text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze Roman von Genazino, Wilhelm (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.01.2018
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
15,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze

Liebe und Ehe sind ein kompliziertes Geschäft. Die Bilanz ist oft nur mittelmäßig. Muss man es einfach nur häufiger versuchen? Oder gleichzeitig? Oder besser über die eigene Mutter nachdenken? Steckt in der 'Ehefrau' nicht von Anfang an die 'Ehemalige', das einzig authentische Überbleibsel jeder Ehe? Wilhelm Genazino erzählt von einem philosophischen Helden, der beim verschärften Nachdenken jede Sicherheit verliert. Vielleicht muss der Mann die Probe aufs Exempel machen mit allen Frauen, die er im Leben kannte, und die Vergangenheit handfest bewältigen. Die Gelegenheit wird sich bieten. Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren, lebt in Frankfurt. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis und dem Kleist-Preis. Bei Hanser erschienen zuletzt Die Liebe zur Einfalt (Neuausgabe, 2012), Idyllen in der Halbnatur (2012), Aus der Ferne und Auf der Kippe (Texte zu Postkarten und Fotos, 2012), Tarzan am Main (Spaziergänge in der Mitte Deutschlands, 2013), Leise singende Frauen (Roman, 2014), Bei Regen im Saal (Roman, 2014), Außer uns spricht niemand über uns (Roman, 2016) und Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze (Roman, 2018).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 29.01.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446259393
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
Weiterlesen weniger lesen

Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze

1

Die Ankündigung eines Straßenfests bedeutete, dass die in einer Einkaufsstraße ansässigen Bäcker, Metzger, Juweliere, Optiker, Apotheker und so weiter für einen Tag ihre Geschäfte verließen und auf der Straße Holzbuden aufstellten und ihre Bratwürste, Vollkornbrote, Sonnenbrillen auf Holztischen verkauften, vieles etwas billiger als sonst. Andere Geschäftsleute verschenkten kleine Artikel, die sie das Jahr über nicht hatten verkaufen können. Ich gehörte zu den vielen Herumstreunern, die nicht recht wussten, was sie hier zu suchen hatten. Viele Streuner langweilten sich, andere verbrachten hier ihre Mittagspause, wieder andere ließen sich von dem Getümmel ein wenig abschrecken, um mit einem guten Grund an ihre Schreibtische oder Computer zurückzukehren.

Ich dagegen betrachtete dicke Frauen mit Schürzen, Prospektverteiler, bewaffnete Polizisten, Kinder und herausgeputzte Mütter, die an normalen Tagen nicht geschminkt, nicht neugierig und nicht guter Laune waren. Da und dort spielten unbekannte Pop-Gruppen auf erhöhten Podien und versuchten, außerordentliche Augenblicke zustande zu kriegen. Ich stand unter einem Sonnenschirm, betrachtete Rentner, welke Blätter, nasse Taubenfedern, Gummiflitschen, von Erstklässlern verlorene Schwämme. Manches Herabgefallene hob ich auf, drehte es um, schaute es an, trug es eine Weile mit mir herum und legte es an einer anderen Stelle wieder ab. Ich sah Leute, die ich nur wenig kannte und mit denen ich nicht unbedingt sprechen wollte, ich wich ihnen aus, weil ich mir nicht sagen lassen wollte, was ich mir ohnehin selbst dachte. Es erstaunte mich nicht, dass ich nach etwa einer halben Stunde meine ehemalige Ehefrau entdeckte, wobei mir zum ersten Mal auffiel, dass in dem Wort 'ehemalig' das Wort 'Ehe' aufgehoben ist, was ich gut gelaunt so deutete, dass in jeder Ehe ihre zukünftige Ehemaligkeit schon angekündigt sei. Meine ehemalige Ehefrau schien, ebenso wie ich, keine besonderen Absichten zu verfolgen. In der Formulierung 'ehemalige Ehefrau' steckte auch die gewesene Ehefrau, und darin wiederum blitzte die Liebesverwesung auf, das einzig authentische Übrigbleibsel jeder Ehe. Ich meinte, sofort fliehen zu müssen, wozu ich jedoch zu feige und zu umständlich war. Da erkannte sie mich und kam sogleich auf mich zu. Wir begrüßten uns erstaunlich freundlich, sogar froh, als wäre unsere Ehe unterhaltsam gewesen. Oft fiel mir nicht auf, dass sich in meinem Bewusstsein an die Stelle der früheren Ehefrau mehr und mehr meine Mutter geschoben hatte. Und wer gleichzeitig gegen die Gespenster der Ex-Frau und der Mutter kämpft, hat den Kampf meistens schon verloren, noch ehe er begonnen hat. In meinem Kopf schwirrte jetzt gar zu heftig die Formulierung 'ehemalige Ehefrau' herum. Ich wollte überlegen, warum sich so viele ehemalige Ehepaare von diesen zwei Worten nicht hatten abschrecken lassen, da küsste mich Sibylle, so hieß meine ehemalige Ehefrau, auf beide Wangen, und gab damit (glaubte ich) zu verstehen, dass sie für erotisches Herumproblematisieren nicht in Stimmung war.

Wohnst du hier in der Gegend? fragte sie.

Ja, sagte ich, durch Zufall bin ich hier gelandet.

Das ist wahrscheinlich das Beste, sagte Sibylle, wenn man schon ohne besondere Absichten lebt.

Ich staunte über diese Formulierung, die nicht auf meinem Mist gewachsen war.

Sibylle bemerkte meine Nachdenklichkeit und sagte: Man verbringt sein Leben in diversen Gegenden mit diversen Männern und Frauen und stirbt dann in irgendeiner diversen Wohnung.

Jetzt musste ich lachen.

Ich muss mich beeilen, sagte sie, ich habe einen Termin bei meiner Schneiderin.

Oh! machte ich; eine Schneiderin hast du neuerdings?

Auf diese Frage ging Sibylle nicht ein. Wollen wir uns nicht wieder mal sehen? fragte sie stattdessen; lebst du allein?

Sibylle war mir zu neugierig und zu direkt, aber so war sie immer. Mein Interesse an ihr war deutlich geringer als umgekehrt. Als ic

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen