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Kameraübung Erzählungen von Köhler, Synke (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.02.2016
  • Verlag: Verlag Kremayr & Scheriau
eBook (ePUB)
14,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
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Kameraübung

Was passiert, wenn ein Fremder auf ein Grundstück kommt, schweigend im Gras sitzt und einfach nicht verschwinden will? Was, wenn eine Mutter auf einer Gebirgswanderung plötzlich allein auf einen anderen Weg abzweigt? Besonderheiten des Alltags sind es, die Synke Köhler in ihren Erzählungen einfängt, oft sind es kritische Momente zwischen zwei Menschen, die so leise sind, dass sie beinahe unbemerkt bleiben. Präzise wie eine Kamera führt Synke Köhler ihren Blick zwischen die Figuren und lässt ein eindringliches Bild der Realität entstehen, das traurig und schmerzhaft, voller Freude und Merkwürdigkeiten ist. 'Der Alltag ist ein Schmetterling. Beinahe reglos sitzt er einem Einkaufszentrum gegenüber. Man muss sich ihm behutsam nähern, der Alltag ist kamerascheu, er flattert davon.'

Synke Köhler, 1970 in Dresden geboren, lebt und schreibt in Berlin. Psychologiediplom, Grafikerin, Studium an der Drehbuchwerkstatt München, Masterstudium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. 'Kameraübung' ist ihr Prosadebüt, für die Erzählung 'Nachbild' erhielt sie den Newcomer-Preis des Literaturwettbewerbs Wartholz.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 128
    Erscheinungsdatum: 04.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783218010320
    Verlag: Verlag Kremayr & Scheriau
    Größe: 768 kBytes
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Kameraübung

E s gab eine Zeit vor und nach Pawel. Vor Pawel war Metzelthin ein Dorf am Ende der Straße. Auch wenn die Straße durch das Dorf hindurch und irgendwohin führte, hatte man das Gefühl, als ob die Straße hier aufhörte, in irgendeinem Feld versickerte, oder im Wald hinter dem Feld, oder im See hinter dem Feld und dem Wald. Fahrräder, Autos, Türen blieben unabgeschlossen. Nichts kam weg, nichts kam hin. Es gab keinen Supermarkt, keine Restauration, kein Handynetz. So gut wie kein Handynetz. Auf unserem Grundstück gab es ein winziges Areal, eigentlich gehörte es schon nicht mehr zu unserem Grundstück, aber aufgrund des Handyempfangs hatten wir das Rasenstück adoptiert, dort konnte man, wenn man Glück hatte, kurze Telefonate führen. Wir hatten das ausgetestet, besser gesagt, Reiko hatte das ausgetestet. Er war akribisch Stück für Stück das Grundstück abgelaufen. Zehn Meter vom Haus entfernt, direkt auf der Straßenböschung, hatte er "Mobilfunkempfang!" gebrüllt, in etwa so, als wäre er zuvor tagelang durch die Sahara geirrt und hätte nun eine Oase mit Trinkwasser gefunden.

Wir gewöhnten uns an den schlechten Empfang. In gewisser Weise waren wir froh, zivilisatorisch zurückversetzt und nicht erreichbar zu sein. Wäre der Empfang besser gewesen, hätten wir Pawel nie getroffen. Er wäre da gewesen, aber wir hätten seine Anwesenheit nicht bemerkt.

Reiko hatte seinen allabendlichen Handycheck durchgeführt, er kontrollierte, wer versucht hatte, ihn zu erreichen. Der schlechte Handyempfang gab ihm eine gewisse Machtposition. Auch wenn er auch sonst selbst entscheiden konnte, wen er zurückrief und wen nicht, gab ihm diese Situation den Vorteil, dafür keine Verantwortung tragen zu müssen. Statt uns wie immer detailliert und mit Genugtuung darüber zu informieren, für wen er nicht erreichbar gewesen war, als er aus der "Zone" zurückkam, sagte er diesmal nur:

- Das müsst ihr euch ansehen.

Reiko hatte dieses Dorf aufgetan, das Dorf und dieses viel zu große Haus, das früher ein Stall war, eigentlich immer noch ein Stall ist, aber jetzt Haus heißt. Es war eine von Reikos berühmten Abkürzungen nach einem Gig gewesen. "Ich glaube, hier lang ist kürzer", hatte er gesagt und dann hatten wir diese Nacht im Auto verbringen müssen, weil keiner von uns eine Karte dabeihatte und wir heillos übermüdet waren. Kurz und gut, diese Abkürzung dauert jetzt schon über zehn Jahre, hat Reikos Ehe zerschlissen und auch sonst Spuren hinterlassen. Aber ich bin noch da. Mir gehört die Hälfte vom Haus und vom Grundstück. Das Grundstück ist auch viel zu groß, Platz für 100 Kühe. "Und zwei Esel", sagt Reiko. Damit meint er mich und sich. Jedes Jahr im Frühjahr überlegen wir, ob wir auf der Wiese ein zweites Woodstock ausrichten sollen. Verwerfen es dann aber wieder aus Gründen, die jedes Jahr andere sind. In diesem Jahr waren die Apfelbäume noch zu klein. Da wir nicht reagierten, sagte Reiko noch einmal:

- Das müsst ihr euch ansehen. Da sitzt einer.

Weil Reiko nicht lockerließ, Reiko ließ nie locker, und in Metzelthin erwartungsgemäß nicht viel los war, erhoben wir uns, um uns anzusehen, was wir uns ansehen "mussten". In der Zone, im Handyempfangsgebiet, saß ein etwa 30-jähriger Mann. Im Gras lag sein Fahrrad, und er biss gerade in ein halbes Brot. Neben ihm stand ein ausgewaschener Stoffbeutel mit dem Aufdruck eines Discounters, von dem man nicht glaubte, dass er jemals Stoffbeutel im Angebot gehabt hatte. Das musste Äonen zurückliegen. Der Mann sah nicht besonders ungewöhnlich aus, etwas verlottert vielleicht - hätte aber auch gut Berlin-Style sein können -, er biss in ein halbes Brot, gut, das war etwas übertrieben, aber in gewisser Weise auch wieder stylisch. Wir glaubten, Reiko hatte uns nur hierher gelockt, um uns zu zeigen, dass es tatsächlich auch noch andere Menschen in Metzelthin gab. Jetzt standen wir, mein Freund Carsten und ich, Reiko und Lydia, Reikos zweite Frau, mit Reiko

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