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Jessicas Traum Roman von Binkert, Dörthe (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.08.2016
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)
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inkl. gesetzl. MwSt.
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Jessicas Traum

"Manche Träume muss man aufgeben, bevor sie einen umbringen." Zwei Frauen, zwei Freundinnen, zwei Lebensentwürfe. Ann lebt ein 'normales' Leben mit den üblichen Höhen und Tiefen. Aber es ist das Schicksal ihrer Freundin Jessica, von dem sie nicht loskommt. Für Jessica scheint Realität zu werden, wovon viele träumen: die große Liebe und der mit Nick geteilte Wunsch, in einem alten Cottage in einem unberührten Tal in Wales zu leben. Doch Ann, die Jess um so manches beneidet, wird Zeugin einer dramatischen Entwicklung, die sie Stück für Stück aufschreibt - in der Hoffnung, die Lebensträume der Menschen besser zu verstehen und Jess zu retten. Dörthe Binkert , geboren in Hagen/Westfalen, wuchs in Frankfurt am Main auf und studierte dort Germanistik, Kunstgeschichte und Politik. Nach ihrer Promotion hat sie viele Jahre für große deutsche Publikumsverlage gearbeitet. Seit 2007 ist sie freie Autorin und lebt in Zürich.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 26.08.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423429856
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Größe: 948 kBytes
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Jessicas Traum

Wrexham, 13 . Februar

D er Himmel ist düster und schwer von Regen. Es ist Februar und mild. Ich bin in Wales, in Wrexham - gestern habe ich mich im Hotel Belmont in der Belmont Road einquartiert. Von hier aus ist es nicht weit zum Maelor Hospital , wo sie meine Freundin Jess hingebracht haben. Ich bin die Victoria Road bis zum Bellevue Park raufgegangen, dann den Park entlang, bis links die Watery Road direkt zu den Gebäuden des Krankenhauses abzweigt. Weil ich mich in Wrexham nicht gut auskenne, habe ich mir im Hotel einen Stadtplan geben lassen. Man kann den Weg gut zu Fuß machen. Immer wieder ist die Sonne durch die Wolken gebrochen, als ich zum Krankenhaus ging. Die Sonne wandert noch in flachem Bogen. Die Schatten sind tief, das Licht blendet, wenn es auf die Karosserien der Autos fällt.

Was man alles wahrnimmt, während man mit dem Kopf doch ganz woanders ist. Oder worauf man sich konzentriert, um das Schreckliche nicht denken zu müssen.

Ich weiß nicht, ob Jessica mich erkannt hat. Weder gestern noch heute hat sie die Augen geöffnet.

"Ich bin's, Ann!", hab ich gesagt und ihre Hand genommen. "Hörst du mich? Erkennst du meine Stimme? Ann!"

Aber sie hat nicht reagiert, kein Zucken, nicht der leiseste Gegendruck von ihrer Hand. Nur das monotone Piepsen der Maschinen, das leise Zischen des Beatmungsgeräts. Ihr langes blondes Haar lag ordentlich gefächert auf dem Kissen, eine Krankenschwester muss es gekämmt haben, als sie Jess das Gesicht wusch.

Ihre schön gewölbte Stirn, der dichte Kranz der Wimpern. Was geschieht hinter dieser Stirn, den geschlossenen Augen? Dieser tiefe, unheimliche Schlaf. Ich kann das alles noch nicht glauben.

Am Donnerstag, vorgestern, rief mich Nick in Zürich an. "Vielleicht willst du kommen", sagte er. "Jess ist im Krankenhaus, in Wrexham. Sie hat versucht, sich umzubringen. Es sieht nicht gut aus."

"Ich komme", sagte ich. "Wie heißt das Krankenhaus? Wo bist du untergebracht? Hast du Amy bei dir?"

Er antwortete wie in Trance.

"Okay", sagte ich. "Ich fliege nach Manchester oder Liverpool und miete einen Wagen. Wenn es irgend geht, morgen. Gib mir die Telefonnummer deiner Freunde in Wrexham, damit ich dich erreichen kann."

Am nächsten Morgen ging ich in Zürich schon mit gepackter Reisetasche ins Kunstwissenschaftliche Institut, wo ich arbeite, und meldete mich für zwei, drei Tage ab. Das war kein Problem, es lag nichts Dringendes an. Kurz vor Mittag nahm ich den Flug nach Manchester, zwei Stunden später landeten wir. Ich mietete ein Auto und fuhr nach Wrexham. Die Route über Chester ist die schnellste - in gut einer Stunde war ich da.

Nick war im Krankenhaus, als ich bei seinen Freunden anrief, aber die Frau, die sich meldete, holte Amy ans Telefon.

"Hi, Annie", sagte Amy. Das war alles. Sie war völlig verstört.

"Hi, Amy! Wir sehen uns bald, ja?", rief ich ins Telefon, aus dem nur Schweigen zurückkam. "Ich geh jetzt zu Jess ins Krankenhaus und zu Daddy. Und dann sehen wir uns. Spätestens morgen."

Wahrscheinlich nickte Amy auf der anderen Seite.

Amy ist mein Patenkind. Ich kannte sie schon, als man von Jessicas Schwangerschaft noch gar nichts sah. Ich konnte zuschauen, wie sie wuchs, wie Jessies Bauch sich erst sanft und dann immer heftiger wölbte, bis ihre Figur aussah, als wäre sie einem Vexierspiegel entsprungen.

Gott sei Dank hat Nick Bekannte in Wrexham, bei denen er mit Amy wohnen kann. So muss er sie nicht mitnehmen, wenn er ins Krankenhaus geht. Sie ist mit ihren fünf Jahren doch noch viel zu klein, um zu verstehen, was geschehen ist.

Im Krankenhaus fragte ich mich zur Intensivstation durch.

"Ich bin so was wie ihre Schwester", sagte ich, "ihre deutsche Familie. Bitte, ich muss sie sehen." Da ließen sie mich durch.

Nick w

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