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Land, Land Erinnerungen von Márai, Sándor (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.02.2013
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Land, Land

Die Glut des Verbrechens brennt alles nieder. Im fernen Exil hat Sandor Marai aufgeschrieben, was er zuletzt in seiner Heimat Ungarn erlebte - von der deutschen Besetzung Ungarns 1944 bis zu seiner Abreise ins lebenslängliche Exil 1948. Das bewegende Zeugnis eines bedeutenden europäischen Literaten. Autorenporträt.

Sándor Márai, 1900 bis 1989, gehörte zu den gefeierten Autoren Europas, bis er 1948 mit seiner Emigration nach Italien und in die USA in Vergessenheit geriet. Mit der Wiederentdeckung des Romans "Die Glut" wurde er 1998 weltweit gelesen und als einer der bedeutendsten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts erkannt. Der Niedergang des europäischen Bürgertums zählt zu seinen wichtigsten Motiven.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 27.02.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492960120
    Verlag: Piper
    Größe: 1931 kBytes
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Land, Land

D IESE E RLEICHTERUNG VERSTAND ICH NICHT GLEICH. Aber ich hatte auch keine Muße, mir über ihren Sinn den Kopf zu zerbrechen. Es gab Dringlicheres zu tun, als verworrene Gefühle zu analysieren. Wir brauchten eine Unterkunft, Bett und Tisch. Wie Robinson, als ihn nach dem Schiffbruch eine Welle auf die Insel warf, kehrte ich mit einem Floß – in Gestalt eines zweirädrigen Karrens – zum gesunkenen Schiff zurück, um zu retten, was zum Leben nötig war. Damit waren alle beschäftigt; Tag und Nacht wühlten die Großstadtbewohner in den Trümmern. Das glich einer permanenten Müllbeseitigung, aber auch einer absurden Landnahme. Stolz erzählten die Leute einander, sie hätten im Schutt – der einige Wochen vorher noch ihr Zuhause gewesen war – die alte Standuhr oder die Badewanne gefunden. Andere fanden einen Perserteppich – nicht immer den eigenen, nicht immer in der eigenen Wohnung. Auf den Fall von Buda folgten wildromantische Monate.

Ich brachte einige beschädigte, wackelige Möbelstücke in eine Notwohnung und zog samt Familie ein. Wir wohnten drei Jahre lang – vom März 1945 bis zum August 1948 – in dieser Wohnung, in großer Stille, aber nicht gerade unzufrieden. Goethe hat gesagt, wenn jemand davon spricht, daß eine Nation untergegangen sei, beginnt er zu graben, denn er weiß, was er hört, ist nur eine Phrase. Aber wenn er hört, daß in der Nachbarschaft ein Bauernhaus abgebrannt ist, schläft er unruhig, denn er weiß, was er gehört hat, ist eine wahre Tragödie. Ähnlich dachte ich manchmal in diesen Jahren. Es wurde viel über das "Schicksal der Nation" und darüber gesprochen, daß jetzt "alles ganz anders" wird. Ich sah nur, daß sich um die "Nation" niemand scherte, weil alle in Eile waren, sich gegen Typhus impfen zu lassen und die zerbrochenen Fensterscheiben zu ersetzen. Diese eilige, ruhelose, emsige Aktivität hatte etwas Ermutigendes: Die Menschen ahnten, daß auch die Nation etwas davon hat, wenn die Fenster wieder verglast werden. Alles, was vollmundig "Geschichte" genannt wurde, verblaßte. Wirklich Geschichte war die Tagesmeldung – wo Brot, ein Paar Schuhe, ärztliche Hilfe zu bekommen ist. So lebten wir damals, im zerbombten Budapest.

Die lädierten Möbel kleisterte schließlich der Tischler von der Ecke zusammen. Diese Handwerker unmittelbar nach der Belagerung – Vorläufer des späteren, "maszek" genannten Privathandwerkers – waren Helden. Die meisten arbeiteten sozusagen nur aus Übermut und für Inflationsgeld, also fast gratis, denn das Spielgeld, das sie für ihre Arbeit bekamen, wurde Tage, später sogar Stunden danach weggefressen vom großen Betrug, von der Papierlepra, von der Geldverdünnung. Dennoch fanden sich Handwerker, die Aufträge annahmen: der Tischler, der aus Trümmerbrettern Bett, Tisch und Schrank zurechtzimmerte, der Glaser, der sich der Fenster annahm, der Elektriker, der Licht in die finsteren Wohnungen der Ruinenstadt brachte. Sie alle waren alte, sozialdemokratisch erzogene Facharbeiter, die gelernt hatten, welches die höchste und menschlichste Ehre ist: die der Arbeit. Innerhalb weniger Monate bauten diese Handwerker aus den Trümmern ein Budapest zusammen, in dem sich wieder ein städtisches Leben führen ließ. Nachts zogen Sowjetsoldaten und Großstadtgauner durch die Straßen, raubten und belästigten die Frauen. Aber in den ramponierten Wohnungen – es war wie im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit, während der Religionskriege– konnten die Städter verborgen, hinter geschlossenen Türen, wieder wie Menschen leben.

Wieder

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