text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Letzte Erzählungen von Trevor, William (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.04.2020
  • Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
eBook (ePUB)
19,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Letzte Erzählungen

Das Vermächtnis und geniale Abschiedsgeschenk eines großen Schriftstellers. William Trevors Erzählungen beleuchten die Abgründe menschlichen Daseins und werfen Licht auf Momente von existentieller Bedeutung. Da ist etwa das Mädchen, dessen tot geglaubte Mutter sich als höchst lebendig und kerngesund herausstellt. Oder die Klavierlehrerin, die die Diebstähle ihres Schülers stillschweigend hinnimmt, weil er so wunderbar spielt. Und der italienische Cafébesitzer in London, der sein Café nach der Frau benennt, die ihn verlassen hat. Einfühlsam, tiefgründig und mit stilistischer Raffinesse erzählt Trevor von den Leben ganz gewöhnlicher Menschen in einer Welt, in der das Glück vorübergehend und nur unter Vorbehalt zu genießen ist, in der die Vergangenheit die Gegenwart bestimmt und zufällige Begegnungen die Einsamkeit für einen Moment vertreiben können. William Trevor, geboren 1928, wuchs in Irland auf. Er besuchte das Trinity College in Dublin und war Mitglied der Irish Academy of Letters. Sein umfangreiches Werk umfasst Romane und Erzählungen und wurde mit zahlreichen literarischen Preisen ausgezeichnet. 2002 ernannte ihn Königin Elizabeth II. zum Ehrenritter. Bei Hoffmann und Campe erschienen Romane und Erzählungen, zuletzt der Erzählungsband Ein Traum von Schmetterlingen (2015). William Trevor lebte mit seiner Ehefrau Jane viele Jahre im englischen Devon; er starb im Alter von 88 Jahren am 20. November 2016 in Somerset.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 04.04.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783455008296
    Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
    Größe: 629 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Letzte Erzählungen

Der Schüler der Klavierlehrerin

"Der Brahms?", fragte sie. "Wollen wir uns durch den Brahms kämpfen?"

Der Junge, der gerade seine erste Stunde bei Miss Nightingale nahm, sagte nichts. Doch als er auf das stumme Metronom schaute, lächelte er ein wenig, so als behage ihm dessen Stummheit. Dann berührten seine Finger die Klaviertasten, und sobald die ersten Töne erklangen, wusste Miss Nightingale, dass sie sich in der Gegenwart eines Genies befand.

Mittlerweile Anfang fünfzig, schlank, mit sanfter Stimme und von einer ruhigen Schönheit, die ihre Züge auszeichnete, fand Miss Elizabeth Nightingale, dass sie sich glücklich schätzen durfte. Nach dem Tod ihres Vaters hatte sie ein Haus geerbt und konnte, ohne geizen zu müssen, von ihren Einkünften als Klavierlehrerin leben. Sie hatte die Leidenschaft der Liebe kennengelernt.

Vielleicht hätte sie heiraten können, doch das hatten die Umstände nicht erlaubt: Stattdessen war sie sechzehn Jahre lang von einem Mann aufgesucht worden, der sich, wie sie glaubte, von der Ehefrau, die ihm nichts bedeutete, eines Tages befreien würde. Das war nicht geschehen, und als die Liebschaft endete, hatte Miss Nightingales dies zwar schmerzlich bedauert, doch nachgetragen hatte sie es ihrem Geliebten nicht, denn immerhin blieb ihr die Erinnerung an ein Glück.

Miss Nightingales Vater, ein Chocolatier, der gleich nach ihrer Geburt Witwer geworden war, hatte seine Tochter allein großgezogen. Sie wurden Gefährten und blieben es bis zu seinem Tod, wenn er auch von der Affäre, die sich während seiner täglichen Abwesenheit im Haus über so lange Zeit hingezogen hatte, nie etwas ahnte. Jene Liebe und die Aufopferung ihres Vaters waren Erinnerungen, die Miss Nightingales jetzige Einsamkeit aufhellten und ihrem Leben Kontur verliehen. Die Erregung jedoch, die sie empfand, als ihr neuer Schüler ihr vorspielte, gehörte der Gegenwart an, war frisch und neu und heftig: Nie zuvor hatte sie in einem Kind Genialität verspürt.

"Nur ein bisschen zu schnell." Die Bemerkung machte sie erst, als das Stück, das sie vorgeschlagen hatte, zu Ende war. "Und denk an das Pianissimo." Um zu verdeutlichen, welche Stelle sie meinte, berührte sie die Noten mit der Spitze ihres Bleistifts.

Der Junge antwortete nicht, sondern lächelte nur, genau wie zuvor. Sein dunkles, nicht allzu kurz geschnittenes Haar trug er in einer Ponyfrisur. Seine Haut war zart, makellos, weiß wie Papier. Auf die Brusttasche seines Blazers war ein Abzeichen aufgenäht, ein langschnabeliger Vogel, der seine Jungen fütterte. Der Blazer selbst war marineblau, das Abzeichen rot, in den Augen von Miss Nightingale alles eher hässlich.

"Du wirst es etwas langsamer einüben, nicht wahr?", sagte sie.

Sie sah zu, wie der Junge aufstand und nach den Noten griff. Er ließ sie in seine Mappe fallen.

"Nächsten Freitag?", fragte sie und erhob sich ebenfalls. "Zur gleichen Zeit?"

Er nickte mit einer Beflissenheit, die bloße Höflichkeit hätte sein können; doch sie spürte, dass dem nicht so war. Seine scheue Art war ihr eine Freude, ganz anders als das endlose Geplapper ihrer langweiligeren Schüler. Seine Mutter hatte gesagt, er habe bereits mehrere Klavierlehrer gehabt, und dabei selbst so schnell geplappert, dass Miss Nightingale kaum verstand, weshalb er von einem zum nächsten geschickt worden war. Sie hatte sich ganz professionell danach erkundigt, jedoch nichts in Erfahrung bringen können.

Sie ging voran aus dem Zimmer und reichte dem Jungen von der Garderobe seine Mütze, die das gleiche Vogelemblem aufwies. An der geöffneten Tür blieb sie einen Augenblick stehen und beobachtete, wie er die Gartenpforte hinter sich schloss. Sie fragte sich, ob ihm wohl kalt war in seiner kurzen Hose. Seine Knie über den grauen Wollsocken, an deren Saum sich das Blau und Rot seines Blazers und seiner Mütze wiederholte, wirkten verletzlich und zerbrechlich. Er winkte, und sie

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen