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In der mittleren Ebene Erzählungen aus den kapitalistischen Jahren von Jakubzik, Frank (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.09.2016
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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In der mittleren Ebene

Alles beginnt mit einem ebenso allgegenwärtigen wie zumeist überhörten Stöhnen: Die Mitarbeiter in der "mittleren Ebene" des IT-Konzerns McWorthy leiden still unter den Zumutungen ihres Jobs. Nie können sie sicher sein, wo sie sich befinden und wohin sie unterwegs sind (oder sein sollten). Letztes Mittel der Selbstbewahrung: die Flucht ins Irrationale. Das Upgrade in die First Class wird zum Lebenszweck; die Opferung eines USB-Sticks zum Karriere-Boost, der eigene Unfalltod im geliebten Cabrio zum irgendwie erleichternden Wunschtraum. Mit allen möglichen Einbildungen und Fiktionen versuchen die Figuren dieser Erzählungen, sich das Arbeitsleben erträglich zu machen, oder überwinden sich zu neuen Verbiegungen und Unterwerfungen. Unausgesprochen steht hinter allem die Frage: Warum haltet ihr das alles aus? Frank Jakubzik, geboren 1965, übersetzte unter anderem Zygmunt Bauman, G. K. Chesterton, Colin Crouch, Daniel Miller und Franco Moretti.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 11.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518748862
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1588 kBytes
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In der mittleren Ebene

Führung

Damals stellte ich mir Kessler immer in einer Landschaft vor, wie man sie von Wandkalendern kennt, die in Hinterräumen von Tankstellen über in Zetteln zerfließenden Schreibtischen hängen. Prachtvoll blühende Sommerfelder, kobaltblauer Himmel. Der goldene Weizen mannshoch! Im Vordergrund eine frisch asphaltierte Landstraße, auf der ein sportlicher Wagen unaufhaltsam in nie berührte Fernen schießt. Kessler, das Steuer fest in der Hand, die Landschaft kaum beachtend, reibt sich mit dem Zeigefinger die Nasenspitze und denkt natürlich über Schiffner-Sender nach.

Der neue Deutschlandchef war hochgewachsen, schlank und schlaksig, und hatte mit Ende dreißig immer noch mehr von einem Jungen als von einem Mann. Seine Dynamik und sein Selbstvertrauen hatten ihn hochgebracht; er hatte eine Art, den Kopf merkwürdig raubvogelhaft seitlich vorzustrecken und einen mit schiefgehaltenem Gesicht anzusehen, daß einem - ganz gleich, ob er gerade redete oder zuhörte - irgendwie blümerant wurde (und sei es, daß man fürchtete, über seine schlaksige Ungelenkheit lachen zu müssen, was Schiffner-Senders Position keineswegs angemessen und daher kaum ratsam gewesen wäre). Seine Augen blitzten hell, aber auch immer irgendwie verwundert, hinter den Brillengläsern. Er verkörperte geradezu so etwas wie die Leidenschaft für Genauigkeit, und das mußte ihren Vorgesetzten gefallen haben - zumal kein übertriebenes Interesse an tatsächlicher Genauigkeit dahinterstand, sondern nur deren Gestik aufschien. Das sah zugleich versponnen und überzeugend aus - so einen Mann konnten sie gut brauchen!

Wie Kessler selbst war auch Schiffner-Sender ursprünglich Ingenieur gewesen und hatte es vermutlich immer sein wollen, seit er denken und mit Fischertechnik spielen konnte. Aber das Ingenieursein hatte sich als etwas vollkommen anderes herausgestellt, als sie zuvor geglaubt hatten. Fachfremde Aufgaben noch und noch - sie hatten sich als für höhere Zwecke geeignet erwiesen, wie es schien, und es lag nicht in ihrer beider Natur, solchen Rufen zu widerstehen. Im Gegenteil, die Neugierde packte sie wie bei der Erkundung des Funktionierens irgendeiner anderen Maschine, die auf optimalere Werte zu trimmen war. Sie spitzten die Ohren, machten die Augen auf und fanden sich kaum fünf Jahre und ein paar Querversetzungen später im gehobenen Management wieder, wo sie mit anderen halblaut die Köpfe über die Verbohrtheit der Altvorderen schüttelten (ohne es je an Respekt fehlen zu lassen).

Dann war Schiffner-Sender urplötzlich an die Spitze gerückt worden und hatte gleich die Vertriebsmannschaft ganz neu aufgestellt, alte Gebietsschutz-Pfründe hinweggefegt mit nüchterner Rechnerei, und den Saleslemmingen Beine gemacht mit einer Quotierung, die selbst Halbgötter im Vizepräsidentenrang (Murphy zum Beispiel) die Augenbrauen heben ließ.

Jahrelang war, wie die von Schiffner-Sender veranlaßten Erhebungen gezeigt hatten, die Softwaresparte mit gerade mal fünfhundert Kunden ausgekommen, fünfhundert alteingesessenen (zugegeben oft größeren) Kunden bei einer annähernd gleichgroßen Anzahl von Vertriebsmitarbeitern. Wirklich peinlich, mußte man sagen - ein Account pro Salesmann. Selbst wenn es ein größerer war - Mannomann! Man lebte von alter Substanz, alter Größe - während jüngere, schlankere Mitbewerber links und rechts vorbeizogen, indem sie billigere und leichter vermittelbare Lösungen vertickten (und das Geld mit deren nachträglicher Justierung verdienten).

Am Produktportfolio hatte Schiffner-Sender nichts ändern können, das folgte weltweiten Vorgaben. Aber er hatte den Vertrieb in Coldcall-Aktionen gejagt mit einer knallharten Darstellung der Fakten, die allemal wirksamer war als der Wir-sind-aus-Tradition-die-Größten-Quatsch von anno dunnemals. All die arrivierten Vertriebler in ihren schmucken Pullundern und gepflegten Sakkos hatten wochenlang über Kaltakquisen schwitzen dürfen, und die Marketingleute, an

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