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Im Grenzland Roman - Ausgezeichnet mit dem aspekte-Literaturpreis von Fatah, Sherko (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.10.2015
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Im Grenzland

Ausgezeichnet mit dem 'aspekte'-Literaturpreis für das beste Prosadebüt 2001
Eine verminte Grenze, die Familien trennt, Liebende auseinanderreißt, Menschen zerstört. Aus dem kurdischen Niemandsland zwischen Iran, Irak und Türkei, in dem die Geschichte spielt, kam auch der Vater von Sherko Fatah, der literarischen Entdeckung des Jahres 2001. In seinem von der Kritik hymnisch gelobten Debüt erzählt er die Geschichte eines Grenzgängers. Der Mann ohne Namen arbeitet als Schmuggler im verminten Gelände. Er hat einen Pakt mit den Minen geschlossen: Solange er sie nicht verrät, verraten sie auch ihn nicht. Doch als sein Sohn verschwindet, ist auf einmal alles anders. Aus Liebe macht er sich auf die Suche nach ihm - ein gefährliches Unterfangen.

Sherko Fatah wurde 1964 in Ost-Berlin als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen geboren. Er wuchs in der DDR auf und siedelte 1975 mit seiner Familie über Wien nach West-Berlin über. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte. Für sein erzählerisches Werk hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den Großer Kunstpreis Berlin der Akademie der Künste und den Adelbert-von-Chamisso-Preis 2015, außerdem den Aspekte-Literaturpreis für den Roman 'Im Grenzland'. Er wurde mehrfach für den Preis der Leipziger Buchmesse (2008 mit 'Das dunkle Schiff', 2012 mit 'Ein weißes Land') nominiert und mit 'Das dunkle Schiff' auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2008 gewählt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 26.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641187262
    Verlag: btb
    Größe: 1268kBytes
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Im Grenzland

3

O bwohl es heiß war, zog sich der Schmuggler einen alten Militärmantel über, bevor er seine Reise antrat. Er brauchte die vielen Innentaschen, um das Geld und seine Habseligkeiten darin zu verstauen. Der Mantel war dunkelgrau wie Asphalt und nicht sehr lang. Der Schmuggler stand in der Küche und versuchte, sich auf das Kommende vorzubereiten. Er überprüfte noch einmal den Inhalt aller Taschen, knöpfte die zu, die noch Knöpfe hatten. Danach setzte er sich wieder an den Tisch und beendete sein Frühstück aus Fladenbrot und Schafkäse. Er warf noch drei Würfel Zucker in das halbleere Teeglas, rührte bedächtig um und trank den übersüßten Rest in einem Zug.

Er schnallte sich den großen, leeren Rucksack um. Dann griff er in der Manteltasche nach dem Tütchen Salz, dem Drahtstück und der kleinen Schaufel. Im Glas eines Küchenschranks warf er einen letzten Blick auf den Mantel, dessen dunkle Nähte seinen Körper segmentierten. Er dachte kurz an seine Frau, die diesen Mantel aufgetrieben hatte, als der Krieg zu Ende ging. Und er wußte, daß er nicht fortfahren durfte, an seine Familie zu denken, denn es öffnete den Boden unter ihm; eine Empfindung, die in dieser Stärke völlig neu für ihn war und die er sofort zu vergessen suchte.

Die Straßen hatten sich bereits stark aufgeheizt, Lastenträger und Teejungen drängten an dem Mann vorbei, der bedächtig das Haus verließ, ohne jemandem auf Wiedersehen zu sagen. Er ging die Straße entlang in genau dem Tempo, das er bis weit außerhalb der Stadt beizubehalten vorhatte. Als er die warmen Mauern erreichte, die sich zum Platz vor der Moschee öffneten, sah er kurz auf die Quarzuhr, die er ohne Armband, mehr zum Spaß in der Manteltasche trug. Er berechnete den Weg und stellte zufrieden fest, daß er gegen Spätnachmittag am Fluß sein würde.

Die Stadt um ihn bereitete sich auf die Mittagsruhe vor. Verschleierte Frauen machten einen deutlichen Bogen um den grauen Mann. Er schaute in den Himmel, wie um etwas daran abzulesen, doch außer dem undurchdringlich dichten Blau zeigte er nichts. Dieser Himmel war genau so wie der fast aller anderen Tage, und für den, der unter ihm lebte, lag der Gedanke nahe, daß er unabhängig von der Zeit und ihrem wechselnden Licht bestand.

Der Schmuggler nahm seinen Weg durch die Gassen, dorthin, wo die Stadt abrupt in einer Bauwüste endete. Die Häuser sahen roh und ungefügt aus, ihnen fehlte der Putz, ein paar hundert Meter weiter schon das Dach, und schließlich reckten sich nur noch Gerüste in die Höhe. Wo das Land begann, ging die Straße in trockenes Gras über, das anfangs noch von umherliegenden Gerüstteilen durchschnitten war, bis die ersten Steine auftauchten, unregelmäßig geformt, verstreut, wirkten sie doch ebenso sicher plaziert wie die Häuser, so vertraut, daß der Platz, an dem sie lagen, vorherbestimmt schien. Er sah die Ebene vor sich, den weichen Horizont in der Hitze und dachte unwillkürlich an den Fluß, tastete kurz nach der Wasserflasche unter dem Mantel.

Ungefähr auf halbem Wege über die Ebene traf er auf Soldaten, die er hier nicht erwartet hatte. Der Schweiß trat ihm aus allen Poren, und er schämte sich dafür. In den Augenblicken, die er brauchte, um ein akzeptables Lächeln zu formen, spielte er alle Möglichkeiten durch. Das Geld reichte für die Grenzsoldaten und alles, was mit den Einkäufen zu tun hatte.

Schon bei der letzten Tour waren ihm Veränderungen aufgefallen. Einmal gab es viel mehr Reifenspuren als früher, und zudem sah er auf dem Rückweg vom Berg, dem höchsten Punkt seiner Reise, Rauch aus einem engen, unbewohnten Tal aufsteigen. Die Reifenspuren stammten wohl von hierher versetzten Soldaten, der Rauch aber konnte völlig andere Besucher der Gegend anzeigen. Die Frage war, ob sie mit oder ohne Duldung der Armee hier waren. Der zweite Fall war der für ihn schlechtere. Als er sich dem Transporter näherte, war er froh, vor diesem Gang seinen Preis erhöht zu

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