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Leise singende Frauen von Genazino, Wilhelm (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.11.2015
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Leise singende Frauen

Ein Mann streift durch die Großstadt. Er hat einen unscheinbaren, wertlosen, aber geliebten Gegenstand verloren, eine Kostbarkeit für ihn. Er kann seinen Gegenstand nicht wiederfinden, stattdessen stößt er auf andere, von Menschen aufgegebene oder nie beachtete Objekte und Abfallstücke, die an die Stelle des Verlorenen treten und für ihn vorübergehend zu Fetischen werden. Es wird ihm immer klarer, dass das Herumgehen nur ein Entgegenkommen für die überall verborgenen Ereignisse der Poesie ist, die der Erzähler sucht. Wiederzuentdecken ist einer der schönsten und doch bisher am wenigsten beachteten Romane Wilhelm Genazinos, eine Poetik der Poesie des Alltagslebens in Bildern von bezwingender Kraft. Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren, lebt in Frankfurt. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis und dem Kleist-Preis. Bei Hanser erschienen zuletzt Die Liebe zur Einfalt (Neuausgabe, 2012), Idyllen in der Halbnatur (2012), Aus der Ferne und Auf der Kippe (Texte zu Postkarten und Fotos, 2012), Tarzan am Main (Spaziergänge in der Mitte Deutschlands, 2013), Leise singende Frauen (Roman, 2014), Bei Regen im Saal (Roman, 2014), Außer uns spricht niemand über uns (Roman, 2016) und Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze (Roman, 2018).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 16.11.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446251465
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 1241 kBytes
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Leise singende Frauen

2

Leider habe ich meinen Kreisel verloren oder irgendwo liegenlassen. Es ist mir unerklärlich, wie das geschehen konnte. Der Kreisel hatte eine vergleichsweise lange Mittelachse und einen breiten hölzernen Körper. Aufgrund dieser Konstruktion hatte er eine überproportionale Schwerkraft und beschrieb, wenn ich ihn auf einem Tisch kreiseln ließ, knappe enge Ellipsen. Ich hatte den Kreisel auf einem Weinfest im Rheingau gekauft. Ich hielt ihn kurz in der Hand und wußte sofort, daß ich ihn künftig in meiner Jackentasche herumtragen wollte. Schon wenig später, als ich mich niedersetzte und ein Glas Wein bestellte, holte ich den Kreisel hervor und ließ ihn auf den Tisch springen. Ein mäkelndes Kind verfiel daraufhin sofort in ein schönes staunendes Schweigen. Ich mußte der Mutter erklären, wo es dieses unscheinbare Spielzeug zu kaufen gab. Seither trug ich den Kreisel fast jeden Tag bei mir. Leider habe ich den Verlust erst vor einer halben Stunde bemerkt. Ich stellte die paar Sachen, die ich unterwegs eingekauft hatte, in der Küche ab, griff in meine Jackentasche und fand ihn nicht mehr. Ich erinnere mich, daß ich mir unterwegs einmal die Nase geputzt habe. Vielleicht hat sich der Kreisel in mein Taschentuch verwickelt und ist, als ich das Tuch aus der Tasche zog, auf die Straße gefallen. Natürlich möchte ich meinen Kreisel wiederhaben. Am besten wird sein, ich gehe dieselben Straßen noch einmal, die ich beim Heimweg schon gegangen bin.

Aber in welchen Straßen bin ich gelaufen, in welchen nicht!? Bei meiner Art des Umhergehens lassen sich zurückgelegte Wege nicht einfach erinnern. Ich nenne dieses Umhergehen manchmal auch Zotteln oder Zockeln. Diese Worte bedeuten, daß ich oft stehenbleibe oder scheinbar warte. Es gefällt mir, wenn dabei die Zeit in lauter kleine Splitter zerfällt, die ich einzeln anschauen kann. Früher habe ich genau wissen wollen, was dieses Umhergehen und Zeitverschwenden bedeuten soll; zum Glück sind solche Begründungen heute unwichtig geworden. Ich komme an dem Fischgeschäft in der Martin-Luther-Straße vorbei, aber das besagt nicht viel. Denn das Schaufenster dieses Fischgeschäfts betrachte ich so gut wie jeden Tag. Im Vordergrund sind immer ein paar Fische ausgelegt; sie sind von vielen kleinen Eisbröckchen umgeben, sie sind glatt, sie schimmern und sie haben eine schöne Haut. Daß sie tot sind, macht mir ausnahmsweise nicht viel aus, denn Fische sind die den Menschen am wenigsten ähnliche Tiere. Sie haben keine Beine, keine Arme, keine Hände, keine Finger, nicht einmal Haare haben sie. Schon die toten Hühner, die eine Straße weiter im Schaufenster eines Geflügelhändlers liegen, verursachen mir eine leichte Übelkeit, weil sie Beine haben, die, wenn auch nur ganz entfernt, an die Beine von Menschen erinnern.

Wieder zuckt mein rechtes unteres Augenlid. Es ist eine harmlose nervöse Störung, die in großen Abständen mein rechtes Auge überfällt. Obwohl mich das Zucken irritiert, gefällt es mir auch. Denn in den Augenblicken, wenn das Lid zuckt, wackelt mein Blick und mit ihm die Welt, die ich sehe. Es dauert nie lange, dann verschwindet das Zucken, und ich sehe wieder normal. Darüber bin ich beruhigt; und doch warte ich auf das nächste Zucken.

Ich schaue aufmerksam in Rinnsteine, unter geparkte Autos und auf die Fenstersimse von Erdgeschoßwohnungen, wo manchmal etwas zum Wiederfinden in Augenhöhe bereit liegt. Vor mir läuft ein junges Ausländermädchen mit seiner Mutter. Das deutsch sprechende Mädchen versucht, der Mutter den Unterschied zwischen den Ausdrücken 'Is was?' und 'Iß was!' zu erklären, aber die Mutter ist nur wenig interessiert. Die schwere Frau stapft dahin und blickt auf den Boden. Wieder erklärt die Tochter, daß 'Is was?' die Kurzform von 'Ist etwas los?' oder 'Ist hier etwas passiert?' ist. Das Mädchen bleibt jetzt sogar stehen und sagt: Du kannst fragen: Ist hie

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