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Kudos Roman von Cusk, Rachel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.07.2018
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
10,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
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Kudos

Was verbergen wir, indem wir uns zeigen? Und warum wissen wir am wenigsten über das, was uns am meisten bewegt? Rachel Cusk ist die spannendste Schriftstellerin unserer Zeit und Kudos der Abschluss ihres Meisterwerks, ein lebenskluger, beziehungsreicher Roman, erzählt mit schlichter Eleganz und abgründigem Witz. Faye ist Schriftstellerin und unterwegs, ihren neuen Roman vorzustellen. Für sie scheint diese Reise lebensentscheidend. Nicht nur hofft sie, endlich die ihr gebührende öffentliche Anerkennung zu finden, sie sucht vor allem Abstand zu einer privaten Katastrophe. Sie begegnet Kollegen, die sich um Kopf und Kragen reden, sie bestreitet Bühnengespräche, in denen man ihr nicht zuhört, und sie gibt Interviews, ohne wirklich selbst zu Wort zu kommen. Doch je mehr sie sich auf die anderen einlässt, umso deutlicher wird Faye, was jenseits all der Geschichten und Fiktionen liegt, mit denen die Menschen sich fast obsessiv wappnen. Die Konsequenz, die Faye für sich daraus zieht, ist einleuchtend - führt sie aber geradewegs zurück in die Bodenlosigkeit ihrer persönlichen Situation. Rachel Cusk, 1967 in Kanada geboren, lebt in England, hat acht Romane sowie drei Sachbücher geschrieben und ist dafür vielfach ausgezeichnet worden.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 180
    Erscheinungsdatum: 09.07.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518756942
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Kudos
    Größe: 2369 kBytes
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Kudos

Der Mann neben mir im Flugzeug

Der Mann neben mir im Flugzeug war so groß, dass er nicht auf den Platz passte. Seine Ellenbogen ragten über die Armlehnen hinaus und seine Knie stießen gegen den Sitz des Vordermanns, der sich bei jeder Berührung verärgert umdrehte. Mein Nachbar wand sich, schlug umständlich die Beine übereinander und versetzte der Person zu seiner Rechten versehentlich einen Tritt.

"Entschuldigung", sagte er.

Er atmete tief durch die Nase ein, legte die Fäuste in den Schoß und hielt inne, doch schon nach kurzer Zeit wurde er unruhig und bewegte die Beine, so dass die Sitzreihe vor uns zu wackeln anfing. Irgendwann fragte ich ihn, ob er meinen Gangplatz haben wolle. Er nahm das Angebot, ohne zu zögern, an, als hätte ich ihm ein gutes Geschäft vorgeschlagen.

"Normalerweise fliege ich Business", erklärte er, während wir die Plätze tauschten. "Da hat man sehr viel mehr Beinfreiheit."

Er streckte die Füße in den Gang und ließ erleichtert den Kopf zurücksinken.

"Ich danke Ihnen vielmals", sagte er.

Das Flugzeug bewegte sich langsam über das Rollfeld. Der Mann seufzte zufrieden und schien fast augenblicklich einzuschlafen. Eine Flugbegleiterin näherte sich und blieb vor seinen Füßen stehen.

"Sir?", sagte sie. "Sir?"

Der Mann schreckte auf und zog die Beine unbeholfen in die enge Nische, um die Frau durchzulassen. Das Flugzeug stoppte minutenlang, fuhr mit einem Ruck wieder an, blieb erneut stehen. Durchs Fenster war eine Reihe von Maschinen zu sehen, die auf Starterlaubnis warteten. Der Kopf des Mannes kippte nach vorn, und bald lagen seine Beine ausgestreckt im Gang. Die Flugbegleiterin kehrte zurück.

"Sir?", sagte sie. "Der Gang muss während des Starts frei bleiben."

Er setzte sich auf.

"Entschuldigung", sagte er.

Sie entfernte sich, und ihm sank das Kinn auf die Brust. Draußen stand Nebel über der flachen, grauen Landschaft, die in horizontalen Streifen aus feinsten Farbnuancen in den bewölkten Himmel überging und aussah wie das Meer. In der Reihe vor uns unterhielten sich eine Frau und ein Mann. Es ist so traurig, sagte die Frau, und der Mann grunzte zustimmend. Einfach richtig traurig, wiederholte sie. Schritte klopften über den Teppich des Gangs, und die Flugbegleiterin war wieder da. Sie legte meinem Sitznachbarn eine Hand auf die Schulter und rüttelte ihn.

"Ich muss Sie leider bitten, Ihre Beine aus dem Weg zu nehmen", sagte sie.

"Entschuldigen Sie", sagte der Mann. "Ich kann wohl die Augen nicht offen halten."

"Ich muss Sie aber bitten, das zu tun", sagte sie.

"Ich habe letzte Nacht überhaupt nicht geschlafen", sagte er.

"Das ist leider nicht mein Problem", sagte die Flugbegleiterin. "Wenn Sie den Gang blockieren, gefährden Sie die Sicherheit der übrigen Passagiere."

Er rieb sich das Gesicht und setzte sich bequemer hin. Er zog sein Handy aus der Tasche, schaute drauf, steckte es wieder ein. Sie wartete und beobachtete ihn, als müsste sie sich, bevor sie weiterging, von seinem Gehorsam überzeugen. Er schüttelte den Kopf und machte eine verständnislose Gebärde wie zu einem unsichtbaren Publikum. Er war irgendwo in den Vierzigern und sein Gesicht ebenso attraktiv wie durchschnittlich. Die gepflegte, glattgebügelte Neutralität seiner Kleidung verriet den Geschäftsmann auf Wochenendausflug. Er trug eine schwere silberne Uhr am Handgelenk, neu aussehende Halbschuhe und strahlte die anonyme, geborgte Männlichkeit eines Soldaten in Uniform aus. Inzwischen hatte das Flugzeug sich stockend an den Anfang der Warteschlange geschoben und rollte nun in einem weiten Halbkreis auf die Startbahn zu. Aus dem Nebel war Regen geworden, Tropfen liefen über die Fensterscheibe. Der Mann starrte erschöpft auf die nassglänzende Piste. Ringsum schwoll der Lärm der Triebwerke an, das Flugzeug drängte vor, neigte sich aufwärts und bohrte sich unt

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