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Leo Nilheims Geschichte von Ågren, Leo (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.07.2015
  • Verlag: Saga Egmont
eBook (ePUB)
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Leo Nilheims Geschichte

Im April 1958 lernt der Erzähler in Leningrad einen geheimnisvollen Mann kennen, der sich Leo Nilheim nennt und als Dolmetscher arbeitet. Eine Nacht lang erzählt der Russe die tragikomische Geschichte seines Lebens: von der jüdischen Mutter, die er nie gekannt hat, und vom revolutionären Vater, der so früh starb, von einem senilen Lehrer, den er durch spontanes Intonieren der Internationale rettet, und dem wilden Eber Rasputin, der nach Sibirien deportiert wird, von einer viel zu kurzen Kindheit und der ersten unerfüllten Liebe. Er erzählt von der Absurdität des Krieges an der russisch-finnischen Front und dem Überleben in einem Gefangenenlager, von Bibeln, Heldenkreuzen, von einer neuen Heimat im Feindesland und dem Mann, der ihn erst erschießen will und ihm später das Leben rettet. Und er beschreibt den Punkt im Leben eines Menschen, an dem er entscheiden muss, wer er sein will. AUTORENPORTRÄT Leo Ågren, geboren 1928 in der vorwiegend schwedischsprachigen finnischen Provinz Österbotten, erlernte den Beruf eines Schriftsetzers und debütierte 1954 mit dem Roman Hunger i skördetid. Für sein Werk wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Anfang der 1960er übersiedelte er nach Stockholm. 1971 erschien sein letzter Roman Krigshistoria, der nunmehr unter dem Titel Leo Nilheims Geschichte in deutscher Sprache vorgelegt wird. Leo Ågren starb 1984 in Stockholm.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 03.07.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9788711448526
    Verlag: Saga Egmont
    Größe: 2192kBytes
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Leo Nilheims Geschichte

I.

Das Dorf

Meine Eltern, mein Vater jedenfalls, waren Bauern. Ich weiß, wie Erde riecht. Ja, es ist seltsam, wie viel Gerüche im Leben bedeuten können. Einige Jahre lang lernte ich, wie Leichen und Pferdekadaver riechen. Dieser Gestank ist schlimmer als alles andere, man kann sich nie daran gewöhnen. Aber auch dem Geruch des karelischen Humus konnte ich nichts abgewinnen. Er duftete ganz anders als der bei uns. Das ist gar nicht so sonderbar. Die Erde, in die man Schützenlöcher gräbt, riecht sicher immer auf eine besondere Art. Schützenlöcher werden auf Befehl gegraben; sie dienen keinem anderen Zweck als dem kriegerischen. Deshalb müssen sie natürlich ganz anders riechen als alles andere. Das Gewühle in der Erde war eine Sinnlosigkeit der Politiker, nicht der Bauern. Und der Sohn eines Kolchosbauern aus einer der tristesten Gegenden Weißrusslands konnte sich nie mit der Art der Politiker, im Boden zu graben, abfinden. Die Humusschicht sollte mit Sorgfalt und Liebe umbrochen, gedüngt und besät werden. Dann zeigt sie vielleicht ihre Dankbarkeit, indem sie eine gute Ernte gibt. Aber die Ernte des Krieges besteht nur aus Schrecken und Leichen. Niemals aus etwas anderem.

Ja, mein Vater war Genossenschaftsbauer. Wir wohnten in einer der ältesten Hütten des Dorfes. Die ersten Jahre waren schwer. Der Ofen qualmte, und im Winter schneite es durch die Ritzen zwischen den morschen Balken. Fleisch stand fast nie auf unserem Tisch, und oft gab es nicht einmal eine Mehlsuppe. Wir Kinder bewunderten Stalin sehr, aber nur, weil wir kaum jemals ein gedrucktes Foto von einem anderen gesehen hatten. Und wer, wie der Lehrer sagte, Hunderttausende solcher Bilder verbreiten lassen konnte, musste natürlich viel mehr sein als wir. Aber trotz seiner fast göttlichen Macht konnte nicht einmal Stalin verhindern, dass wir mehrere Jahre hintereinander Missernten einfuhren. Die neue Generation, die Zukunft der Sowjetunion, wuchs unterernährt, zerlumpt und halb verwildert heran. Wundere dich deshalb nicht, dass wir nur das geschafft haben, was du heute siehst. Wir sind noch immer vor allem am Essen interessiert. Es braucht eine weitere satte Generation, um die Wohlfahrtsgesellschaft aufzubauen.

Großmutter redete manchmal vom Zaren, von einer glücklichen Periode im Leben Russlands, als niemand Not litt und keiner an Teeblättern sparen musste. Sie nannte ihn Nikolajus; manchmal glaube ich, sie brachte ihn mit einem Heiligen durcheinander. Sie war nämlich sehr religiös. Wenn wir einen Verwandten an der alten Dorfkirche beisetzten, gehörte sie immer zu denen, die am eifrigsten die Stirn auf den Boden schlugen und sich bekreuzigten. Schließlich begruben wir auch sie. Da war ich bereits groß genug, um beim Ausheben des Grabes zu helfen. Ich erinnere mich, dass auch die Erde auf dem Friedhof anders roch als der verdammte karelische Humus, in den ich einige Jahre später auf Befehl der Generale Schützengräben grub. Jedenfalls begriff ich, dass unser Dorf sehr alt sein musste, denn ich stieß auf jede Menge Knochen, ja sogar ganze Schädel, als wir Großmutters Grab vorbereiteten. Hier, an diesem gottverlassenen Platz, hatten Generationen von Menschen gewohnt, jahrhundertelang, ohne auf die Idee zu kommen, sich etwas Anderes, etwas Besseres zu suchen. Aber ich werde es ihnen zeigen, dachte ich. Wenn ich nur ein wenig älter wäre - in dieser Erde wollte ich jedenfalls nicht verwesen!

Ich kann nie an Großmutters Tod denken, ohne an meinen Papa erinnert zu werden. Nicht nur, weil die beiden fast zur selben Zeit starben, sondern weil da, bei allen Unterschieden, etwas so gleich war bei ihnen. Eines Morgens antwortete Großmutter nicht, als wir sie ansprachen. Sie lag mit geschlossenen Augen ganz still da, die Hände fest um eine Ikone geschlossen. Ihre Gesichtshaut war straffer geworden; sie sah jünger aus und wirkte viel glücklicher als im Leben.

Zwei Mal erlebte ich, dass sich mein Papa mit selbstgebranntem Wodk

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