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Leb wohl, Shanghai Roman von Wagenstein, Angel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.05.2010
  • Verlag: Edition Elke Heidenreich
eBook (ePUB)
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Leb wohl, Shanghai

Ein bewegender und mitreißender Roman über das Schicksal jüdischer Musiker

Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs können sich das Musikerehepaar Elisabeth und Theodor Weisberg und die junge Schauspielerin Hilde Braun aus Deutschland nach Shanghai retten. Zu jener Zeit ist diese Stadt ein Ort der Extreme: Märchenhafter Reichtum existiert neben bitterstem Elend, schreckliches Leid neben ausgelassenem Vergnügen. Die jüdischen Flüchtlinge müssen entweder hungern oder sich mit einem improvisierten Leben jenseits von Glanz und Ruhm arrangieren. Untergebracht in einem Massenschlafsaal verliert Elisabeth Weisberg fast den Verstand. Hilde Braun hingegen wird, weil sie 'arisch' aussieht, Sekretärin bei der deutschen Botschaft. Als sie geheime Informationen aus Berlin an den Widerstand weiterleitet, begibt sie sich in Lebensgefahr ...

Mit großer Erzählkraft entspinnt Wagenstein eine Fabel von Leben und Tod, Liebe, Mut und Menschlichkeit in finsteren Zeiten.

Der Autor gilt als einer der bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts.

Angel Wagenstein, geboren 1922 als Sohn einer jüdischen Handwerkerfamilie in Plowdiw/Bulgarien, verbrachte seine Kindheit in Frankreich. Während des 2. Weltkriegs entging er als Insasse eines Arbeitslagers nur knapp dem Tod. Nach 1945 wurde Wagenstein einer der Mitbegründer des bulgarischen Films. Der Autor von mehr als 50 Drehbüchern erhielt zahlreiche Auszeichnungen. 'Leb wohl, Shanghai', sein dritter Roman, wurde mit dem 'Jean-Monnet-Preis für europäische Literatur' ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 17.05.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641044312
    Verlag: Edition Elke Heidenreich
    Originaltitel: Farewell Shanghai
    Größe: 477kBytes
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Leb wohl, Shanghai

4 (S. 26-27)

Als sie die Vorhänge aufzog, war sie zutiefst enttäuscht. Hilde wusste zwar nicht, was genau sie erwartet hatte, doch dieser Anblick deckte sich nun wirklich in nichts mit jenen Postkartenansichten, die die Touristen scharenweise in die französische Metropole an der Seine lockten. Im Rechteck ihres Hotelzimmerfensters war eine trostlose Stadtlandschaft aus rußgeschwärzten Fassaden zu sehen, zwischen denen Wäsche hing. Weit unten und so klein, als handelte es sich um die Anlage einer Modelleisenbahn, breitete sich ein Gewirr aus Gleisen, Pfeilen, Hochspannungsleitungen und Signalen aus, zwischen denen Waggons abgestellt waren und eine einsame Lokomotive dampfend und zischend hin und her rangierte.

Das kleine Hotel war für Leute mit begrenztem Reisebudget. Zwei Sterne am Eingang, von denen einer allerdings nicht mehr so recht leuchten wollte, versprachen nicht mehr als nötig, aber auch nicht weniger. Man konnte von hier aus weder den Eiffelturm noch Montmartre sehen, weder den Triumphbogen noch das geschlängelte Band der Seine, dessen Grauschattierung stets die Farbnuancen des Himmels widerspiegelte. Hilde wusste von alldem, auch ohne es je mit eigenen Augen gesehen zu haben.

Der Boulevard Saint-Michel, der Louvre, Notre-Dame, ja selbst der Eigentümer des Bistros an der Ecke waren ihr so vertraut wie das Innere ihrer Handtasche. Nein, sie war nie in Paris gewesen, hatte aber während ihres Studiums der französischen Sprache und Literatur an der Humboldt-Universität so viel über diese Stadt gelesen und so viele Abbildungen, Fotos und Filme gesehen, dass sie sich alles ohne Mühe vorstellen konnte. Dabei hatte sich in ihr die Sehnsucht entwickelt, Paris in seinem wirklichen Glanz zu erleben. Sie wollte Pariser Luft atmen, ihren Geschmack auf der Zunge spüren und - wenn sie hinunter ins Eckbistro ging, um einen Kaffee zu trinken, würde der Wirt sie schon beim Hereinkommen mit seinem provenzalischen Akzent fragen: "Bonjour, Mademoiselle Hilde! Ça va? Un café et un croissant comme toujours, n'est-ce pas, Mademoiselle Hilde?"

Trotz ihrer momentanen Enttäuschung über den Anblick, der sich ihr aus dem Hotelfenster bot, war sie glücklich, endlich hier zu sein, raus aus der in letzter Zeit bedrückenden Atmosphäre Berlins! Wenigstens für kurze Zeit einmal ihre Sorgen vergessen, den Schauspielunterricht, der sie auch nicht weiterbrachte, und die Idioten, die behaupteten, eben dies zu können, falls sie ihnen als Gegenleistung für eine Nebenrolle auf der Matratze kurz eine Hauptrolle gewährte. Endlich einmal kein permanentes Umstellen bei den Massenszenen, in denen sie als Statistin mitwirkte, ohne je zu begreifen, warum diese Einstellung unbedingt noch einmal gedreht werden musste.

Tag für Tag stand sie sich von morgens bis abends für fünf Reichsmark in Babelsberg die Beine in den Bauch, ohne zu wissen und je zu erfahren, worum es in besagtem Film überhaupt ging. Sie musste es sich gefallen lassen, von dahergelaufenen Regieassistenten scheinbar zufällig angegrapscht und plump belästigt zu werden, und das alles nur wegen der winzigen Hoffnung eines jeden Statisten, eines Tages dem Regisseur "aufzufallen" ...

Eines schönen Tages würde dieser von seinem Klappstuhl aus grübelnd seinen Blick über die Reihen schweifen lassen, plötzlich mit dem Finger seine Assistentin zu sich winken und fragen: "Du, wer ist denn die da, die Blonde da hinten?" In diesem Moment würde das ganze sinnlose Spektakel schlagartig aufhören, und der kometenhafte Aufstieg zum großen Filmstar würde seinen schicksalhaften Verlauf nehmen. In Wirklichkeit passierte so etwas natürlich nie. Fast nie. Hilde jedoch war es passiert, und deshalb war sie an diesem Morgen auch nicht in ihrer kleinen Mansardenwohnung in Berlin-Grunewald erwacht, sondern in Paris.  ,

Jemand klopfte vorsichtig an die Tür. Im Spalt erschien der blanke Schädel von Werner Gauke, dem legendären einarmigen

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