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In Extremis von Parks, Tim (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.09.2018
  • Verlag: Verlag Antje Kunstmann
eBook (ePUB)
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In Extremis

In Extremis ist ein existenzieller Roman und gleichzeitig einer der lustigsten, der über Tod und Familie geschrieben wurde. Thomas weiß, dass es etwas gibt, was er seiner Mutter noch sagen muss, bevor sie stirbt. Aber wird er das rechtzeitig schaffen? Und wird er den Mut haben zu sagen, was er vorher nicht sagen konnte? Sein Telefon brummt, in seinem Kopf dreht sich alles und er kann sich nicht darauf konzentrieren, was gerade passiert und worauf es ankommt. Soll er versuchen, den Familienkonflikt zu lösen, in dem sich sein Freund gerade befindet? Sollte er die Trennung von seiner Frau nochmal überdenken? Warum ist er so ungeheuer verwirrt, ja geradezu paralysiert? In diesem überaus anregenden Roman erkundet Tim Parks, wie tief unsere Identität in unserer familiären Vergangenheit wurzelt. Können wir das jemals wirklich ändern? Tim Parks, geboren in Manchester, wuchs in London auf und studierte in Cambridge und Harvard. Seit 1981 lebt er in Italien. Seine Romane, Sachbücher und Essays sind hochgelobt und mit vielen Preisen ausgezeichnet. Er unterrichtet Literarisches Übersetzen an der Universität Mailand, schreibt u.a. für The Guardian, The New Yorker und The New York Review of Books, und übersetzt, u.a. die Werke von Moravia, Calvino, Calasso, Tabucchi und Machiavelli. Zuletzt erschien Thomas & Mary (Kunstmann 2017).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 448
    Erscheinungsdatum: 26.09.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956142727
    Verlag: Verlag Antje Kunstmann
    Originaltitel: In Extremis
    Größe: 541 kBytes
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In Extremis

I

MUTTERS LEICHNAM. Daran denke ich immer wieder.

Soll ich ihn besichtigen?

Warum fällt mir die Entscheidung so schwer?

Ich war auf einer Physiotherapeutenkonferenz in Amersfoort. Dort wurde viel über den Beckenboden und über Analmassage gesprochen. Zum ersten Mal entschloss ich mich, die Behandlung selbst auszuprobieren. Ein Kinderarzt aus Portugal hatte beim Frühstück darauf geschworen. Sie hatte ihm das Leben gerettet. Der Physiotherapeut, der aus Kalifornien stammte, warnte mich, dass eine einzelne Massage unter Umständen nur alte Schmerzen wieder wachrufen würde. Doch ich war neugierig. Hinterher, unter der Dusche, spürte ich einen unangenehmen Druck, ein Brennen in der Blase und als Begleiterscheinung einen Stimmungswandel: Gereiztheit. Das kam mir nur allzu bekannt vor. Dann, als ich beim Abtrocknen einen Blick auf meinen Laptop warf, sah ich, dass eine E-Mail von meiner Schwester eingetroffen war, adressiert an meinen Bruder und an mich. "Mums Zustand verschlechtert sich rapide. Kommt lieber sofort."

Die Frage war also: den Vortrag halten, zu dem man mich eingeladen hatte, oder unverzüglich abreisen. Es sind die Entscheidungen, mit denen man sich schwertut, die einen ins Grübeln bringen - darüber, wer man eigentlich ist -, und manchmal auch zum Verzweifeln. Doch in diesem Fall war es leicht. Ich würde gerade mal zwei Stunden verlieren; ich fühlte mich meinen Gastgebern, die meine Reise bezahlt und sich sehr großzügig gezeigt hatten, verpflichtet. Die Sache mit dem Leichnam ist etwas anderes. Wenn ich Leichnam sage, habe ich eigentlich das Gefühl, es sollte kein Problem sein, ihn 'zu besichtigen'. Besichtigen ist das Wort der anderen, nicht meines, so als würde man sich ein Grundstück anschauen, oder einen Tatort. Und wenn ich 'Mutter' sage, dann möchte ich sie tatsächlich unbedingt sehen. Tränen kommen. Aber wenn es darum geht, seine Mutter zu sehen, kann man wohl kaum von 'besichtigen' sprechen. Mein Problem besteht darin, 'Mutters Leichnam zu besichtigen'.

Was mich an der Massage besonders beeindruckt hat, war das Feingefühl des Mannes. Er kam zu mir ins Hotel, klopfte leise an die Zimmertür. Als ich die Hosen herunterließ, war es mir unmöglich, nicht an ein homosexuelles Rendezvous zu denken. Der Mann bemerkte meine Verlegenheit und setzte alles daran, aus der Sache nicht mehr und nicht weniger zu machen als sie war: der Hausbesuch eines Physiotherapeuten, um einen Patienten zu massieren. "Legen Sie sich ein Kissen unter, Kumpel", sagte er. Vielleicht dachte er, alle Engländer würden sich mit "Kumpel" anreden. Mit seinen ungefähr fünfundvierzig Jahren und dem kinnlosen, pockennarbigen Gesicht war er kein gut aussehender Mann, aber es war äußerst angenehm, ihn um sich zu haben. Ein Mann, der sich in seiner Haut wohlfühlt, dachte ich. Er strahlte Wohlbefinden aus. Ich war neidisch. Was ich möchte, hatte ich meiner Analytikerin bei unserem ersten turbulenten Treffen erklärt, ist, mich in meiner Haut und in meinem Leben wohlzufühlen. Sie hatte die Stirn gerunzelt, wie um zu sagen: Nicht so schnell, Señor Sanders, nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen.

Wenn ich zurückblicke, komme ich auf etwa ein halbes Dutzend andere medizinische Eingriffe in dieser Region. Alle schmerzhaft, einer unerträglich. Ausnahmslos erniedrigend. Auf allen vieren, erhöht auf einer Untersuchungsliege. Von hinten ausgeführt. Du ein Tier; die anderen, in weißen Kitteln, üben die komplette, kastrierende Kontrolle über dich aus. Warum rede ich jetzt davon? Habe ich nicht behauptet, ich könne nur an den Leichnam meiner Mutter denken? Doch das stimmt nicht ganz. Woran ich in Wirklichkeit denke, oder was ich zu entscheiden versuche, ist, ob ich den Leichnam - ihren Leichnam - besichtigen soll, in dem Wissen, dass es ihr nicht recht wäre. Sie würde es als erniedrigend empfinden, obwohl sie das nicht mehr kann, da sie nun tot ist. Dieser Physiotherapeut dagegen wies mic

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