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In Liebe Dein Karl Geschichten und mehr von Noll, Ingrid (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.01.2020
  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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In Liebe Dein Karl

Die ganze Palette der Ingrid Noll in Kurzgeschichten: ihr krimineller Witz, ihre warmherzige Lebenserfahrung, ihre bodenständige Beobachtungsgabe. In diesem Buch kommt ein Weiteres hinzu: Autobiographisches, authentisch und nachhallend. Ein Brief an ihre verstorbene Mutter, die Rolle ihres Vaters. Wie sie sich in ihr Enkelkind verliebte. Ihre Kindheit in China. Wie sie sich ihre letzten 24 Stunden wünschen würde und was sie am Altwerden nervt. Ingrid Noll, geboren 1935 in Shanghai, studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Sie ist Mutter dreier erwachsener Kinder und vierfache Großmutter. Nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt zu Bestsellern wurden. 2005 erhielt sie den Friedrich-Glauser-Ehrenpreis der Autoren für ihr Gesamtwerk.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 336
    Erscheinungsdatum: 22.01.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257610055
    Verlag: Diogenes
    Größe: 882 kBytes
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In Liebe Dein Karl

Diebe und Triebe

Der Machandelbaum

I m Nachhinein war es ein Fehler, diesen Mann zu heiraten. Nicht dass er bösartig oder geizig wäre, aber eine Partnerschaft, die nur aus praktischen Gründen eingegangen wird, hat letztlich doch zu wenig mit Liebe zu tun. Außerdem brachte er einen kleinen Sohn mit in die Ehe, mit dem ich von Anfang an nicht zurechtkam.

Ich war alleinerziehende Mutter einer Tochter, er wiederum hatte seine Frau verloren und ein kleines Kind großzuziehen. Eine funktionierende Patchworkfamilie hat im Prinzip viel für sich. Mein Mann konnte nun unbesorgt zur Arbeit gehen, ich dagegen meinen verhassten Job als Souffleuse beim Stadttheater an den Nagel hängen, wo ich bei allen Proben und Aufführungen hatte präsent sein müssen. Mit den beiden Kindern, Haus und Garten hatte ich mehr als genug zu tun.

Seltsamerweise verstanden sich unsere Kinder auf Anhieb gut. Ja, mein Lenchen entwickelte mit seinen sieben Jahren geradezu mütterliche Gefühle für Timmi. Der Kleine bewunderte sie und nahm es sogar hin, dass sie ihn gelegentlich auslachte, weil er noch Windeln trug. Eigentlich hätte man erwarten müssen, dass Lene eifersüchtig würde, wenn der Kleine von seinem Vater in den Arm genommen und geherzt wurde, aber so war es nicht. Zwar kümmerte er sich aus purem Anstand gelegentlich auch um Lene, doch ganz ohne die bedingungslose Liebe, die er für seinen Sohn empfand. Ich konnte das kaum ertragen.

Jeden Abend saß dieser Mensch, der mir letztlich fremd geblieben ist, am Bettchen seines Sohnes und sang.

Abba Haidschi bumbaidschi schlaf lange,

Deine Mama ist ausgegange,

Sie ist ausgegange

Und kommt wieder heim,

Sie lässt ihren Timmi doch niemals allein ...

Mit solchen gedankenlosen Versen nährte er die Hoffnung des Kindes, seine leibliche Mutter käme wie durch ein Wunder wieder zurück. Damit nahm er mir gänzlich die Chance, mit der Zeit an ihre Stelle zu treten.

Timm war ein verschlossener Junge. Er starrte mich mit seinen großen blauen Augen so ängstlich und vorwurfsvoll an, als sei ich die Hexe aus dem Märchen und für den Tod seiner Mutter verantwortlich. Meistens ignorierte er meine Fragen, zuckte nur weinerlich mit den Lippen und brachte keinen Ton heraus. Beim Essen brauchte er eine Ewigkeit, bis der Teller halbwegs leer war; mehr als einmal riss mir der Geduldsfaden. Dann schob ich ihm mit sanfter Gewalt das Fleisch in den Mund, das er stundenlang in den Backentaschen hamsterte. Manchmal konnte ich nur durch eine Ohrfeige erreichen, dass dieser Brocken endlich herunterrutschte. Obwohl ich also alles tat, um den Jungen vernünftig zu ernähren, blieb er klein und mickrig, bleich wie ein Albino, doch mit unnatürlich roten Lippen. Leider war er auch geistig zurückgeblieben und mit seinen vier Jahren auf dem Niveau eines Zweijährigen. Nur wenn er mit Lene spielte oder sein Vater heimkam, pflegte er ein wenig aufzutauen. Im Gegensatz zu meiner Tochter, die bei jeder Kleinigkeit in Tränen ausbrach, weinte Timmi fast nie. Selbst als er sich durch eine Ungeschicklichkeit meinerseits die Hand verbrühte, heulte nur Lenchen los. Ich hätte sie eher Heulsuse als Marlene taufen sollen.

Timm wurde von seinem Vater über die Maßen verwöhnt. Es leuchtet sicherlich ein, dass ich für einen Ausgleich sorgte und meine eigene Tochter bevorzugte. Die Kinder schienen dies als Selbstverständlichkeit hinzunehmen und beschwerten sich nie. Jeden Sonntag besuchte mein Mann das Grab seiner ersten Frau, wobei er Timm und Lene meistens mitnahm. Ein Zypressen-Wacholder war die einzige Zierde ihres Grabs. Timms Vater erzählte den Kindern, dass dieser Baum in einem Märchen vorkam und Machandelbaum genannt wurde. Lenchen behauptete, dass Timms verstorbene Mutter aus der Lüneburger Heide stammte und deswegen Wacholder liebte. Eine seltsame Vorstellung, statt an sa

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