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Hinter der Blechwand Roman von Stasiuk, Andrzej (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.10.2011
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Hinter der Blechwand

In einem alten Lieferwagen klappern Wladek und Pawel die Märkte und Basare Südosteuropas ab. Bis vor kurzem sind sie ihre Second-Hand-Klamotten aus "Paris-London-New York" ohne Probleme losgeworden. Doch neuerdings tauchen zwischen Blech, Beton und schmutzigen Glasscheiben farbenfrohe Häuserblocks auf: malerische Hieroglyphen preisen Textilien aus China zu Dumpingpreisen an. Als Wladek sich in die Kartenverkäuferin eines slowakischen Wanderrummels verliebt, werden die beiden Freunde unversehens in das kriminelle Treiben von Menschenschmugglern hineingezogen. Was wie eine melancholisch-meditative "road novel" begann, entwickelt sich zu einer rasanten Verfolgungsgeschichte, in der es nicht mehr um gefälschte chinesische Westwaren, sondern um Leben und Tod geht. Andrzej Stasiuk hat einen Roman der Gegenwart und der Zukunft geschrieben - wie die Globalisierung über den Osten hereinbricht und ihn verwandelt. Szenen von verstörender Grausamkeit, Episoden von inständiger Zartheit, ein Abgesang auf den europäischen Kontinent: in dieser Melange liegt der Reiz seines neuen Buches. Die meisterhaft gezeichneten Landschaften im Abendlicht der Geschichte bilden den Hintergrund einer Erzählung vom materiellen und moralischen Zusammenbruch einer ganzen Lebenswelt.

Andrzej Stasiuk, der in Polen als wichtigster jüngerer Gegenwartsautor gilt, wurde 1960 in Warschau geboren, debütierte 1992 mit dem Erzählband Mury Hebronu (Die Mauer von Hebron) , in dem er über seine Gewalterfahrung im Gefängnis schreibt. Stasiuk wurde 1980 zur Armee eingezogen, desertierte nach neun Monaten und verbüßte seine Strafe in Militär- und Zivilgefängnissen. 1986 zog er nach Czarne, ein Bergdorf in den Beskiden.

1994 erschienen Wiersze milosne i nie (Nicht nur Liebesgedichte) , 1995 Opowiesci Galicyjskie (Galizische Erzählungen) und Bialy Kruk (Der weiße Rabe; 1998 bei Rowohlt Berlin), 1996 der Erzählband Przez rzeke (Über den Fluss ; diesem Band ist Die Reise entnommen) und 1997 Dukla .

2002 erhält er den von den Partnerstädten Thorn (Polen) und Göttingen gemeinsam gestifteten Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis. Den literarischen Jahrespreis Nike erhielt Andrzej Stasiuk 2005 für sein Buch Unterwegs nach Babadag.

Sein vielfach ausgezeichnetes Werk erscheint in 30 Ländern.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 349
    Erscheinungsdatum: 15.10.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518767306
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Taksim
    Größe: 2239 kBytes
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Hinter der Blechwand

IM HERBST sieht man, daß die Stadt stirbt. Diejenigen, die fliehen wollten, sind schon lange geflohen. In der Abenddämmerung hängt der Gestank brennender Blätter. Der Rauch mischt sich mit Nebel und verhüllt die Außenbezirke. Die Lichter werden gelblich und fahl. Man muß auf die Fußgänger achten, sie sind schwarz wie der Asphalt. Manchmal fahre ich kreuz und quer durch die Stadt und sehe, daß es keine Stelle gibt, wo man aussteigen möchte - und keinen Grund. Vier Kreuzungen, ein Kreisel, die Ampeln blinken gelb, schon um zehn Uhr abends. Bei Nordwind riecht man die sterbende Fabrik. Alle sind schon weg. Nur die, die es nicht schaffen, sind noch hier. Sie wachen morgens auf, schauen aus dem Fenster und gehen nicht aus dem Haus. Es sei denn, sie haben einen Hund. Dann gehen sie auf den Marktplatz und gucken sich die Todesanzeigen an, um zu sehen, wer gestorben ist, und sich zu freuen, daß es noch nicht sie erwischt hat.

Um zehn ist alles tot. Nur die Tankstelle lebt. Niemand tankt. Alle kaufen Alkohol oder sitzen in der Kneipe. Die Autos, die sie haben, werden immer größer, immer billiger und immer älter. Sie kaufen sie bei den Schlitzohren, die mit ausländischem Schrott handeln. Ja, alle gehen weg oder importieren etwas. Hier gibt es nichts. Diese Autos werden jeden Moment auseinanderfliegen, die Böden werden abfallen und die Karosserien in den Wäldern hinter der Stadt landen. So etwas kauft kein Mensch mehr. Da werden Füchse oder Rebhühner einziehen. Füchse sind klug. Ich sehe sie immer näher an der Stadt. Die Leute werfen Lebensmittel weg. Sie kaufen sie und können sie nicht essen, weil sie billig und eklig sind. Genau das richtige für die Füchse. Manchmal überqueren sie die Straße wie Katzen oder Hunde. Sie fressen die Wurst der Menschen und wohnen in verrosteten Limousinen. Schließlich räumt das Gerümpel keiner weg. Alteisen, zu nichts mehr nütze. Aber die von der Tankstelle stört das nicht. Meistens haben sie Glatzen und abstehende Ohren. Als wären sie unterernährt. Manchmal tanke ich nachts und betrachte sie durch die Scheibe. Ihre Bewegungen sind insektenhaft, nervös. Sicher hat man sie als Kinder geschlagen. Vergeblich. Sie sind dumm und fluchen ohne Ende. Aber später, wenn sie auseinandergegangen, wenn sie allein sind, huschen sie verstohlen im Schatten der Mauern entlang, den Blick gesenkt.

Die Bullen versammeln sich ebenfalls an der Tankstelle. Auch sie haben meistens Glatzen. Vielleicht sind sie nur ein bißchen besser genährt, größer, dicker und selbstsicherer. Aber es ist eine Selbstsicherheit, die sie aus amerikanischen Filmen gelernt haben. Außer der Tankstelle sind nachts in der Stadt nur die Videotheken offen. Die Leute nehmen sich zwei, drei oder vier Filme mit und gehen nach Hause. Die Bullen unterscheiden sich kaum von den anderen Leuten. Sie kommen sich vielleicht nur besser vor. Aber sie sind es nicht. Sie sind genau wie die Glatzköpfe mit den abstehenden Ohren. Sie schauen sich die gleichen Filme an und essen das gleiche Zeug in der Tankstellenkneipe. Und warten ebenso auf eine Revolution, die alles verändert. Das ist es, was ich in dieser Stadt spüre - Warten. Alle beschäftigen sich nur provisorisch mit dem Leben. Sie warten ab, in der Hoffnung, daß alles auf den Kopf gestellt wird, daß alles ganz anders wird, als es ist, daß die Letzten endlich die Ersten sein werden.

Gestern abend setzte ich mich neben einen Tisch, an dem ein Vater und sein Sohn saßen. Sie waren auf der Durchreise. Solche Leute erkennt man leicht, denn sie fühlen sich unsicher, schauen sich ständig um. Selbst wenn alles ruhig ist, können sie sich nicht beherrschen und sehen sich um, als erwarteten sie einen Hieb oder irgend

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