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Hotel Jasmin Roman von Ramadan, Jasmin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.08.2016
  • Verlag: Tropen
eBook (ePUB)
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Hotel Jasmin

Eigentlich will Roland mit seiner Mutter nichts mehr zu tun haben. Doch als die unscheinbare Grundschullehrerin Christiane Tarpenbek beschuldigt wird, eine somalische Schülerin beleidigt zu haben, interessiert sich ihr Sohn plötzlich wieder für sie. Mit scharfem Blick und zwanglosem Sound beschreibt die Autorin die Selbstfindung einer Mutter in einer zunehmend rassistischen Gesellschaft. Christiane Tarpenbek führt ein zurückgezogenes Leben. Dessen einziger Inhalt: Zigaretten, Gewinnspiele und ihr Sohn Roland, Vater unbekannt. Nachdem Roland den Kontakt zu ihr abbrach, weil sie seinen Lebensstil nicht tolerierte, geriet Christianes Welt ziemlich aus dem Gleichgewicht. Doch so richtig über den Kopf wächst ihr alles erst, als die Medien auf sie losgehen, weil sie Wind bekommen haben von der Geschichte mit der Somalierin. Christiane beschließt abzuhauen und tritt eine Reise nach Kairo an, die sie gewonnen hat. Dort angekommen, trifft sie auf einen alten Ägypter - der erste Mensch, der ihre Sehnsüchte und Ängste versteht. Einen langen Spaziergang später weiß Christiane endlich, was zu tun ist: Weg von allen Zwängen und raus in die Wüste! Jasmin Ramadan, geboren 1974, Tochter einer Deutschen und eines Ägypters, lebt in Hamburg. 2009 gelang ihr mit ihrem Debüt "Soul Kitchen" ein Überraschungserfolg. Für ihren Roman "Das Schwein unter den Fischen" erhielt sie 2012 den Hamburger Förderpreis für Literatur. 2014 folgte "Kapitalismus und Hautkrankheiten". Mehr über die Autorin unter: http://www.jasminramadan.de

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 269
    Erscheinungsdatum: 27.08.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783608111361
    Verlag: Tropen
    Größe: 2491 kBytes
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Hotel Jasmin

Balance

Am späten Nachmittag seines dreiundzwanzigsten Geburtstags entschied Roland Tarpenbek, seine Mutter als vermisst zu melden.

Etwas Mächtiges hatte die Nacht zuvor auf ihn eingehämmert, hatte sich dann in seinem Schlaf breitgemacht und war nun ausgeschlafener als er selbst. Liebeskummer war es dieses Mal nicht. Todmüde rang er nun mit Kopfschmerzen, und schwindelige Bilder blinkten auf wie Leuchtreklamen, sobald er die Augen schloss. Er legte sich auf den Bauch, schob die Hände unter das Kinn und starrte auf eine kleine dicke Spinne, die unter seiner kaputten Nachttischlampe baumelte. Der Gedanke, er könnte sie mit zwei Fingern zerquetschen, führte dazu, dass er sich wie ein gewalttätiges Kind fühlte.

Er hatte diese Art von Kind stets gefürchtet und sich schon als Siebenjähriger gefragt, woraus die Lust am Vernichten des harmlos Lebendigen erwächst. Man solle nicht psychologisieren, das sei so beknackt wie ungeübt auf Stelzen gehen, sagte Yolanthe immer, und was sie sagte, hielt er für wahr, weil er sie liebte, sie ihn aber nicht.

Yolanthe telefonierte lautstark vor seiner Zimmertür und steigerte sich gerade bis in die Vollen. Unermüdlich schritt sie hin und her, obwohl die Dielen knarrten und sie wusste, dass er seinen Schlaf brauchte, und dann brüllte sie: "Bleib mir vom Hals mit deiner Schönrederei! Das war kein Zufall, das war Provokation!"

Nachdem sie in Rolands Geburtstag reingefeiert hatten, war Yolanthe nach nur zwei Stunden Schlaf wieder aufgestanden, was nicht ungewöhnlich war. Selbst nach tagelangem Schlafentzug war sie bei Laune, stand pfeifend auf der Leiter, arbeitete bis in die Nacht an ihren Skulpturen, und man sah ihr nichts an.

Fasten, Essigkuren oder maßloses Schlemmen, Rauchen und Saufen, nichts setzte ihr sonderlich zu. Mal war sie dick, mal dürr, und nie verlor sie auch nur ein Wort darüber. Entweder würde sie plötzlich tot umfallen oder ewig leben. Um beide Möglichkeiten machte sie sich auch nach ihrem Vierzigsten keine Gedanken.

Roland drehte sich auf den Rücken, faltete die Hände über der Brust und stellte sich vor, er läge in einem Sarg und brächte den Sarg zum Schweben - und kurz war alles schön.

Yolanthe knallte die Tür ihres Zimmers zu, trat trotz Eiseskälte hinaus auf den Balkon, wippte in einem schwarzen Unterkleid auf und ab und dirigierte mit ihrer Zigarette die Stadt.

Nachdem Roland mit einem Feuerzeug bloß den Fensterrahmen getroffen hatte, verzog er sich unter die Decke und umarmte seine Knie. Aus dieser Position heraus musste er prompt dreimal niesen, wodurch der Kopfschmerz nachließ und nur noch ein Pochen zurückblieb. Vor Glück über das Abklingen des Schmerzes streckte er sich so ausgiebig, dass ihm die Ohren rauschten, und da kam ihm die folgenschwere Nacht im vergangenen Sommer wieder in den Sinn: Um Mitternacht, beim Anstoßen auf Yolanthes vierzigsten Geburtstag, war Roland im Gejohle plötzlich bewusst geworden, dass seine Mutter für immer aus seinem Leben verschwinden müsse, damit es für ihn vorangehen könne mit bald dreiundzwanzig Jahren. Bei diesem Gedanken hatte sich sein Gesicht zunächst auf eine irre Art schief angefühlt. Aber dann spürte er, wie das Blut durch seinen Körper schoss, er wurde hellwach und sah alles glasklar. Danach hatte er tagelang gute Laune, pervers gut.

Das Schiefe-Gesicht-Gefühl markierte ab dieser Entscheidung noch häufig Rolands neurotische Momente, schien aber niemandem aufzufallen. Ohnehin umgaben ihn meist Leute, für die Macken, die das Rampenlicht suchten, als Ausdruck originärer Intelligenz galten. Nie handelte es sich dabei um Freunde, jedoch meist um gute Gesellschaft.

Rolands tiefe Verbundenheit galt in entschiedener Weise ausschließlich Yolanthe.

Sie stellte eine Flasche Wasser neben die Matratze. Ihre Füße steckten in seinen blauschwarz gestreiften Wollsocken. Dann schlich sie auf Zehenspitzen wieder hinaus und setzte ihr Tele

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