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Im Licht der Lagune Roman von Ortheil, Hanns-Josef (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.02.2013
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
eBook (ePUB)
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Im Licht der Lagune

Auf der Entenjagd macht der Conte di Barbaro einen seltsamen Fund: Im Schilf der Lagune hat sich ein Boot verfangen, und darin liegt ein junger Mann, nackt und scheinbar tot. Nach langer Zeit der Pflege erwacht er aus seiner Bewußtlosigkeit, an seine Herkunft kann er sich aber nicht erinnern. Nachdem ihn der Conte in seinem Palazzo aufgenommen hat, zeigt er eine bestechend genaue Beobachtungsgabe, die ihn zu einem genialen Maler und Zeichner werden lässt. Auch die junge Caterina Nardi, di Barbaros Nachbarin und seine heimliche Liebe, wird auf den schönen Fremden aufmerksam. Sie macht ihn nach ihrer Heirat mit di Barbaros jüngerem Bruder, der als venezianischer Gesandter in London tätig ist, zu ihrem ständigen Begleiter. So beginnt ein faszinierendes Kammerspiel, in dem Erotik und Malerei sich immer inniger durchdringen und zu einem berauschenden Fest der Sinne steigern. In Hanns-Josef Ortheils Roman wird das Venedig des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit seinen Palazzi und alten Dynastien, mit seinen labyrinthischen Gassen, den heimlichen Gondelfahrten und lauten Komödienbesuchen wieder zum Leben erweckt. Noch einmal erstrahlt diese Welt in ihrem verführerischen Glanz, eine Welt, in deren Zerfall sich die Ankunft ihres genialsten Malers, William Turners, ankündigt. Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und zuletzt dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 28.02.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641108663
    Verlag: Luchterhand Literaturverlag
    Serie: btb 72477
    Größe: 733 kBytes
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Im Licht der Lagune

2

Der Conte wartete im Kreuzgang des Klosters San Giorgio, bis der Abt alles Nötige veranlaßt hatte. Er behandelte die Sache mit erstaunlicher Sachlichkeit, so, als sei er an solche Fälle gewöhnt. Di Barbaro aber spürte noch immer die innere Unruhe; seine Finger waren erkaltet, und er bemerkte ein leichtes Zittern der Hände, das ihn verärgerte. Im Grunde ging ihn dieser Tote nichts an, und doch hatte sein Anblick eine wunde Stelle seines Inneren berührt. Er ging langsam auf und ab, unwillig mit dem Kopf schüttelnd, als könnte er alles mit einigen Gesten abtun. Dann sah er den Abt, der schnellen Schrittes auf ihn zukam. Sie umarmten sich. Obwohl sie gut miteinander befreundet waren, hatten sie einander seit Monaten nicht mehr gesehen.

"Was denkst Du darüber?" fragte der Conte.

"Daß er aussieht wie einer unserer gemalten Heiligen, wie die Figur eines Altarbilds ...", antwortete der Abt.

"Daran dachte ich auch", sagte der Conte. "Und was machen wir nun mit soviel erkalteter Schönheit?"

"Wir begraben sie feierlich und schweigen."

"Glaubst Du, daß er eines natürlichen Todes gestorben ist? Ich glaube es nicht. Und müssen wir nicht wenigstens herausbekommen, wer er ist?"

"O nein, lieber Paolo. Diesen Fragen werden wir nicht weiter nachgehen. Wir werden ihn bestatten und für seine Seele beten."

"Vielleicht wollte man ihn sogar loswerden. Ich vermute, er trieb tagelang so auf dem Wasser."

"Mag sein, was geht es uns an? Er ist tot."

"Hast Du seine Haare gesehen? Ich habe noch selten so gepflegte Haare gesehen, beinahe wie die einer Frau ..."

"Ja, die Haare ... Aber wir sollten uns nicht in solche Betrachtungen vertiefen. Wir sollten ihn beerdigen und vergessen, mehr können wir nicht für ihn tun. Sobald wir Fragen stellen, werden sich die Behörden einschalten und das Fragen übernehmen. Sie werden sich hier einnisten und wochenlang schwadronieren. Sie werden Karten spielen und die unsinnigsten Theorien aufstellen, und wir werden sie verpflegen müssen. Ich sehe sie schon vor mir, wie sie hier einfallen und sich mittags und abends über unsere Polenta hermachen."

"So oft fütterst Du Deine Lieben mit diesem Zeug?" fragte der Conte.

"Damit sie nicht in Versuchung kommen. Polenta und Risotto, das reicht. Abwechslungen im Essen machen nur lüstern und auf die Dauer doch unzufrieden. Das zufriedene Leben ist ein einfaches Leben, das jede Veränderung scheut."

"Was Du nicht sagst! Dann müßte ich ja ein glücklicher Mensch sein", lachte der Conte. "Ich hause in meinem Palazzo wie einer Deiner Mönchsbrüder in seiner Zelle. Ich gebe mich keinen Ausschweifungen hin, ich besuche wöchentlich einmal die Messe, ich arbeite dann und wann für unsere Republik, und ich ernähre mich wie eine Maus, die manchmal an einem Stück Käse knabbert."

"Aber Du bist nicht glücklich, Paolo. Das bist Du nicht."

"Ah, Du mußt es wissen! Und warum bin ich nicht glücklich?"

"Weil Du nicht verheiratet bist, Paolo! In Deinem monströsen Palazzo fehlt die Frau und fehlen vor allem die Kinder. Was Ihr Euch einbildet, Ihr vornehmen Herren! Eine Familie nach der andern stirbt aus, weil Ihr es nicht fertigbringt, wenigstens einen der Söhne zur Heirat zu zwingen! Deine Mutter hat mich beschworen, Dir ins Gewissen zu reden. Jetzt ist sie schon über zwei Jahre tot, und zehn Jahre sind seit dem Tod Deines Vaters vergangen! Ein sechsundvierzigjähriger Mann wie Du sollte geheiratet haben! Oder wird Dein Bruder Dich darin übertreffen?"

"Antonio ist noch immer in England, als Sekretär unserer Gesandtschaft. In einem Jahr wird er den Gesandten ablösen."

"Er fehlt Dir. Ich sehe Dir an, daß er Dir fehlt", sagte der Abt und legte den rechten Arm um di Barbaros Schultern. Der Conte blieb stehen. Jetzt wußte er, warum ihn die Entdeckung des Toten so unangenehm berührt hatte. Seit dem Tod seiner Mutter hatte er keinen Leichn

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