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Hundskopf Erzählungen von Loher, Dea (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.12.2012
  • Verlag: Wallstein Verlag
eBook (PDF)
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Hundskopf

Dea Loher ist als Theaterautorin eine der meistgespielten und erfolgreichsten unter den Jüngeren. Mit diesem Prosadebüt erweist sie sich als stilsichere Erzählerin, deren Blick sich nicht beschränkt auf die Erforschung des Ich oder des Lebens in der deutschen Provinz (eingeschlossen die Metropolen), sondern auch in fernere Weltgegenden und tiefere Dimensionen der Realität reicht. Stets führen ihre Erzählungen zunächst in Situationen, die überschaubar wirken, fast harmlos, sich jedoch bald als doppelbödig erweisen. Da erhält etwa in der Titelerzählung Richard, Kneipier und dilettierender Musiker, einen Anruf von einer Unbekannten - und noch während er sich fragt, ob sie sich nur verwählt hat, gewinnt das Spiel etwas Verführerisches: Immerhin wird ihm unverhohlen ein Auftragsmord angetragen, und das Geld, das sich damit womöglich verdienen ließe, könnte ihn schon reizen. Eine andere Erzählung handelt von Anna und Johann, deren Hochzeitsreise nach Arizona unverhofft im Krankenhaus endet, weil Anna plötzlich Schmerzen im Unterleib hat. Nichts wirklich Schlimmes scheint vorzuliegen, und die Ärzte sind offenkundig vor allem daran interessiert, saftige Rechnungen zu schreiben, aber dennoch blickt der Leser bald in die Abgründe eines ganz existentiellen Nicht-Gesundseins. Oder man erfährt von Mink, der sich nach ein paar mißglückten Versuchen als Kleinstunternehmer in einer eher sentimentalen Anwandlung auf den Weg zu Helen macht, die seinerzeit neben ihrem Jurastudium - unerreichbar für ihn - als Tabledancerin gejobbt hatte. Mittlerweile soll sie eine erfolgreiche Anwältin sein. Dea Loher erzählt Geschichten von Menschen, die 'auf der Schwelle stehen, bereit, hineinzugehen oder hinaus'. Sie holt - lakonisch verknappt - Wirklichkeit in ihre Texte bis zu genau dem Punkt, an dem die Überblendung der Perspektiven die Handlung ins Unheimliche umschlagen läßt. Dea Loher, geboren 1964 in Traunstein, studierte Germanistik und Philosophie in München. Sie lebt in Berlin. Ihre Theaterstücke wurden mit zahlreichen Preisen gewürdigt, darunter dem Dramatikerpreis der Hamburger Volksbühne, dem Jakob-Michael-Lenz-Preis, dem Gerrit-Engelke-Preis und dem Mühlheimer Dramatikerpreis.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 114
    Erscheinungsdatum: 05.12.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783835306981
    Verlag: Wallstein Verlag
    Größe: 255 kBytes
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Hundskopf

Honeymoon (S. 7)

Anna muß sich ganz ausziehen, bis auf die Unterwäsche, und mit den Armen in einen halblangen weißen Kittel schlüpfen, der am Rücken offen ist. Die Schwester kommt mit einem Clipboard und einem Formular. Sie ist ungefähr fünfzig, hat schulterlange, vom Färben ausgetrocknete Haare und einen Leberfleck auf der Stirnmitte, der aussieht wie ein drittes Auge. Auf ihrem Namensschild steht "Nancy". "Ich habe Schmerzen, hier", Anna legt die Hand auf den Unterleib.

Sie ist froh, daß ihr jetzt jemand zuhören muß, jemand, der etwas von Krankheiten versteht, jemand, der die Ursache ihres Schmerzes finden und beseitigen wird. Dreiauge Nancy lächelt freundlich, fragt nach ihrem Namen. "Anna", sie zögert, bevor sie weiterspricht, "Anna Börde". Ihr Nachname ist derselbe geblieben, manchmal in den letzten Wochen hat sie gedacht, es wäre schön, den anderen Namen angenommen zu haben, der ein neuer gewesen wäre, dann ist sie wieder zufrieden, daß für sie alles geblieben ist, wie es war.

Sie muß den Nachnamen buchstabieren. Nancy blickt konzentriert auf Annas Lippen. "Sie sind Touristen." "Ja", erwidert Anna. Sie sieht zu Johann hinüber, der in der Tür lehnt und die Szene betrachtet. "Tourists. On honeymoon." Sie spricht ein sorgfältiges, akzentbeladenes Englisch.

Dreiauge wiederholt die Worte in angehobener Tonlage, skandiert "won-der-ful" im Singsang falscher Herzlichkeit. "Wie gefällt es Ihnen in Arizona", während sie Anna am Arm nimmt und vom Bett herunterdirigiert auf die Körperwaage. Anna sieht wieder zu Johann, der schiebt die Schultern hoch. Dreiauge schubst das Gewicht auf der Waagskala ein wenig nach rechts und notiert etwas auf ihrem Clipboard.

Anna braucht keine Antwort zu geben. Ihre Größe wird gemessen und ihr Blutdruck, und Nancy will wissen, ob sie raucht, die Pille oder andere Medikamente nimmt, sich in psychologischer Behandlung befindet und wann ihre letzte Menstruation war. Anna spürt ihre Angespanntheit langsam weichen, die Fragen ernüchtern sie.

Sie liegt, den Oberkörper halb aufgerichtet, auf dem Bett und sucht Johanns Blick. Sein Gesicht ist müde und bleich. Seit sie im Krankenhaus angekommen sind, hat er kein Wort mehr gesagt. Früher, vor langer Zeit, machte er morgens schon Witze, denkt Anna, er turnte vor dem Bett herum und brachte mich zum Lachen. Sie würde es gerne Schwester Nancy erzählen, aber die tupft Annas Armbeuge steril für die Blutabnahme und hat keine Zeit, um zuzuhören.

Sie hatten das Krankenhaus am frühen Morgen gefunden, nachdem sie mehr als fünfzig Meilen durch die Wüste gefahren waren. Im Wartezimmer der Notaufnahme saß eine Handvoll dösender Patienten, die wirkten, als würden sie ihre Ration täglicher Benzos abholen wollen. Anna mußte an die Scheibe des Aufnahmeschalters klopfen, damit jemand auf sie aufmerksam wurde. Sie sagte, "Schmerzen, ich habe Schmerzen, ich brauche einen Arzt." Die Frau hinter der Scheibe sah ihr gelangweilt ins Gesicht und verzog ein wenig den Mund, als könne sie Annas Englisch nur schwer verstehen.

Johann blieb in der Tür stehen. Johann blieb immer in der Tür stehen, auf der Schwelle, bereit, hineinzugehen oder hinaus. Anna wandte von Zeit zu Zeit den Kopf zu ihm, während sie mit der Scheibenfrau kämpfte, und wünschte, er würde das für sie erledigen, und sie könnte sich auf einen der zerkratzten Plastikstühle setzen und ausruhen. Die Frau wollte Annas Sozialversicherungsnummer. "Wir sind keine Amerikaner. Wir machen hier nur Urlaub." "Wie wollen Sie dann die Untersuchung bezahlen." "Die Krankenversicherung wird das Geld überweisen. Sie bekommen das Geld aus Europa."

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