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Julia Glanz und Tragik einer Kaisertochter von Petersen, Traute (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.01.2012
  • Verlag: WBG Philipp von Zabern
eBook (ePUB)
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Julia

Rom im Jahre 2 v. Chr.: Julia, die Tochter des mächtigen Kaisers Augustus, erlebt einen Sturz, wie er tiefer nicht sein könnte. Gerade noch schwelgte sie in unvorstellbarem Luxus, war umgeben von Freunden und Liebhabern, im nächsten Moment findet sie sich von allen verlassen auf einer unwirtlichen Insel im Mittelmeer wieder. Ihr Vater, der eine Verschwörung seiner Tochter fürchtete, verbannte sie und opferte ihr Glück seiner eigenen Macht. Traute Petersen beschreibt in ihrem Roman eindringlich die Gefühlswelt der jungen Frau, die sich in der Verbannung an ihr glanzvolles Leben im Dunstkreis des Kaiserhauses erinnert. Ihre verordneten Ehen, der Verlust ihrer Kinder und schließlich das Aufbegehren gegen den besessenen Vater - immer wieder kreisen ihre Gedanken inmitten der Einsamkeit um ihr Leben im goldenen Käfig. So entsteht das ergreifende Porträt einer Frau, die uns durch die Jahrtausende hindurch mit ihren Träumen und ihrer Verzweiflung berührt. Traute Petersen, geboren 1941, war nach wissenschaftlicher Tätigkeit am Althistorischen Seminar Kiel als Lehrerin für Deutsch und Geschichte sowie in der Lehrerausbildung, als Studienleiterin für Geschichte und als Leiterin des Seminars für Gymnasien in Elmshorn tätig. Als Vorsitzende des Verbands der Geschichtslehrer Deutschlands wirkte sie vor und nach dem Mauerfall u.a. bei der Neuorganisation ostdeutscher Universitäten und Lehrerbildungsinstitute mit. Seither arbeitet sie zusammen mit und in verschiedenen Stiftungen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 184
    Erscheinungsdatum: 01.01.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783805344050
    Verlag: WBG Philipp von Zabern
    Größe: 1032 kBytes
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Julia

Teil I
Pandateria

(2 v. Chr. bis 5 n. Chr.)

Kapitel I
Verbannt

Erst als die immer schmalere und dunstigere Küstenlinie endgültig im spiegelglatten Meer versunken war, verließ ich das Schiffsdeck, ließ mich irgendwo auf eine Kline fallen. Die Schiffsplanken - die letzte Verbindung zum Festland! - verließ ich mit halbgeschlossenen Augen. Seither habe ich die Lippen nicht mehr geöffnet. Nahrung brauche ich nicht. Die besorgten Fragen meiner Mutter Scribonia erreichen mich nicht. Nichts ist in mir als das dumpfe Gefühl eines ungeheuren Verlusts.

Um Federkiel und Wachstafel zu ergreifen, habe ich mich endlich von dem Bett erhoben, auf das ich mich nach der Ankunft vor drei Tagen schweigend zurückgezogen hatte. Um genügend Licht zu bekommen, stellte ich mich an das kleine Fenster des Schlafraums. Aber nachdem ich dort stehend die ersten Sätze niedergeschrieben hatte, legte ich mich nicht wieder hin, sondern verließ das Zimmer, um zu sehen, wo ich mich hier eigentlich befinde. Zögernd durchquerte ich einige Räume einer größeren Villa, geriet auf eine halbrunde Exedra und blickte plötzlich auf das Meer, das tief unter mir mit gewaltigen Brechern gegen die steil abfallenden Klippen donnerte. Die schäumende Brandung zerriss den Schleier von Betäubung und Benommenheit, der mich bisher gelähmt hatte. Ein schneidender Schmerz um alles Verlorene durchfuhr mich. Fast gleichzeitig aber auch ungläubige Empörung: Wo bin ich hier? Warum bin ich hier? Was mache ich hier - ich, Julia, die Tochter des Augustus, des allmächtigen Kaisers und Herrn der Welt - auf dieser menschenleeren, gottverlassenen Insel?

Nein! Diese Insel ist kein Verbannungsort. Dies hier ist ein Gefängnis. Zwar nicht der Mamertinische Kerker mit seinen dunklen Verliesen, in denen die Feinde Roms auf ihre Erdrosselung warten. Für mich, die Kaisertochter, musste ein anderes Refugium gefunden werden, eines, das mir, der "schamlosen Ehebrecherin" angemessen ist - eine kleine Insel mitten im Meer, in reinigender Seeluft. Statt mich wie die Staatsfeinde Roms kurzerhand erwürgen zu lassen, lässt der gnädige Herr Vater und Kaiser mir zwar das Leben. Aber was nützt mir das auf dieser erbärmlichen Insel? Lieber tot als hierhin verbannt!

Wiederholt ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich nur noch die Hände von der Brüstung der Exedra zu lösen brauche, um ein Ende zu machen. Aber für einen klaren Entschluss bin ich zu benommen. Hofft mein Vater vielleicht, der unablässige Sturm, der hier durch Türen, Fenster, Innenhöfe und Säulengänge heult, werde mir die aufrührerischen Gedanken aus dem Gehirn blasen? Das Gegenteil ist der Fall. Die kritischen Fragen und Zweifel der Jahre in Rom steigern sich hier zu purem Hass auf ihn, diesen Tyrannen in der Maske des Friedensfürsten. In blindem Altersstarrsinn ist er dabei, nicht nur sein Lebenswerk zu zerstören, sondern auch das Leben derjenigen, die dieses Lebenswerk zu retten versuchen.

Nach zwei Wochen auf dieser entsetzlichen Insel fühle ich mich wie einer der gefangenen Löwen, die in den unterirdischen Käfigen der Amphitheater fauchend ihre allzu engen Kreise drehen, während sie auf ihren Auftritt warten.

Auf meinen Reisen als Vertreterin des Kaiserhauses besuchte ich Rhodos, Kreta und Lesbos - begehrte Verbannungsinseln römischer Aristokraten mit vielfältigen Reizen. Dort kreuzen sich Handelswege und Schicksale, dort pulsiert das Leben in Städten und Häfen im Austausch von Handelsgütern, Ideen und Erfahrungen. Aber dieses Inselchen hier - nichts als eine winzige menschenleere Erhebung im endlosen Meer.

Die kaiserliche Villa, eine zweckmäßige Ansammlung von Räumlichkeiten, wurde offenbar bereits als Kerker konzipiert und wird, wie ich fürchte, auch künftig für solche Zwecke dienen. Mein Vater jedenfalls hat niemals auch nur vorübergehend hier gewohnt. Was soll

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