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Ich und Ben von Dury, Andreas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.01.2014
  • Verlag: Conte Verlag
eBook (ePUB)
6,99 €
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Ich und Ben

'Gegen halb fünf kam Ben, zusammengefaltet wie eine Fangheuschrecke und im nächsten Moment ein kleiner Mensch.' Ich und Ben erzählt in 13 Kapiteln die Geschichte eines Vaters und seines Sohnes, von der Geburt Bens bis zu seinem Haftantritt kurz vor dem 21. Geburtstag. Die Erzählungen sind wie das Leben der beiden: fragmentiert, ohne roten Faden. Ist es deshalb unglücklich, dieses Leben? Die Frage nach dem Glück stellt sich in allen Geschichten. Dury erzählt in gewohnt radikaler Offenheit einfache Alltagsgeschichten aus ungewöhnlichen Perspektiven. Der Ich-Erzähler stolpert durchs Leben, ein bisschen tragisch, ein bisschen komisch. Um eine wachstums- und entwicklungsorientierte Lebensführung schert er sich keinen Deut. Andreas Dury, geb. 1961, wuchs im pfälzischen Dahn auf. Er studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik in Tübingen, München und Berlin und absolvierte eine Ausbildung als Programmierer. Heute arbeitet er selbstständig als Autor, in der Erwachsenenbildung und als Softwareentwickler. Er ist Vorstandsmitglied des VS-Saar. Zahlreiche Veröffentlichungen, v.a. '... als ich in die Stadt kam', (Erzählungen, 1999), 'Schachtelkäfer' (Roman, 2003). 1999 Georg-K.- Glaser-Preis, 2003 Martha-Saalfeld- Preis und Buch des Jahres Rheinland-Pfalz, 2005 Sonderpreis beim Sketch- und Geschichtenwettbewerb Dillingen a.d. Donau. Außerdem war Andreas Dury mit seinem Roman "Oh Tapirtier" für den Pfalzpreis für Literatur 2010 nominiert.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 190
    Erscheinungsdatum: 16.01.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956020216
    Verlag: Conte Verlag
    Serie: Conte Roman Bd.27
    Größe: 1158 kBytes
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Ich und Ben

Februar 1988 – Westberlin

Wir gingen uns aus dem Weg, wo wir konnten, aber manchmal stießen wir doch aufeinander in der großen Altbauwohnung, auf dem Flur, in der Küche, und dann weinten wir und wandten uns ab, oder wir weinten und umarmten uns. Das war alles, was wir noch füreinander tun konnten. Vorher hatten wir schon Bens Nachnamen ändern lassen, sodass er jetzt so hieß wie ich und nicht mehr so wie sie. Außerdem hatten wir eine Vollmacht beglaubigen lassen, nach der Lisa alles billigte, was auch immer ich mit unserem Sohn unternahm. Es gab jetzt nichts mehr zu tun, außer wegzugehen. Ich sterilisierte Bens Flaschen, kochte Brei, packte Koffer und Kisten und trug alles zum Auto. Ben stolperte mir immerzu hinterher, oder ich trug ihn auf dem Arm.

Ich dachte, dass er sich nie an diesen Tag erinnern wird, dass er gar nicht merkt, was mit ihm geschieht und wie ihm eine Wunde zugefügt wird, die niemals heilt.

Lisa hielt die Tür zu ihrem Zimmer geschlossen. Manchmal kam sie heraus. Sie ging mit schleppenden Schritten in die Küche und brühte sich einen Malzkaffee. Dann trug sie die dampfende Tasse mit dem Charlie-Brown -Motiv in ihr Zimmer und blieb wieder für einige Zeit verschwunden.

Gegen zwanzig Uhr brachte ich Ben ins Bett und wusste immer noch nicht, wohin wir fahren sollten. Irgendwann dachte ich: ans Meer, ans große Wasser, wo alle Wege beginnen, und dann faltete ich die Landkarten auf dem Wohnzimmertisch aus und legte die Route fest. Ein alter Freund von mir lebte an der Küste. Früher hatten wir zusammen gesoffen, gekifft und Pilze gefressen, wir waren auf Felsen geklettert und hatten uns mit den Bullen angelegt. Er war mit einer Französin verheiratet, die einen Frisörsalon in Le Treport hatte, in der Normandie. Ich dachte, vielleicht freut er sich, wenn er uns sieht.

Gegen zehn klopfte ich an Lisas Zimmertür. Sie saß im Dunkeln vor ihrem Fenster. Jemand schaltete die Hofbeleuchtung ein, und ein schwaches orange-gelbes Schimmern fiel auf ihr Gesicht. Schritte hallten im Hof. Das Tor quietschte und schwang ein paar Sekunden später mit dem üblichen Poltern in den Rahmen zurück. Der Zeitschalter des Hoflichts tickte. Dann war es wieder dunkel. Ich sagte, dass wir jetzt fahren. Sie kam auf mich zu und fiel so gegen mich, dass ich dachte, sie ist ohnmächtig geworden. Wir umarmten uns lange. Dann sank sie auf ihr Bett und legte ihr Gesicht auf das Kissen. Ich schloss leise die Tür.

Ben schlief weiter, als ich ihn zum Auto trug und auf den Rücksitz legte. Ich fuhr los. Manchmal wachte er auf und ich gab ihm etwas zu trinken. Ich konnte das Auto mit den Knien lenken und dabei ins Handschuhfach greifen und eine Flasche nach hinten reichen und gleichzeitig eine Zigarette drehen. Außerdem hatte ich ein paar Semester dieses und jenes studiert. Es war klar, dass es nicht reichte für die Zukunft, in die ich Ben jetzt führte.

In Kassel-Wilhelmshöhe stoppte ich das erste Mal, tankte, trank Kaffee und fuhr sofort weiter. Als die Sonne aufging, roch ich das Meer. Es war Ende Februar. Ich fuhr das Auto auf einen Parkplatz direkt am Strand. Das ruhige Meer wälzte die Kiesel. Ich ging ans Wasser und sah die Schaumkronen aus dem Dunkel kommen wie die Zeilen eines endlosen Textes, der vor meinen Füßen versickert. Ich kehrte zum Auto zurück, kurbelte die Sitzlehne nach hinten und versuchte zu schlafen. Als ich endlich ruhig wurde und die Drift in den Schlaf einsetzte, erwachte Ben. Er stand auf dem Rücksitz und haute mir seine kleine Hand auf den Kopf. Er war sehr fröhlich, als dieser Tag begann.

Ich trank den Kaffee, der noch übrig war, und aß die restlichen Brote. Ben hatte keinen Hunger. Dann zogen wir los. Es war ein sonniger Tag. Die Ebbe hatte e

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