text.skipToContent text.skipToNavigation

Kleine Schritte von Müller, Walter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.12.2012
  • Verlag: Otto Müller Verlag
eBook (ePUB)
15,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Kleine Schritte

Am Samstag, 2. November 1940 , wird Grete Schöner dreimal standesamtlich getraut. Zuerst mit dem Polizisten Hubert Körner, dann mit einem gewissen Gottfried Bach, schließlich mit Robert Kremsmayr. Zwischen 1940 und 1941 beschreibt Grete Schöner in ihrem Tagebuch, was sie beschäftigt: die ersten Verabredungen, die Liebe, den Abschied von ihrem über alles geliebten Bruder, die Reden Hitlers im Radio, die Sirenen in der Nacht. Sie ist 17 Jahre alt. Der Autor Walter Müller verarbeitete in 'Kleine Schritte' die Tagebücher seiner Mutter zu einem packenden Roman über das Leben, die Gedanken und die Gefühle einer jungen Frau während eines der dunkelsten Abschnitte der österreichischen Geschichte. Eine literarische Liebeserklärung.

Walter Müller, Jahrgang 1950, lebt als freier Schriftsteller in Salzburg. Er hat bislang Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Hörspiele und Kinderlieder veröffentlicht. Seine Arbeiten wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Förderpreis, dem Literaturförderpreis des Kulturfonds der Stadt Salzburg und dem Georg-Trakl-Arbeitsstipendium. Von 1990 bis 1997 war er Rauriser Stadtschreiber.Im Frühjahr 2003 erschien im Argon Verlag der Roman 'Die Häuser meines Vaters'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 198
    Erscheinungsdatum: 07.12.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701361809
    Verlag: Otto Müller Verlag
    Größe: 425kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Kleine Schritte

Helge Rosvaenge hat das Preislied aus den "Meistersingern" vorgetragen, Jamila Ksirova vom Admiralspalast das Vilja-Lied. Der 2. Franz liegt noch immer auf der Küchenbank, den Fuß auf der Tischplatte. Wenn der Dietl redet, soll ihn die Marie aufwecken. Sie will ihm ein Kissen unter den Kopf schieben, aber das braucht er nicht. Einer, der im Lastwagen schläft, dem genügt eine Holzbank beim Küchentisch, auch am Sonntag.

"Ist doch immer der gleiche Schmus", sagt die Kammerlander Anni, um die Grete zu trösten, und hakt sich bei ihr unter. "Ich grüße meinen Schatz, der gerade in Norwegen im Kampfeinsatz steht. Lieber Lois, dein Baby ist vor einer Woche zur Welt gekommen. Ein Bub. Wir nennen ihn Loisi. Er hat deine Augen. Und deine hässliche Nase! Ich küsse dich vieltausendmal auf den Schwanz, mein Held... blablabla... und dann singt die fette Leander!"

Die Grete reißt sich von der Anni los. "Weiß du überhaupt, was du da redest?!" Aber da hat die Kammerlander Anni schon ihren Arm um Gretes Hüften gelegt und sagt, mit kleiner Stimme: "Mir sind drei liebe Menschen in diesem Krieg abhanden gekommen, keine Affären, liebe Menschen. Zwei irgendwo verreckt, einer irgendwo verschollen. Ich schreib Briefe und krieg keine Antworten. Vielleicht lieg ich übermorgen auch schon draußen auf dem Kommunalfriedhof, im Hochzeitskleid von der Mutter, mit einer weißen Lilie in den Händen. Ist mir ziemlich egal. Solange ich lebe, möchte ich leben. Verstehst du das, meine Süße?"

"Nein", flüstert Grete Schöner, "aber ich hab dich sehr, sehr lieb!"

So spazieren sie, dicke Freundinnen, zurück zum "Gabler", schleichen auf Zehenspitzen, ohne dass jemand sie entdeckt, in den Gastraum, hocken sich an den freien Tisch im Eck, wo's zu den Toiletten geht. Und jetzt singt Rosita Serrano "How do you do".

"Englischen Scheiß singt die!", ruft einer im Halbdunkel des Lokals. Die Anni setzt zu einer Gegenrede an, aber die Grete hält ihr den Mund zu.

"Ich find's hübsch", ruft ein anderer.

"Warum singt sie nicht 'Roter Mohn'?", fragt die Grete die Anni, "oder 'Küss mich, bitte, bitte, küss mich'?"

"Du unverbesserliche Romantikerin!", flüstert die Kammerlander Anni der Grete Schöner zu und beißt ihr unvermutet ins Ohrläppchen.

"Eine Chilenin, die Englisch singt! Ist das ein deutsches Wunschkonzert oder nicht?"

Im "Gabler" entsteht Unruhe.

"Das ist doch eine Parodie auf die Engländer!", schreit einer, "kapiert ihr Trotteln das nicht?! How do you do! Die reinste Gesichtsmuskelverrenkung! Genau das kommt heraus, wenn man in diesem Scheiß-England vegetieren muss!"

"Das Lied stammt aus einem Theaterstück, ihr Banausen! 'Salzburger Nockerl'."

"Außerdem singt sie ja nicht nur Englisch, sondern auch Französisch..."

"Noch besser! Scheiß-Franzosen!"

"...und vor allem Deutsch, sperrt eure Ohren auf!" "Scheiß bleibt Scheiß!"

Gelächter. "Ruhe"-Rufe. Der Chef vom "Gabler" schreit: "Halt's die Gosch'n! Sonst schalt ich ganz ab!" Aber da ist das Lied ohnehin zu Ende, und aus dem Volksempfänger, aus dem Haus des Rundfunks in Berlin, dringt Höflichkeitsapplaus.

"Jetzt kommt gleich der Dietl", ruft einer und bestellt bei der Kellnerin ein Bier. Allgemeines Bestellen. Als der Oberkellner an den Tisch beim Toiletteneck kommt und die Anni und die Grete entdeckt, bleibt er stehen, ganz ruhig, ein paar Sekunden lang, als müsste er nachdenken. Rausschmeißen! Aber er sagt: "Und für die Damen?"

"Zwei Wermuth! Und ein Bier für Sie!", ruft die Anni und funkelt mit den Augen wie die fette Leander.

"Franz, aufwachen!"

Die Marie muss Ihren Liebsten so fest schütteln, dass ihm der Fuß vom Tisch rutscht und der Franz dabei fast von der Küchenbank fällt. "Der Dietl spricht!"

Die Hella hat dem Werner grad einen Briefbogen in die Hand gedrückt, aber der legt ihn, ohne hinzuschauen, weg und sagt: "Gleich! Jetzt spricht der Dietl!"

"General Dietl, der

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen

    ALDI life eBooks: Die perfekte App zum Lesen von eBooks.

    Hier finden Sie alle Ihre eBooks und viele praktische Lesefunktionen.