, das ist das Gift. Demütigung, wie soll man es anders sagen, wenn man sich am ganzen Körper barfuß fühlt. Nur was dann, wenn sich mit dem Wort nicht viel sagen läßt, wenn das beste Wort schlecht ist.

Seit drei Uhr heute morgen hab ich gehorcht, wie der Wecker tickt: Bestellt, bestellt, bestellt... Im Schlaf tritt Paul quer durchs Bett und zuckt zurück, so schnell, daß er ohne aufzuwachen selber erschrickt. Das ist eine Angewohnheit. Mein Schlaf ist vorbei. Ich liege wach und weiß, daß ich die Augen schließen müßte, um wieder einzuschlafen. Aber ich schließe sie nicht. Ich habe das Schlafen schon öfter verlernt und wieder lernen müssen, wie es geht. Es geht ganz einfach oder gar nicht. Alles schläft gegen Morgen, auch Katzen und Hunde streifen nur die halbe Nacht um die Mülltonnen. Wenn man weiß, daß man doch nicht schlafen kann, ist es leichter, im dunklen Zimmer an etwas Helles zu denken, als vergebens die Augen zuzudrücken. An Schnee, geweißte Baumstämme, weiße Zimmer, viel Sand - damit hab ich mir öfter, als mir lieb war, bis es hell wurde, die Zeit vertrieben. Heute morgen hätte ich an Sonnenblumen denken können, und tat es auch, aber vergessen, daß ich für Punkt zehn bestellt bin, kann ich dabei nicht. Seit der Wecker bestellt, bestellt, bestellt tickte, habe ich an Major Albu denken müssen, noch bevor ich an mich und Paul gedacht habe. Heute war ich, als Paul zuckte, schon wach. Ich hatte schon, als das Fenster grau wurde, an der Zimmerdecke ganz groß Albus Mund gesehen, die rosa Zungenspitze hinter der unteren Zahnreihe, und die mokante Stimme gehört:

Warum die Nerven verlieren, wir fangen erst an.

Nur wenn ich zwei, drei Wochen nicht bestellt bin, werde ich von Pauls Beinen geweckt. Dann bin ich froh, es zeigt sich, daß ich wieder gelernt h

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