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Ich, Bertha Pappenheim von Maciejewski, Franz (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.08.2016
  • Verlag: Osburg Verlag
eBook (ePUB)
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Ich, Bertha Pappenheim

Mit Bertha Pappenheim (1859-1936) begegnet uns eine der großen Gestalten der deutsch-jüdischen Geschichte. Zu Lebzeiten war sie eine Berühmtheit. Als streitbare Feministin gründete sie den Jüdischen Frauenbund und stritt mit Martin Buber über eine Reform des orthodoxen Judentums. Nach dem Ersten Weltkrieg beriet sie den US-Präsidenten Woodrow Wilson und initiierte beim Völkerbund den Kampf gegen den internationalen Mädchenhandel. Als mutige Aktivistin an vielen Fronten dabei, geriet sie dennoch nahezu in Vergessenheit. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Unter dem Kürzel Anna O. lebt Bertha Pappenheim im kulturellen Gedächtnis weiter. Es ist der ihr zugeschriebene Patientenname, unter dem sie - als kapriziöse 'Hysterikerin' - zur Primadonna der frühen Psychoanalyse avancierte. Wie passen die zwei Leben zusammen? Franz Maciejewski nimmt das Versatzstück der 'Anna O.' als das, was es ist: die schillernde Spitze eines Eisberges. Er macht sich dabei den Umstand zunutze, dass Bertha Pappenheim, schon als Patientin die Erfinderin der 'Redekur', eine geniale Erzählerin war. Und so lässt er sie ihre Geschichte nach Art der Anna O. selbst erzählen. Es entsteht ein Bild von der Schönheit der Sittlichkeit, hinter dem aufblitzt, was Hannah Arendt treffend die 'unzeitgemäße Aktualität' von Bertha Pappenheim genannt hat.

Franz Maciejewski, Dr. phil., geboren 1946, Soziologe mit Ausbildung in Psychoanalyse, ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen in den Bereichen Kultur und Gedächtnisgeschichte der Moderne, Ethnopsychoanalyse und Freud-Biographie sowie Holocaust und Antisemitismusforschung. Maciejewski lebt als freier Autor in Heidelberg. Im Osburg Verlag sind bereits erschienen: 'Freud in Maloja' (2008), 'Echnaton oder Die Erfindung des Monotheismus' (2010) sowie 'Nofretete' (2012).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Erscheinungsdatum: 23.08.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783955101244
    Verlag: Osburg Verlag
    Größe: 1221kBytes
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Ich, Bertha Pappenheim

1.

Womit anfangen? Nein, nicht mit dem A und O eines medizinischen Falls, das mir wohlmeinende Ärzte überstülpten wie eine Zwangsjacke. Viel lieber mit der Maskerade, die ich mit mir selber anstellte: Ich, Bertha Pappenheim, in der Tracht der Glückel von Hameln. Eine kleine Verrücktheit, die ich mir Mitte der 20er Jahre leistete, unter besonderen Umständen.

Hannah war ein Jahr zuvor nach Frankfurt gekommen, um im Jüdischen Frauenbund mitzuarbeiten. Ihre Kompetenz und professionelle Einstellung überzeugten uns alle, vom ersten Tag an. Wie sie quasi aus dem Stand die Redaktion der gerade erst ins Leben gerufenen Blätter des Bundes betrieb, war einfach großartig. Aber das war es nicht, jedenfalls nicht allein. Nicht für mich. Mit Hannah kam ein neues Licht in unseren Kreis. Ein Licht, das aus ihren Augen sprang, das um ihren Mund spielte, wenn sie lachte. Es war ansteckend, dieses Lächeln, von einer überspringenden Lebendigkeit, die mich ergriffen und verjüngt hat. Ich wusste natürlich, dass es in den Zügen einer über Sechzigjährigen keinen Platz hatte. Aber eine Erinnerung half mir zu verstehen, was da mit mir vor sich ging.

Ich hatte diesen Gesichtsausdruck schon einmal gesehen. Gesehen, aber nicht erlebt. Vor langer Zeit, als ich in Wien die katholische Mädchenschule besuchte. Eine der Nonnen zeigte uns Kindern eines Tages Leonardos Anna Selbdritt , als "frommes Bild mütterlicher Liebe" (wie sie es nannte). Dieses innige Ineinander der Hl. Anna mit ihrer Tochter Maria auf dem Schoß und dem Jesusknaben zu ihren Füßen. Das berühmte Leonardo-Lächeln auf den Gesichtern der beiden Frauen - Frauen ohne Männer, deren Altersunterschied der Künstler seltsamerweise nicht gelten ließ -, das war es, was ich bei Hannah wiedergefunden habe. Und was mir die Erinnerung als ein Wunschbild zurückgab.

Ich habe Hannah geliebt für das starke Gefühl, in ihr eine Tochter an meiner Seite zu wissen, also eine Mutter sein zu dürfen, vereint in der Sorge um den weiteren Nachwuchs: die Kinder unseres Mädchenclubs, die Waisen und Zöglinge unseres Heims in Isenburg. Hannah kam mir nah wie keine. Sie half mir, daran zu glauben, dass ich meinen Platz gefunden hatte in der langen Reihe starker jüdischer Frauen. Und dann im Herbst diese verrückte Geschenkidee mit Blick auf meinen nächsten Geburtstag.

"Wir möchten Ihnen zum Festtag ein Bild schenken, aber kein gewöhnliches. Wir wollen ein Porträt von Ihnen anfertigen lassen, ein Ölgemälde. Was meinen Sie?"

Aus dem Mund von Hannah. Als hätte sie ihre Antwort auf meine geheime Bildphantasie gefunden. Sie, als Sprecherin, im Kreis der Mitarbeiterinnen. Ich, die Leiterin, von ihnen wie der zugehörige Mittelpunkt gleich weit entfernt. Ich war sprachlos und bat um Bedenkzeit. Der Stein war ins Wasser gefallen und zog unaufhaltsam seine Kreise. Ein wahrer Stein des Anstoßes, wie sich herausstellen sollte. Er zeigte mir Seiten, die ich glaubte, längst abgelegt zu haben. Die Vorstellung, in Öl gemalt zu werden, beflügelte nach und nach meine Phantasie. Ich ertappte mich, wie ich vor den Spiegel trat und mich nicht ohne Eitelkeit betrachtete. Wie ich das Modellsitzen probeweise durchspielte und mit mir selber ins Reden kam.

"Endlich: die schönste Spitze, die funkelndste Kette. - Schlohweißchen braucht ein Haarnetz, besser eine Haube. - Achte auf deine Hände, die Linke mit dem alten silbernen Ring muss gut getroffen werden. - Gibst du die kluge Autorin, die kämpferische Feministin oder die ehrliche Haut der Erzieherin?"

Ach! Ich kokettierte mit den sich anbietenden Posituren und Rollen, um unversehens an meinen Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten zu verzweifeln. Wer war ich denn, die da verewigt werden sollte? Für wen um Himmels willen sollte ich posieren? Ich brauchte Wochen, bis ich mit mir ins Reine kam. Die Lösung des Dilemmas war ein Versteckspiel, bei dem sich der Wunsch, der Freude über das Geschenk nachzugeben, und di

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