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Lesezeit. Unterwegs Lektüre für jedes Zeitfenster

  • Erscheinungsdatum: 17.05.2019
  • Verlag: DuMont Buchverlag
eBook (ePUB)
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Lesezeit. Unterwegs

"Lesen heißt mit einem anderen Kopf statt des eigenen denken." Arthur Schopenhauer Sich im Alltag Zeit zum Lesen zu nehmen, ist gar nicht so einfach. Aber es lohnt sich. Die Anthologie Lesezeit

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 17.05.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783832184605
    Verlag: DuMont Buchverlag
    Größe: 1562 kBytes
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Lesezeit. Unterwegs

LIEBESPERLEN

Mariana Leky

Meine Mutter raucht viel, besonders am Morgen davor. Am Morgen davor nimmt sie nichts zu sich außer Zigaretten. Sie steht am Kippfenster in der Küche und bläst den Rauch durch den Schlitz auf die Straße. Auf der Fensterbank steht eine Tasse lauwarmes Wasser, daneben liegt eine silberne Cappuccinotüte, sie hat beides vergessen.

"Warum fliegst du nicht mit", frage ich. Ich frage das jedes Mal. Jedes Mal sagt meine Mutter: "Wegen der Katze." Sie hustet. Mein Vater kommt in die Küche, mit vielen großen Tüten aus Glanzpapier, und hustet auch. Er stellt die Tüten auf den Küchentisch. "Warum fliegst du schon wieder", frage ich und setze mich auf die Fensterbank. "Das weißt du doch", sagt mein Vater, und ich sage: "Wegen der Wüstenluft."

Meine Mutter schnippt die Zigarette aus dem Fensterschlitz. Mein Vater zieht neue Hemden und Badehosen aus den Glanzpapiertüten, knipst die Preisschilder ab und legt sie in die Reisetasche. Wir fahren ihn nicht zum Flughafen. Er küsst uns auf den Mund, sagt "Na denn" und dass er jetzt gehen müsse. Dann geht er. Meine Mutter zündet sich eine neue Zigarette an und bläst den Rauch in den Raum. Wenn mein Vater weg ist, rauchen wir im ganzen Haus. Wenn mein Vater da ist, stellen wir uns zum Rauchen an das Kippfenster in der Küche, abwechselnd.

"Was ist diesmal dran", frage ich meine Mutter. "Der Keller", sagt sie.

Ich rauche auch viel. Ich habe es in Agadir gelernt. Zu meinem vierzehnten Geburtstag schenkte mir mein Vater eine Reise nach Marokko, weil der Arzt gesagt hatte, Wüstenluft sei gut; ich hatte mit einer Stereoanlage gerechnet. Wir wohnten in einem Hotel am Meer. Es gab viele streunende Katzen in der Hotelanlage, die vom Personal verjagt wurden, weil sie hässlich aussahen: Entweder hatten sie nur ein Auge oder nur ein Ohr oder nur drei Beine. Die Katzen wurden verjagt, immer wieder; es sei denn, sie hatten Katzenkinder. Dann durften sie bleiben, denn Katzenkinder sind niedlich. Es gab streunende Katzen und für meinen Vater viele Tennisplätze, deswegen kamen wir aus der Hotelanlage nie heraus. Er spielte den ganzen Tag. "Mit wem spielst du", fragten wir, und er sagte: "Ich spiele mit wechselnden Partnern." Meine Mutter saß auf der Hotelterrasse und bereitete seine Vorlesung für das Wintersemester vor, eine Vorlesung über Psychosomatose. Ich lag am Pool und hörte Walkman. Manchmal setzte der Hotelanimateur sich zu mir auf das Handtuch und hörte auf einem Stöpsel mit.

Ich verliebte mich in den Animateur, weil ich achtmal Dirty Dancing gesehen hatte. Der Animateur hatte ein braunes Gesicht und sehr weiße Zähne. Er trug einen hellblauen Trainingsanzug aus Wolle, auch wenn es heiß war, immer denselben. Eines Tages küsste mich der Animateur, als meine Mutter nicht hinsah. Während er mich küsste, dachte ich an die Postkarten, die ich meinen Freundinnen schreiben würde, die zu Hause bleiben und ins Kino gehen mussten. Dann brachte der Animateur mir das Rauchen bei. Es war ganz leicht.

Beim Abendessen sagte ich: "Ich habe mich verliebt." Mein Vater sagte: "O Gott", und schüttelte den Kopf, so, wie er den Kopf schüttelt, wenn jemand anruft und fragt, ob er Patient werden könne wegen der und der Geschichte, und meinem Vater die Geschichte nicht zusagt. Ich nahm eine Zigarette aus der Schachtel meiner Mutter und zündete sie an. Mein Vater nahm sie mir aus dem Mund und drückte sie im Aschenbecher aus. "Mein Kind macht sich kaputt", sagte er, "und ich muss dabei zusehen." Meine Mutter nahm die Zigarette aus dem Aschenbecher und bog sie wieder gerade. Wir aßen Oliven, weil es so heiß war und der Arzt gesagt hatte, wenn man schwitzt, müsse man Salz essen. Ich erzählte von dem Animateur und seinen schwarzen Augen, und mein Vater fing an zu schielen. Mein Vater fängt immer an zu schielen, wenn es ihm langweilig wird. Er schielt oft, wenn er länger mit uns zusammen ist, besond

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