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Jacob, Jacob von Zenatti, Valérie (eBook)

  • Verlag: Schöffling & Co.
eBook (ePUB)
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Jacob, Jacob

Der 19 jährige Jacob Melki, Sohn einer bitterarmen jüdischen Schusterfamilie aus dem algerischen Constantine, wird 1944 von der französischen Kolonialmacht einberufen, um in den Krieg gegen die Deutschen zu ziehen. Abwechselnd erzählt die Autorin von seinen Erlebnissen an der Front und von seiner Familie, die unterdessen zu Hause mit ihren eigenen Tragödien zu kämpfen hat. Valérie Zenattis Roman beleuchtet den Zweiten Weltkrieg aus einer ungewöhnlichen Warte - aus der Sicht der Kolonialisierten. Jacob, der nicht als französisch genug galt, um das Lycée zu besuchen, ist auf einmal französisch genug, um für die Kolonialmacht im Schützengraben zu stehen. Wie soll er sich zwischen den verschiedenen Kulturen entscheiden, die sein Leben bestimmen? Atmosphärisch, poetisch und mit großer Empathie erzählt Zenatti von den Ängsten und Hoffnungen des jungen Mannes, der eigentlich lieber Gedichte lesen als Menschen erschießen will. JACOB, JACOB ist nicht nur ein Kriegs und Kolonialroman, sondern vor allem auch ein berührendes Familienporträt und Zeugnis einer vergessenen Kultur. Valérie Zenatti, deren Familie aus Algerien stammt, wurde 1970 in Nizza geboren. Heute lebt sie als Schriftstellerin und Übersetzerin (u. a. von Aharon Appelfeld und Zeruya Shalev) in Paris. Ihre Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt, zwei wurden verfilmt. Für JACOB, JACOB wurde sie mit dem Prix Méditerranée und dem Prix du Livre Inter des gleichnamigen französischen Radiosenders ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 196
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783731761273
    Verlag: Schöffling & Co.
    Größe: 1407kBytes
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Jacob, Jacob

W ie können die anderen nur schlafen, fragt sich Jacob in diesem Zelt mitten in der Wüste, wo er mit den Zähnen klappert, wie können sie die Fragen verstummen lassen? Was hat ihn von Geburt an auf diese Situation vorbereitet? Nicht die zu Spielsteinen umfunktionierten Aprikosenkerne, die aus Schilfrohr und Zeitungspapier gebastelten, mit Mehl und Wasser geleimten Drachen, nicht die Bücher aus der Schulbibliothek, die Musik, die heimlich in den Grotten gerauchten Zigaretten, die Mädchen, die er als so furchterregendes wie betörendes Mysterium betrachtet hatte, nicht die Streitereien, die Gebete, die Festessen, die Stürze in den Rhumel-Felsen, die Knieverletzungen, die aufgeschürften Hände, nein, nichts hat ihn auf natürlichem Wege hierhergeführt, nicht mal die Soldatenspiele mit seinen Freunden, die Vorstellung, dass sie im Feld standen und die Schlacht von Verdun nachspielten, meistens, oder die von Gallipoli. Sie liebten diesen Namen, den die Alten ständig wiederholten, berauschten sich förmlich daran, mit Betonung auf der ersten und dritten Silbe und sanft ausklingendem li . Sie riefen Gallipoli und waren vor Ort. Du bist ein deutscher Soldat, peng, ich schieße, du bist tot, komm jetzt, wir holen uns einen Créponné, ich habe meinem Bruder 50 Centimes stibitzt. Das Aroma des Zitronensorbets nimmt Jacobs Gaumen ein, lockt die Erinnerung aus seinen Geschmacksknospen hervor, wieder fragt er sich, wie die anderen schlafen können. Er bringt es nicht fertig, trotz des Drills, der ihm die Brust sprengt, wenn sie vor glühend heißer Luft überquillt, die sie nicht zu regulieren vermag, der ihm die Muskeln zerreißt, wenn sie sich nicht mehr strecken wollen und es dennoch tun, trotz der Demütigungen durch den Stabsunteroffizier, der allem Anschein nach nie Kind gewesen ist, oder höchstens ein grausames Kind, nie achtzehn, sondern immer schon dreißig, er sagt, rennen, er sagt, hinlegen, er sagt, klettern, er sagt, schießen, er sagt, aufstehen, er sagt, ihr seid solche Waschlappen, das haltet ihr nie durch, ihr seid so blöd, ihr werdet alle sterben, das ist sein ganzer Wortschatz, niemand hat ihn je danke sagen hören oder gute Nacht, verrückt, dass es Wörter gibt, die so mancher ein Leben lang nicht über die Lippen bringt. Jacob weiß nicht mehr genau, wie lange sie hier schon eingepfercht sind, auf ihre Kennziffern reduziert, die quer durch das Lager hallen, fern von allem, was wie Leben anmutete, aber womöglich genauso wenig Leben war wie das, was sie gerade durchmachen, dreckig und schwitzend mitten im Ahaggar, fünfzig Tage vielleicht, fünfzig Tage und fünfzig Nächte, die ihr früheres Leben verwischten, sobald sie die Kuchen und gefüllten Paprika ihrer Mütter vertilgt hatten, an den ersten Abenden schon, um den scheußlichen Fraß wettzumachen, es war nichts mehr übrig, um Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden, der Geschmack ihrer Nahrung hatte sich verändert, die Gerüche von Koriander, Orangenblütenwasser, Kreuzkümmel, die Gerüche ihrer Angehörigen, die sich einst vermischten, hatten sich auf einmal verflüchtigt, wurden ersetzt durch die feucht-warmen Ausdünstungen ihrer Füße, den sauren Schweiß, der ihnen beim Appell aus den Achseln rann, die Rippen kitzelte bis zur Taille und sie für einen Moment vor Verblüffung erstarren ließ, über diese Lust, vergessenes Wort, vergessene Empfindung, wie alles, was verschwunden war, begraben unter dem zähen Fleisch, den zerkochten Kartoffeln, dem faden, fast salzlosen Reis. Was euch jetzt eröffnet wird, ist kein neues Kapitel, hatte der Stützpunktkommandant am ersten Tag mit metallener Stimme gesagt, sondern eine neue Welt. Regel Nr. 1, rede niemals als Erster, Regel Nr. 2, hinterfrage niemals einen Befehl, Regel Nr. 3, spiele dich ja nicht auf, Regel Nr. 4, sei immer pünktlich, auf die Sekunde genau, keine Zeit mehr zum Träumen, gar keine mehr, vielleicht ist das der Grund, warum Jacob die Augen nachts nicht zubekommt. Sie haben seine

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