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Kurzgefasster Lebenslauf und andere frühe Prosa. Bork. Diabelli Erzählungen von Burger, Hermann (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.02.2014
  • Verlag: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag
eBook (ePUB)
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Kurzgefasster Lebenslauf und andere frühe Prosa. Bork. Diabelli

'Exzentriker sind sie, Hermann Burgers Helden. Schon in seinem ersten Geschichtenbuch 'Bork' (1970) begegnen wir ihnen, und erst recht im zweiten, 'Diabelli' (1979), einem Glanzlicht moderner Erzählkunst. Vom einen zum andern ist's allerdings ein weiter Weg.' Mit diesen Sätzen beginnt das Nachwort von Beatrice von Matt. In die Jahre zwischen den beiden Erzählbänden fallen Burgers Durchbruch als international gefeierter Autor, seine Selbstinszenierung zwischen Wortkunst und Magie, der Beginn seiner Depression und die Entfaltung einer intensiven schriftstellerischen und kulturjournalistischen Arbeit. In seinen Erzählungen zeigt der Autor aus der Schweiz die hohe Schule seiner Kunst: akribische Recherche, vollendete Sprachführung und abgründiger Humor.

Hermann Burger, geboren 1942 in Aarau/Schweiz, studierte Germanistik und promovierte mit einer Arbeit über Paul Celan. Bereits als Student debütierte er 1967 mit der Gedichtsammlung Rauchsignale. Sein vielbeachteter erster Roman Schilten erschien 1976. Burger war außerdem Privatdozent für Neuere Deutsche Literatur und Feuilletonredaktor. Sein literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet. 1989 starb Hermann Burger auf Schloss Brunegg im Aargau an einer Überdosis Medikamente.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 336
    Erscheinungsdatum: 03.02.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783312006137
    Verlag: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag
    Serie: Werke
    Größe: 2087 kBytes
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Kurzgefasster Lebenslauf und andere frühe Prosa. Bork. Diabelli

DER SCHNEE GILT MIR

Skizze

Schnee fällt, der erste Schnee, kranker nasser Schnee, weicher Schnee.

Erst hat es zu schneien begonnen. Aber er fällt kaum auf Jahresgrund, dieser Schnee. Es dauert noch lange, bis die Moose frieren. Alt und trächtig ist der Himmel, wolframweiß der Nachmittag und hat zu leuchten aufgehört. Ich sitze auf einer Bank in einem Park am Rande irgendeiner Innenstadt und lasse es schneien in mein Gesicht. Lasse mich fallen, wie Blätter fallen, Schneeflocken fallen; alles fällt. Auch Gesichter fallen, sinken zurück in die Erinnerung.

Die Türme der Stadt stehen schweigsamer, schwärzer zeichnen sich die Eichenkronen vor grauem Himmel ab. Kahle, glatte Stämme, die es in jedem Park geben muss am Rande einer Innenstadt. Hydranten und Telefonkabinen blicken ernsthafter in die Adventszeit. Drüben, im Spitalgarten, wird der matschige Rasen mit leichtem Verbandstoff ausgelegt. Zu dieser Zeit gibt es keine Geschichten, weil man sitzen muss, schwer sitzen und sinken und zusehen, wie es schneit. Das ist das Schlimme: zusehen. Man wird älter davon. Irgendwo geht jetzt ein Mensch durch den Nachmittag und verliert seine Schritte hinter sich. Seine Spuren werden angeschneit. Immer mehr Flocken, immer mehr Schnee, fällt, sinkt. Wir sind am Rande des Wintermärchens. Es gibt keine Geschichten zu diesem Kron-Augenblick, bloß weißliche Niederschläge von Erinnerungen, die auf der Zunge zergehen.

Ich lasse erzählen von den Flocken, die das erste Mal fallen dieses Jahr aus aschgrauem Himmel und verkleiden die ausgewaschenen Häuser der Stadt. Es hat keinen Sinn, die Flocken zu zählen. Tausende sind es, Abertausende, schon diesen Nachmittag. Zahlen! Wäre das eine Geschichte? Ich mache jeden Winter den Flocken das Fallen nach und werde in Städte geschneit, wo ich längst nicht mehr hingehöre. Aber das ist meine Adventsfreude.

Es schneit. Altgrau der Himmel, bisweilen wolframweiß, die Türme der Stadt schweigen und stehen gegen ihn. Es schneit vor die Kaufhäuser der Stadt und vor ihre Schaufenster, die schon erleuchtet sind, weil der Himmel plötzlich grau wurde. Einem kleinen Jungen auf die Nase schneit es, weil er sie noch in die Luft streckt, auf seine Hand schneit es, die eine warme Hand drückt. Es schneit vor den Friedhofsmauern, gegen die im Sommer sich die Liebespaare drücken, mondvergessen. Es schneit aus offenen Polstern in eine Stadt hinein. Städte haben Straßen, die verzweigen sich, wie Bronchien der Lunge sich verzweigen. Straßen führen von innen nach außen ins schalenlose Weichbild der Stadt. In plansicherem Koordinatennetz legen sie sich über die Villenquartiere. Aber Straßen verlieren ihre Namen, wenn es zum ersten Mal schneit, wie soll man sich da zurechtfinden?

Ich habe mir geschworen, heute nicht zu gehen, auf dieser Bank sitzen zu bleiben und es hineinschneien zu lassen in mich, weil ich früher oft gegangen bin, allzu oft. Und ich weiß, wohin das führt. Durch den spätherbstlichen Nachmittag strolchen, einen Schub schwarz-modrigen Laubes vor den Füßen, oder durch das erste Schneewetter streunen, frische Tritte setzen und immer neue Tritte in den Schnee, der schon krank ist!

Nein.

Zusehen, wie es treibt.

Ich blicke hinüber zum Krematorium, das nicht arbeitet, aber umrisshaft steinschwer gegen den tief hängenden Himmel steht und den Schneefall. Nicht arbeitet, obwohl es Samstag ist. Die weit ausholenden Friedhofsanlagen verlieren sich hinter dem gequaderten Bau und hinter wetterfest grüßenden Tannengruppen, die sich, alle Jahre wieder, als Weihnachtsmänner verkleiden lassen. Etwas seltsam Theatrales weht herüber von der Krematoriumsanlage, ich denke

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