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Kleine Kassa von Lechner, Martin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.02.2014
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
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Kleine Kassa

Georg rennt - um sein Glück, seinen Verstand und sein Leben. Der Schlaueste ist Lehrling Georg Röhrs nicht. Doch er hat einen Traum: Liftboy in einem Hotel am Meer will er werden, mit seiner verschwundenen Jugendliebe Marlies den Nachtzug nehmen und aus der heimatlichen Enge fliehen. Als Georg über eine Leiche stolpert und unbeabsichtigt den Schwarzgeldkoffer seines Meisters entwendet, überstürzen sich die Ereignisse: An einem einzigen Wochenende verliert er Wohnung, Arbeit, Eltern, Freunde, Geld, Liebe und vielleicht ein Stückchen seines Verstandes - und doch steht am Ende dieser halsbrecherischen Jagd eine neue, ungeahnte Freiheit... Martin Lechner ist ein turbulentes, atemloses Romandebüt gelungen, das Provinzkomödie mit literarischer Virtuosität verbindet. Martin Lechner 1974 geboren, Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam. Seit 2005 zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften wie 'Bella triste', 'manuskripte' und 'Edit' sowie der Erzählungen 'Bilder einer Heimfahrt' (2005) und 'Covering Onetti' (2009). Martin Lechner lebt und schreibt in Berlin, 'Kleine Kassa' ist sein erster Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 264
    Erscheinungsdatum: 04.02.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701744541
    Verlag: Residenz Verlag
    Größe: 677 kBytes
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Kleine Kassa

Plötzlich stand das Hühnchen da. Bevor er etwas sagen konnte, fuhr die Kellnerin, ein Mädchen, das eine widerlich rot und gelb bekleckste Schürze trug, mit dem Finger um den Tellerrand, fing einen Tropfen Soße auf. Stumm beobachtete er, wie sie den Finger zwischen die Lippen schob und mit einem feuchten Geräusch wieder herausploppen ließ.

"Darf ich dir die Zimmer zeigen?"

"Vielen Dank", er klopfte zweimal auf den Tisch, "aber ich muss noch heute Nacht zu einem wichtigen Termin."

"Wo musst du denn hin?"

"Nach Schneverdingen, ich muss nach Schneverdingen."

"Da hast du was vor", sagte sie, eine Hand in der Hüfte, die Finger in den Bauch gekrallt, "willst du dich vorher nicht ausruhen?"

"Nichts lieber als das", er lehnte sich lächelnd zurück, "nur leider darf ich nicht. Sonst komme ich zu spät."

"Du Armer, tust du nur, was man dir sagt?"

"Manchmal geht es nicht anders."

"Manchmal schon", sie beschrieb einen Kreis in der Luft und stach hinein.

"Beim nächsten Mal", erklärte er mit Blick auf den dampfenden Teller. Aber sie hatte sich schon abgewandt. Erst in der Küchentür sah sie noch einmal zurück, sie streckte ihren Zeigefinger aus und krümmte ihn zurück in die Faust. Lächelnd begann er, die glänzenden Hautlappen von dem weißen Hühnerfleisch zu ziehen. Als er die ersten drei Bissen verschlungen hatte, kam sie erneut aus der Küche. Mit weit ausschwingenden Beinen, die die Schürze flattern ließen, durchquerte sie die Gaststube. Bevor sie ins Treppenhaus verschwand, glitt sie einmal mit dem Blick an ihm herab. Sollte sie nur. Sie konnte auch gerne fünfzigmal mit dem Blick an ihm herauf- und herabgleiten. Er aß genüsslich weiter. Er wollte sie noch ein Weilchen zappeln lassen, wie einen aufs Land geworfenen Fisch, sonst dachte sie noch, sie könnte mit ihm umspringen, wie es ihr gefiel. Erst fünf Bissen später schlenderte er die Reihe der Rücken entlang, überprüfte, damit ihn niemand ansprach, konzentriert die Zeit auf seinem splitternackten Armgelenk. Diese verlorene Uhr sollte ihm eine Lehre sein! Nie wieder würde man ihn so leicht überlisten. Lautlos huschte er hinaus.

Nore stand am oberen Ende der Treppe, wippte auf und ab. Na, was hast du vor mit mir? Mit gesenktem Gesicht, um sein Grinsen zu verbergen, stieg er ihr entgegen. Schweigend liefen sie den Gang hinab. Als sie schließlich an eine Tür gelangten, blickte sie kurz in beide Richtungen des langen, sich im Dunkel verlierenden Ganges. Dann schloss sie auf und wies ihn hinein. Er sah es sofort. Warm stieg ihm das Blut in den Kopf. Sie hatte ihn nicht, wie angekündigt, in ein Gästezimmer geführt, sondern in ihr eigenes kleines Schlafgemach. Ein Kuschelhai, der seine Schnauze unter der Bettdecke vorstreckte, starrte ihn an. Er wandte sich ab, erblickte einen Wochenplan über der Kommode und daneben ein paar Fotos, auf denen sie zu sehen war, Nore, die sich rücklings in die Wellen warf, Nore im Arm eines aus dem Bild geschnittenen, wandweißen Gespensts, Nore als roter Jackenfleck im Wald.

"Warm hier", bemerkte er.

"Schau mal, ob das Bad in Ordnung ist", sie schnappte sich ein Schulheft, das aufgeschlagen auf dem Kissen lag, und wies damit auf ein pappiges Falttürchen neben der Kommode. Froh über die Möglichkeit, seinen glühenden Kopf kurz kühl abtupfen zu können, trat er ins Bad, ein Räumchen, das mit einer gewaltigen, auf Eisenfüßen stehenden Badewanne, einem verprügelten Schmutzwäschepuff einem pinken Handtuchregal so vollgestopft war, dass kaum Platz für zwei Füße blieb. Immerhin, man konnte einmal durchatmen. Was hatte sie nur vor mit ihm? Er drehte sich zu dem fleckenweise erblindeten Spiegelschränkchen über dem Waschbecken, hatte eben den Scheitel angehoben und erschrocken den faustgroßen, rostbraunen Krate

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