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Im Licht der Zeit Roman von Rai, Edgar (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.08.2019
  • Verlag: Piper Verlag
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Im Licht der Zeit

In Amerika hat der Tonfilm längst die Kinos erobert, Deutschland verliert mit seinem Stummfilm den Anschluss. Nun soll die mächtige Ufa das Land wieder an die Spitze führen, koste es, was es wolle. Ein halbes Jahr später hat der geniale Karl Vollmöller fast alles beisammen: eines der modernsten Tonfilmateliers, den gefeierten Oscarpreisträger Emil Jannings, den besten Stoff und den perfekten Regisseur. Sein Film, 'Der blaue Engel', wird nicht einfach einer mehr sein, er wird ein neues Zeitalter einläuten, da ist sich Vollmöller sicher. Nur die Hauptdarstellerin fehlt. Die Dietrich könnte passen, als Revuegirl ist sie eine Klasse für sich. Aber sie besitzt doch keinerlei schauspielerisches Talent! Vollmöller würde ihr trotzdem ein Vorsprechen verschaffen. Edgar Rai, geboren 1967 in Hessen, studierte Musikwissenschaften und Anglistik. Von 2003 bis 2008 war er Dozent für Kreatives Schreiben an der FU-Berlin. Seit 2012 ist er Mitinhaber der literarischen Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin. Mit seinem Bestseller 'Nächsten Sommer' (2010) gelang ihm der Durchbruch als Autor. Außerdem erschienen 'Die fetten Jahre sind vorbei' (Roman zum Film von Hans Weingartner 2004) ), 'Vaterliebe' (Roman, 2008), 'Salto Rückwärts' (Roman, 2010), '88 Dinge, die Sie mit Ihrem Kind gemacht haben sollten, bevor es auszieht' (Sachbuch zus. mit Hans Rath, 2011), 'Sonnenwende' (Roman, 2011), 'Wenn nicht, dann jetzt' (Roman, 2012) sowie zuletzt 'Die Gottespartitur' (2014) und 'Halbschwergewicht' (2018). Als Autorenduo zusammen mit Hans Rath entwickelte er die Kriminalromanreihe 'Bullenbrüder', zu denen die beiden auch die Drehbücher verfasst haben. Außerdem legte Edgar Rai unter dem Pseudonym Leon Morell den Bestseller 'Der sixtinische Himmel' vor. Er lebt mit seiner Frau, der Übersetzerin Amelie Thoma, und den gemeinsamen Kindern in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 05.08.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492995153
    Verlag: Piper Verlag
    Größe: 5676 kBytes
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Im Licht der Zeit

1

Berliner Volkszeitung

2. Februar 1917

Der K. u. K. Heeresbericht

Amtlich wird verlautbart:

Außergewöhnlich strenges Winterwetter unterbindet auf der gesamten Ostfront jedwede stärkere Kampftätigkeit. Auch vom italienischen Kriegsschauplatz und aus Albanien ist nichts Wesentliches zu melden.

Der mannshohe Spiegel aus besseren Tagen lehnte an der Wand und schien sie von unten herauf anzublicken. So wirkten ihre Beine noch länger, als sie es ohnehin waren. Marlene legte eine Hand in den Nacken, die andere in die Taille, schob kokett ihr Becken vor. Kindchen, hatte Tante Vally letzten Sommer zu ihr gesagt, diese Beine werden es noch mal weit bringen. Marlene liebte ihren Spiegel, und der Spiegel liebte ihre Beine.

Marlene liebte auch Tante Vally, die immer so fesch gekleidet war und sich so damenhaft zu bewegen wusste. Allein die Art, wie sie ihre Handschuhe auszog, hatte etwas kolossal Mondänes. Eigentlich war sie auch noch nicht alt, gerade einmal dreißig. Selbst Mutter war noch nicht alt, nur zehn Jahre älter als Vally, aber im Gegensatz zur Tante wirkte Josephine verbissen, wie eine alte Hündin, die ihren Knochen verteidigte, obwohl der längst abgenagt war. Dabei war auch Tante Vally bereits verwitwet. Bis auf die ganz alten waren bald alle verwitwet. Man fragte sich, wer an den vielen Fronten überhaupt noch kämpfte.

Marlene versuchte es sitzend, auf der Bettkante, ein Bein ausgestreckt, den Kopf zur Seite gedreht. Nein. Ihre Beine, ja, die waren über jeden Zweifel erhaben, auch an den Schultern gab es wenig auszusetzen. Doch wenn das Licht sie von der Seite traf, so wie jetzt, warf ihre Nase einen grotesken Schatten auf die Wange. Unmöglich sah das aus.

Als Tante Vally ihr sagte, dass ihre Beine es noch weit bringen würden, hatte sie einen ähnlichen Blick auf Marlenes Beine gehabt wie jetzt der Spiegel. Allerdings war Marlene nicht gänzlich nackt gewesen. So weit hatte Tante Vally sich nicht gehen lassen. Immerhin hatte sie erlaubt, dass Marlene sie küsste, während Elisabeth und Mutter unten in der Schlange vor dem Bäcker standen und darauf warteten, ihre Brotkarten gegen etwas Essbares einzutauschen. Das dauerte für gewöhnlich.

Tante Vally zu küssen hatte Marlene heißkalte Schauer über den Rücken laufen lassen, mehr noch als das Küssen selbst aber erregte sie, dass Tante Vally so sehr versuchte, es nicht zu wollen. Dass diese weltgewandte und selbstsichere Frau so hilflos und zugleich berauscht war angesichts von Marlenes leidenschaftlichem Drängen. Bei Vallys nächstem Besuch, das hatte Marlene sich fest vorgenommen, würde sie es nicht bei Küssen belassen. Sie erhob sich und stellte ihr linkes Bein aus. Wohlwollend betrachtete sie die sanfte Erhebung ihres Venushügels. Ihrer Figur hatte der Krieg nicht geschadet. Noch dünner allerdings durfte sie nicht werden. Magere Frauen waren ein Graus.

Die Tür schwang auf. "Um Himmels willen!" Auf halber Höhe - Marlenes Kammer war der Hängeboden über dem Badezimmer, und Josephine stand auf der Treppe - erschien Mutters Kopf. "Was ist das bloß mit dir?"

Marlene sah sie von oben herab an, von Scham keine Spur. Nicht einmal die Knie nahm sie zusammen. Das war es, was Josephine am meisten Sorgen bereitete: diese Schamlosigkeit. Jeder hatte von Zeit zu Zeit unzüchtige Gedanken, Begierden und Sehnsüchte. Aber wenn die sich schon nicht unterdrücken ließen, dann doch bitte im Geheimen!

"Wieso hast du nicht geklopft?", fragte Marlene.

"Ich habe sehr wohl geklopft, zweimal!"

Endlich lupfte Marlene ihren Büstenhalter vom Spiegel und begann sich anzukleiden. "Und warum hast du geklopft? Geübt hab ich schon - zwei Stunden."

"Becce ist da. Er möchte dich sprechen."

Marlene fuhr herum. "Becce? Hier, bei uns?"

"Er steht im Flur wie ein begossener Pudel, offenbar

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