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Heute von Julavits, Heidi (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.09.2016
  • Verlag: Atrium Verlag AG Zürich
eBook (ePUB)
16,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
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Heute

Ein magisches Buch über das Abenteuer, das wir 'Leben' nennen: Heidi Julavits erforscht die eigene Existenz und bringt dabei das Außergewöhnliche im Alltäglichen zum Leuchten: radikal persönlich, zutiefst wahrhaftig und hinreißend komisch.Heidi Julavits, Mitte vierzig, wohnhaft in New York, Autorin, Mutter und Ehefrau, beschließt, dem Leben auf die Spur zu kommen. Und da das Leben nun mal zum großen Teil aus vermeintlich Alltäglichem besteht, fängt sie genau dort an: bei den kleinen Dingen, wie Gesprächen mit Freunden, einem Wespenstich, der ein Telefonat durchkreuzt, dem Besuch einer Ausstellung unter Zeitdruck und kuriosen Erlebnissen mit eBay-Verkäufern. Dabei wird der Alltag auf überraschende Weise zum Auslöser von Auseinandersetzungen mit der Zeit, dem Älterwerden, dem Wesen von Beziehungen, von Freundschaft und Liebe. Clever, unerschrocken und mit einem hintersinnigen Humor stellt sich Heidi Julavits den großen Fragen, die untrennbar mit einem jeden Leben verbunden sind: Warum sind wir auf der Welt? Und wenn wir schon mal hier sind - was machen wir daraus?

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 23.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783037920862
    Verlag: Atrium Verlag AG Zürich
    Größe: 1344 kBytes
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Heute

21 . Juni

Heute habe ich mich gefragt: Was ist der Wert eines Tages? Früher war ein Tag lang. Es war hell und dann nicht mehr, Mahlzeiten fanden statt, und Schule fand statt, und Training fand vielleicht statt, und zwei Tage nach diesem Tag gäbe es eine Klassenarbeit, oder ein Englischaufsatz wäre fällig, oder es stünde eine Party an, auf die ich, so schien es, Jahre gewartet hatte. Tage waren Epochen. Liebe erblühte und verging an einem Tag. Wut loderte auf und wurde vergessen und von neuer Wut ersetzt, die ebenso vergessen wurde. Im Verlauf eines Tages gab es wahrnehmbare Stunden und Uhren mit Zeigern, die jede neue Minute hervortickten. Ich dachte: Wird dieser Tag denn nie zu Ende gehen? Bei Anbruch der Nacht fühlte ich mich, als hätte ich einen Krieg ausgefochten. Ich war verwundet; Schlaf würde nicht ausreichen, um mich zu heilen. Tage hallten in meinen Nerven nach, elektrische Impulse zeigten Nachbeben an. Tage hinterließen einen physischen Eindruck. Tage konnten schmerzen.

Das ist vorbei. Der "Tag" existiert nicht länger. Die kleinste Zeiteinheit, die ich wahrnehme, ist die Woche. Doch in den letzten Jahren ist auch die Woche, wie der Penny, zu einer nutzlos kleinen Währungseinheit geworden. Üblicherweise ist der Monat die kleinste Zeiteinheit, die ich wahrnehme. Aber ehrlich gesagt sind auch Monate nicht besonders bemerkenswert. Monate treten in Erscheinung, wenn Dinge - mit zunehmender Geschwindigkeit - fällig werden. Schulgeld wird fällig, und die Miete wird fällig, und die Krankenversicherung wird fällig. Ein Monat ist nicht von dem Gefühl gekennzeichnet, dass Zeit vergangen ist, sondern von einer Reihe automatisierter Abbuchungen. Ich gucke auf meinen Kontostand, nahe null, und weiß: Es muss März sein .

Da ich plötzlich zehn Jahre älter zu sein scheine als noch vor einem Jahr, habe ich beschlossen, ein Tagebuch zu führen. Wie viele Menschen führte ich Tagebuch, als ich jung war. Ab dem Alter von acht Jahren schrieb ich jeden Tag in dieses Tagebuch, und jeden Tag begann ich meinen Eintrag mit "Heute habe ich" oder "Heute bin ich". Heute bin ich in die Schule gegangen. Heute bin ich zu Andrea gegangen. Heute habe ich auf dem Friedhof gespielt. Heute habe ich nichts gemacht.

Vor Kurzem habe ich dieses Tagebuch meiner Kindheit als den Grund angeführt, warum ich Schriftstellerin geworden bin. Ich musste einem Raum voller Menschen, die meisten von ihnen über siebzig Jahre alt, erklären, warum . Ich hätte diese Frage auf unterschiedlichste Weise beantworten können. Aber ich versuche die Bedürfnisse meines Publikums zu antizipieren. Ich möchte ihnen eine Anekdote liefern, die so zugeschnitten ist, dass sie einen Widerhall in ihrer Lebenssituation findet. Dieser Wunsch bestimmt meine Antworten stärker als die Wahrheit. Was wollten oder sollten diese Menschen hören? Wenn ich mich, wie sie, dem Ende meines Lebens näherte, dann hätte ich, so stelle ich es mir vor, keine Geduld mehr für Mehrdeutigkeit und Unbestimmtheit. Ich stelle mir vor, dass es mich nach klaren Geschichten verlangen würde, weil ich bald in meinem Grab läge, wo mein Leben zu einem Namen, einem Datum, ein paar Kommata und einer Kategorie ("Ehefrau") zusammenschnurren würde.

Also erzählte ich eine saubere Geschichte. Eine Warum -Geschichte. Ich sagte, dass ich Schriftstellerin geworden sei, weil mein Vater mich an einem Märztag, als ich zehn Jahre alt war, während des unendlichen grau schattierten Finales eines typischen Winters in Maine zum Einkaufszentrum mitnahm, da wir schon lange nicht mehr wussten, wie wir die Zeit bis zum Frühling totschlagen sollten. Im Einkaufszentrum kaufte er einen Farbfernseher. In gewisser praktischer und emotionaler Hinsicht ergab diese Ausgabe Sinn. Unser alter Fernseher war schwarz-weiß. Wir schalteten zwischen den zweieinhalb verfügbaren Sendern hin und her, indem wir mit einer Zange

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