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Kleine große Schritte Roman von Picoult, Jodi (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.10.2017
  • Verlag: C. Bertelsmann
eBook (ePUB)
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Kleine große Schritte

?b?Geradezu ein Lehrstück über alltäglichen Rassismus in einem mitreißenden Roman.?b/?
Ruth Jefferson ist eine der besten Säuglingsschwestern des Mercy-West Haven Hospitals in Connecticut. Dennoch wird ihr die Versorgung eines Neugeborenen von der Klinikleitung untersagt - die Eltern wollen nicht, dass eine dunkelhäutige Frau ihr Baby berührt. Doch eines Tages arbeitet Ruth allein auf der Station und bemerkt, dass das Kind keine Luft mehr bekommt. Sie entscheidet schließlich, sich der Anweisung zu widersetzen und dem Jungen zu helfen. Doch ihre Hilfe kommt zu spät, und Ruth wird von den Eltern des Jungen angeklagt, schuld an dessen Tod zu sein. Ein nervenaufreibendes Verfahren beginnt.

Jodi Picoult, geboren 1966 in New York, studierte in Princeton und Harvard. Seit 1992 schrieb sie mehr als zwanzig Romane, von denen viele Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste waren. Die Autorin versteht es meisterhaft, über ernste Themen unterhaltend zu schreiben. Sie wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, wie etwa 2003 mit dem renommierten New England Book Award. Picoult lebt mit ihrem Mann in Hanover, New Hampshire.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 592
    Erscheinungsdatum: 02.10.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641212292
    Verlag: C. Bertelsmann
    Serie: Penguin Taschenbuch 10260
    Originaltitel: Small Great Things
    Größe: 2886 kBytes
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Kleine große Schritte

Ruth

Das schönste Baby, das ich je gesehen habe, kam ohne Gesicht zur Welt.

Vom Hals abwärts jedoch war es perfekt: zehn Finger, zehn Zehen, ein rundes Bäuchlein. Aber wo sein Ohr sein sollte, befanden sich verdrehte Lippen und ein einzelner Zahn. Statt eines Gesichts hatte es einen verwirbelten Strudel aus Haut ohne Merkmale.

Seine Mutter - meine Patientin - war eine Dreißigjährige gravida 1 para 1, die zur Schwangerschaftsvorsorge einschließlich Ultraschalluntersuchung gegangen war, doch das Baby lag so, dass die Gesichtsdeformation nicht zu erkennen gewesen war. Rückgrat, Herz und die anderen Organe hatten alle gut ausgesehen, sodass keiner damit rechnete. Vielleicht hat sie sich aus diesem Grund auch dafür entschieden, im Mercy-West Haven, unserem kleinen Bezirkskrankenhaus, zu entbinden und nicht im Yale-New Haven, das für Notfälle besser gerüstet ist. Sie hatte das Kind ausgetragen und lag sechzehn Stunden in den Wehen, bis das Kind kam. Der Arzt hob das Baby hoch, und im Raum machte sich Stille breit. Lebhafte Stille.

»Ist alles in Ordnung mit ihm«, erkundigte die Mutter sich panisch. »Warum schreit er nicht?«

Ich hatte eine Lernkrankenschwester an meiner Seite, die zu schreien anfing.

»Gehen Sie«, befahl ich ihr angespannt und drängte sie aus dem Zimmer. Dann nahm ich dem Geburtshelfer das Baby ab, legte es auf die Wärmeplatte und wischte ihm die Käseschmiere von den Gliedmaßen. Der Geburtshelfer untersuchte ihn rasch, tauschte schweigend einen Blick mit mir und wandte sich dann an die Eltern, die inzwischen wussten, dass etwas Furchtbares geschehen war. Mit sanften Worten erklärte der Arzt ihnen, dass ihr Kind schwere Geburtsdefekte hatte und nicht lebensfähig sei.

In einem Kreißsaal ist der Tod sehr viel häufiger zu Gast, als man denkt. Wenn wir es mit Anenzephalie oder Totgeburten zu tun haben, wissen wir, dass die Eltern dennoch eine Bindung zu diesem Baby aufbauen und um es trauern wollen. Dieses Kind - das noch lebte, wie lang auch immer - war trotz allem der Sohn dieses Paars.

Deshalb säuberte und wickelte ich ihn, wie ich das auch bei jedem anderen Neugeborenen getan hätte, während hinter mir das Gespräch der Eltern mit dem Arzt stockte und wieder in Gang kam, wie ein abgewürgter Automotor im Winter. Warum? Wie? Was, wenn Sie ...? Wie lange bis ...? Fragen, die keiner jemals stellen und auch keiner jemals beantworten möchte.

Die Mutter weinte noch immer, als ich ihr das Baby in die Armbeuge legte. Es schlug mit seinen winzigen Händen um sich. Mit beseeltem Blick lächelte sie es an. »Ian«, flüsterte sie. »Ian Michael Barnes.«

Ihr Gesichtsausdruck spiegelte dabei eine Liebe und eine so heftige Trauer, wie ich sie nur von Bildern in Museen kannte, Gefühle, die sich zu etwas Neuem, Elementarem verbanden.

Ich wandte mich an den Vater. »Möchten Sie Ihren Sohn im Arm halten?«

Er sah aus, als müsste er sich gleich übergeben. »Ich kann nicht«, murmelte er und hetzte aus dem Zimmer.

Ich folgte ihm, wurde aber von der Lernkrankenschwester aufgehalten, die aufgewühlt war und sich entschuldigte. »Es tut mir leid«, sagte sie. »Es ist nur ... es war ein Monster.«

»Es ist ein Baby«, korrigierte ich sie und drängte mich an ihr vorbei.

Im Elternzimmer trieb ich den Vater in die Enge. »Ihre Frau und Ihr Sohn brauchen Sie.«

»Das ist nicht mein Sohn«, sagte er. »Dieses ... Ding ...«

»Wird nicht sehr lange auf dieser Welt sein. Und aus diesem Grund sollten Sie ihm jetzt tunlichst alle Liebe geben, die Sie für sein Leben gespeichert haben.« Ich wartete, bis er mir in die Augen sah, dann machte ich auf dem Absatz kehrt. Es war nicht nötig, mich umzublicken, um zu wissen, dass er mir folgte.

Als wir das Krankenzimmer betraten, liebkoste seine Frau noch immer das Baby, die Lippen an seine weiche Stirn gepresst. Ich löste das winzige Bündel aus ihren Armen und

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