text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Hubsi Dax von Feiten, Benedikt (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.10.2016
  • Verlag: Voland & Quist
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Hubsi Dax

Der Gitarrenlehrer Mark lebt mit seiner Frau Ida und der gemeinsamen Tochter Maja ein harmonisches Leben in einem Flow zufriedener Ambitionslosigkeit. Als aber das Haus, in dem er lebt, Luxuswohnungen weichen soll, wächst Trotz in ihm. Um die wenigen verbliebenen umzugsunwilligen Mieter zu vertreiben, denkt sich der Eigentümer immer neue Schikanen aus. Mark entschließt sich, den hausinternen Widerstandsgeist zu wecken und dem Vermieter entgegenzutreten. Der legendäre Hubsi Dax muss helfen. Benedikt Feiten wurde 1982 in Berlin geboren und lebt in München. Er ist mit dem Literaturstipendium der Stadt München ausgezeichnet worden. Nach dem Studium der Amerikanischen Literatur hat er seine Doktorarbeit über Musik in den Filmen von Jim Jarmusch geschrieben und an der Ludwig-Maximilians-Universität unterrichtet. Neben seiner Arbeit als Kulturjournalist und Redakteur ist er Trompeter und Cellist bei der Band 'my boys don't cry'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 10.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863911645
    Verlag: Voland & Quist
    Größe: 691 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Hubsi Dax

1

Schon seit drei Stationen erreicht er immer genau dann die Haltestelle, wenn der Bus wieder losfährt. Aber er hat Kampfgeist. Mit hochrotem Kopf rennt er neben dem Bus her. Und das bei der Hitze. Sogar hier im Bus ist es warm, obwohl die Klimaanlage trockene Plastikluft durchbläst und meine Kehle ausdörrt. Ich ziehe an meinem T-Shirt und fächere ein bisschen Luft darunter. Im Spiegel vorne sehe ich das Gesicht des Busfahrers. Riesige, silbern verblendete Sonnenbrille, doppelt gespiegelt die Straße. Mein Blick wandert zwischen ihm und dem Typen draußen hin und her. Die Augen des Busfahrers sind starr geradeaus gerichtet, na ja, soweit man das hinter der Brille beurteilen kann. Zumindest ist die Richtung fixiert, der Nacken unbewegt. Er scheint den Kerl gar nicht wahrzunehmen. Der holt noch mal alles aus sich raus. Verbissener Sprint, tief aus den Knien, bestimmt ein Sportler, Nackenmuskeln kontrahiert, Sehnen treten hervor, mit jedem Schritt eine ruckartige Kopfbewegung. Er findet in seinem letzten Aufbäumen sogar noch die Luft dafür, drohend mit den Fäusten herumzuwedeln, bevor seine Schritte austrudeln und er völlig außer Atem die Hände auf die Knie stützt. Für einen kurzen Moment glaube ich, einen flüchtigen Ausdruck der Zufriedenheit in den Mundwinkeln unter der verspiegelten Sonnenbrille zu erkennen. Dreckstag. Ich bin froh, im Bus zu stehen, auf der richtigen Seite, bei dem Typen mit der Sonnenbrille. Der hat die Kontrolle, Daumen hoch, oder eben runter. Neben ihm steht ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen, schwanger. Moment mal, die dicke Mutter neben ihr, der kleine Bruder auch schon mit leichtem Bauchansatz ... sie ist gar nicht schwanger, das ist eine normale Entwicklungsstufe, ganz im Rahmen des Familienwachstums. Kolumbusplatz. Ich stehe auf. Der Bus hält abrupt, und ich rutsche mit der verschwitzten Hand fast von der Stange ab.

"Schaug d'an o", sagt hinter mir ein Sandler zu seinem Saufkumpan, "wo d'Hosn hängt."

Der andere grinst:

"Hat er d'Hosn voll, ha?"

Sie lachen und prosten sich zu, mit ihren Oettingerflaschen. Ein Komikerduo, eingespielt, geben sich Vorlage, Pointe und auch gleich Applaus, alles im abgeschlossenen Kreis reguliert, selbstgenügend. Und sie nerven mich, nicht wegen des Kommentars, sondern wegen der Ironie. Wegen der Ironie, dass ich wirklich, wirklich dringend aufs Klo muss, und der Witz ist ganz klar zu einfach gestrickt, als dass ich über mich selbst darin lachen könnte. Die Türen gehen auf. Draußen ist es noch viel heißer als im Bus, die Hosenbeine kleben sofort an den Oberschenkeln. Der Bürgersteig ist aufgeheizt, die Außenmauern auch, schwere Haustür aus Holz aufsperren, rein in den modrigen kühlen Flur, dunkel ist es hier drinnen. An den Briefkästen stoße ich fast mit einem der Punker zusammen. Seit Neuestem hausen sie in den schon leer stehenden Wohnungen oder hängen dort rum, leben, wie auch immer.

"Oh, Verzeihung", sagt er übertrieben höflich, oder vielleicht auch nur höflich, je nachdem, ob er es ironisch gemeint hat.

"Macht nichts."

Wusste vorher gar nicht, dass es die überhaupt noch gibt, Punker, sieht man ja fast nie in München. Vielleicht sind es ja auch keine Punks, sondern Anarcho-Punks, Pop-Punks oder Post-Punks. Aber der hier wirkt recht klassisch, Prachtexemplar, T-Shirt mit abgeschnittenen Ärmeln, Sicherheitsnadel im Ohr. Der Fahrstuhl ist kaputt, ich weiß nicht, wie lange schon, gehe die Treppe hoch. Vier Stockwerke alter, schiefer Giesinger Holztreppenstufen, jede ein anderes Knarzen, wie die Klaviatur eines riesigen abgewetzten Xylophons. Eine fremde Skala, nicht in Halbtonschritten organisiert, sondern nach irgendeinem vergessenen System. Mein Gehör ist nicht gut genug ausgebildet, um es zu verstehen. Oben, am Ende der Tonleiter, ein komischer Kerl. Lungert vor meiner Tür rum. Halt, Richtigstellung, er lungert nicht rum, er steht aufrecht da, perfekte Körperspannung, wie ein Statist i

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen