text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Ich schneie von Kohout, Pavel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.02.2016
  • Verlag: Saga Egmont
eBook (ePUB)
7,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Ich schneie

Nach der 'sanften Revolution' kehrt der Ökonomieprofessor Viktor Král aus dem Exil im fernen Kanada ins heimatliche Prag zurück, wo Ich-Erzählerin Petra Márová die große Liebe ihres Lebens bereits sehnlich erwartet und nun beide wieder zueinanderfinden. Doch das, womit andere Romane aufhören, ist hier erst der Anfang, denn jetzt scheint Viktor seine Vergangenheit einzuholen: Sein Name taucht in einem Agentenregister des untergegangenen kommunistischen Regimes auf. Als sich herausstellt, dass ein ehemaliger Major der Staatssicherheit, der ebenfalls in Petra verliebt ist, hinter dem Eintrag steckt, wirft das neue Fragen auf. Wer lügt, wer sagt die Wahrheit? In ihrer Suche nach Antworten dringt Petra immer tiefer in die Vergangenheit ein - eine Wahrheitssuche, die zugleich eine spannende Aufarbeitung der jüngeren politischen Geschichte Mitteleuropas und ihres beklemmenden Fortwirkens bis in die Gegenwart ist. Pavel Kohout, 1928 in Prag geboren, zählt zu den international bekanntesten Schriftstellern und Dramatikern. Als einer der Wortführer des 'Prager Frühlings' von 1968 wurde er aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und über 20 Jahre totgeschwiegen. Mitverfasser der 'Charta 77', daraufhin 1979 ausgebürgert. Zu seinen bekanntesten Werken gehören 'Die Henkerin' (1978), 'Wo der Hund begraben liegt' (1987) und 'Sternstunde der Mörder' (1995). 2010 erschien seine Autobiografie 'Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel'. Pavel Kohout lebt heute wieder in Prag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 01.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9788711461402
    Verlag: Saga Egmont
    Größe: 1477 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Ich schneie

1

Mea culpa. Mea maxima culpa!

Aber warum so hochgestochen? Blöd bin ich, blöd hoch zwei!

Allerdings, allerdings: Habe ich das voraussetzen können? Als ich meiner Gábina bei der Torte, die ich zu ihrem Fünfzehnten gebacken hatte, knieschlotternd über zehn Ecken klarmachen wollte, warum sie bald ihre erste Blutung kriegen würde (ich unaufgeklärtes Kind verschämter Katholiken hatte einst verzweifelt geglaubt, ich hätte eine schwere innere Verletzung), teilte sie mir fast beleidigt mit, ohne ihre Schafsmiene zu verändern, sie sei doch keine Jungfrau mehr.

Dieser Junge maß an die zwei Meter und machte den Eindruck eines umschwärmten Beglückers anspruchsvoller Frauen. Ich hatte ihn zuweilen in der Betriebskantine bemerkt (er war nicht zu übersehen) und mit der Zeit jene angenehme Schwingung verspürt, die mir sagte, daß er sehr wohl von mir wußte. Nicht im Traum wäre ich aber auf die Idee gekommen, mich mit einer Person männlichen Geschlechts einzulassen, soviel jünger als ich.

Als ich ihn jetzt an Bord erblickte (die noch unter den Totalitären geplanten Gelder für Transparente beim Maiumzug hatte unser Betrieb in diesem Mai 91 für eine festliche Dampferpartie springen lassen), kam mir aus heiterem Himmel der Gedanke, wie aufregend es wäre, von ihm umarmt zu werden. Ich war sogleich entsetzt (mein erster Hase? verdammt früh!), drehte ihm den Rücken zu und plauderte krampfhaft mit den Kollegen von der Anzeigenabteilung. Nach zwei Vierteln waren sie nicht minder fad, dafür aber um so aufdringlicher, die Zielscheibe ihrer peinlichen Komplimente waren wieder einmal meine Brüste. (Bei der Arbeit schnürte ich mich wie ein Ulanenoffizier, für das Schiff hatte ich natürlich einen recht enganliegenden Pullover angezogen.)

Vorübergehend machte mir das Aufflammen unseres Chefreporters Spaß. Ohne Zweifel hatte auch ihn mein 'Busensignal' (Zitat: Olin, früher verbotener Bildhauer, jetzt nach dem großen Knall Spektabilis oder so was) angelockt, doch er bemühte sich wenigstens, sein Gelüst kultiviert zu tarnen, indem er von seiner Art Journalismus erzählte, die ihm den Ruf eines Kommunistenfressers einbrachte und dem Blatt die Auflage erhöhte. Doch er spielte sich ungehemmt auf, was mich in Rage brachte.

"Wie lang machen Sie schon diesen Job?" fragte ich unschuldig.

"Fünf Jahre." (Er tappte mir arglos in die Falle.)

"Schade, daß Sie nicht auch früher so schreiben durften, dann hätten die hier nicht bis voriges Jahr ihren Mist gebaut."

"Na logisch, das ging nicht!"

"Na logisch, jetzt geht doch alles!"

Er stürzte das halbe Glas auf einmal hinunter, um sich an die Bar begeben zu können. Im Windschatten der Brücke nahm ich danach eine unaufschiebbare Operation vor: Ich erklärte dem sterbenslangweiligen, mir allerdings nicht unsympathischen Redakteur der Persönlichen Nachrichten (als einziger der Staatskatholiken im ganzen Betrieb war er auch vor der Revolution in die Kirche gegangen), daß mich allein die Existenz von Julien daran hindere, auf sein Eheangebot einzugehen. (Mein erdachter französischer Verlobter aus Amiens half mir, mein Privatleben zu bewahren und zu verschleiern; den Nachnamen Sorel verriet ich ausschließlich jenen Anbetern, die mit Sicherheit nicht Stendhal kannten.)

Später, als der Moldaudämpfling hinter der Vranover Schleuse wendete und über uns in der Dämmerung Girlanden aus bunten Glühbirnen aufflammten, kam Wehmut in mir auf. Es war Erster Mai, der Liebe Zeit, doch Viktor hatte sich nach einmonatigem Schweigen auch heute nicht gerührt, so daß ich, einem bewährten Aberglauben zufolge, bis zum nächsten Mai keinen Liebeskuß empfangen würde ...

Ich ging an die Theke zurück, um mir noch ein Viertel Roten zu holen. Das weckte die Lust zum Rauchen in mir. Also mußte ich beim Trinken zulegen, um den Nikotin- und Alkoholspiegel auszupendeln (andernfalls drohten mir Kopfschmerz oder Sodbrennen). Eine Weile ließ ich es zu, daß me

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen