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Ich komme mit Roman von Waldis, Angelika (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.08.2018
  • Verlag: Wunderraum
eBook (ePUB)
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Ich komme mit

Seit 42 Jahren wohnt Vita Maier in dem Haus in der Torstraße 6. Als junge Mutter ist sie hier eingezogen. Doch längst ist der Sohn aus dem Haus, der Mann unter der Erde. Für ihren Nachbarn, den Studenten Lazy, ist Vita die Alte von oben, denn für Lazy gibt es nur seine Freundin Elsie. Doch so plötzlich, wie die Liebe kam, und ebenso heftig, kommt die Krankheit. Sie verscheucht Elsie und die Zukunft. Im Treppenhaus liest Vita einen mageren, erschöpften Lazy auf und nimmt ihn zu sich, um ihn mit Wurstbroten aufzupäppeln. Eine ungewöhnliche, lustige und seltsam innige Freundschaft entsteht. Dann kommt der Tag, an dem ein neues Blutbild die Zuversicht kaputt macht. "Ich steige aus", sagt Lazy. "Ich komme mit", sagt Vita. Und so begeben sich zwei Lebensmüde auf eine verrückte letzte Reise. Angelika Waldis, geboren 1940, machte mit ihrem Mann viele Jahre lang das wegweisende Schülermagazin "Spick". Mit sechzig begann sie, Bücher zu schreiben. Sie lebt bei Zürich.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 27.08.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641228552
    Verlag: Wunderraum
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Ich komme mit

1

Lazy

Elsie lacht, wenn ich sie aufs Ohr küsse. Bei anderen Küssen bleibt sie ernst. Fußsohle, Bauch, Nippel: ernst.

Wenn wir uns lieben, notiert sie das nachher in ihrem Moleskine-Buch: elsielazy mit einem Kreis drum.

"Elsie, ich liebe dich." "Ich auch", sagt sie. "Ich meine, ich liebe dich auch." Sie ist genau.

Wir haben in der ersten Vorlesung nebeneinander gesessen, Zufall. Ein Bleistift fiel ihr runter und rollte in meine Richtung, Zufall. Wir bückten uns gleichzeitig. Unsere Köpfe berührten sich.

Erstes Mal berühren: Montag. Erstes Mal Arm um ihre Schulter legen: Dienstag. Erstes Mal küssen: Mittwoch. Erstes Mal das Ganze: Donnerstag.

So schnell ging das alles. Sie hatte schon mal, ich noch nie. Am liebsten denke ich an den Montag zurück, an das Berühren der Köpfe, Haar an Haar, geduckt unter der Tischplatte. Eine Ladung lautlose Erotik. Rotbraunes Elsie-Haar, buschig wie ein Eichhörnchenschwanz.

Der Titel der Vorlesung war "Die Schatten der Sklaverei im kolonialistischen Denken der Gründerzeit". Gehört zum Basismodul 1. Wissenschaftliche Beschäftigung mit Quellen. Zu schreiben ist ein kurzes Referat. Zu schreiben ist eine Schilderung von Elsies Haut, die ist fein, kühl und fest. Herr Professor, stellen Sie sich vor, Sie fahren mit der Fingerspitze über einen frischen Champignon. So fühlt sich die Haut Ihrer Studentin Elsie Lichtenhahn an. Der Duft? Kein Duft. Außer ganz leicht nach Minze. Und übrigens ist sie zart hellbraun.

Wenn wir gehen, hüpft sie. Wenn wir laufen, springt sie. Wenn wir reden, saust sie. Sie sagt "Es ist zwölf, ich habe Hunger, gehen wir essen" in drei Sekunden. Ich brauche dafür fünf. Ich hab es gemessen. Was ich da mache, wollte sie wissen. "Ich messe deine Redegeschwindigkeit." "Lazy, du bist crazy." Dafür brauchte sie eineinhalb Sekunden. Sie hat eine Sprungfeder. Sie ist ein Eichhörnchen. Sie ist mein rotbraunes Glück.

Seit sie bei mir ist, bin ich nicht mehr bei mir, ich bin außer mir.

Ich kann es nicht fassen, dass es wahr sein soll.

Liebe.

Fünf Vorlesungen haben wir gemeinsam. Nebenbei schnuppert sie bei den Germanisten. So hat sie das gesagt, und gleich war ich eifersüchtig. Ich hab halb versteckt gewartet, bis die Germanisten aus dem Hörsaal kamen, und hab sie mir angesehen. Da sind durchaus ansehnliche Typen dabei, und zwei, drei sehen bestimmt besser aus als ich - eine gute Sprungzone für ein Eichhörnchen. "Du sollst nicht an den Germanisten schnuppern", sag ich, "nur an mir." Elsie lacht. Sie lacht viel. Sie lacht schön. Klingt wie ein leises Klimpern.

"Ich hab bereits geschnuppert", sagt sie. "Sie riechen nach Muschg und Grass und deutschem Deo."

"Und ich?"

"Nach Lazy Laval. Nach Lazy Laval Extra Spray."

Sie will alles wissen. Über mich: Lazar Laval, genannt Lazy. Über Vater und Mutter. Über Geburtsort und Wohnort. Über Kindergarten und Internat. Ich erzähle und erzähle. Ich hab gar nicht gewusst, dass ich so viel über mich weiß. Wenn ich mit Erzählen ins Stocken komme, schubst sie mich wieder an wie einen Reifen, der schwankt, bevor er kippt. Mir fällt wieder ein, woran ich seit Jahren nicht mehr gedacht hab. Das Nachthemd meiner Mutter. Die gelben Finger des Mathelehrers. Der gemeine Sam im Haus Torstraße. Dann sind die Freundinnen dran. Rita. Carla. Elsie will wissen, was ich mit ihnen gemacht hab, wo ich sie getroffen, wo ich sie angefasst hab. Rita war nur in meinen Vorstellungen meine Freundin, ich war dauernd mit ihr im Bett. Mit Carla hab ich mich im Schwimmbad getroffen, einen Sommer lang. Als ich ihr ein Eis holte und es in den Sand fallen ließ, sagte sie "Arschloch", da hatte ich genug von ihr. Elsie lacht.

Jetzt solle sie mal erzählen, sag ich, aber Elsie weicht aus und schubst mich wieder in meine Erinnerungen, und ich grabe irgendwelche Kleinigkeiten aus. Eine Papierkrone von der Drittklasslehrerin fürs beste Diktat. Ein

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