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Letzte Züge Eine Geschichte von Kiening, Christian (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.03.2018
  • Verlag: weissbooks
eBook (ePUB)
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Letzte Züge

'Auf Reisen gleichen wir einem Film, der belichtet wird. Entwickeln wird ihn die Erinnerung.' Max Frisch Aufzeichnungen, Dokumente, Briefe - auf diesen Spuren von Erinnerung ist Christian Kiening unterwegs. In 17 Kapiteln eröffnet seine Reise, seine Recherche das vielschichtige Panorama einer Familiengeschichte. Es sind die Wege zweier Generationen, konfrontiert mit Kriegen, Flucht, Gefangenschaft und Neubeginn. Spuren einer Kindheit am fränkischen Main, ein Leben im besetzten Polen, das München nach 1945: Eine Familie zwischen Pragmatismus und Schwärmerei, Sehnsüchten und Enttäuschungen. 'Vor unseren Augen', sagt der Autor, 'vollzieht sich die Arbeit des Erinnerns. Für Augenblicke erhalten die Toten eine Stimme, in der sich Gewusstes und Vorgestelltes überlagern.' Christian Kienings Debüt ist ein spannendes, mutiges und erzählerisch kraftvolles Stück Literatur, eine poetische Rekonstruktion, in der wir lesend miterleben, wie Erinnerung funktioniert. Christian Kiening, geb. 1962 in München, lebt und arbeitet seit knapp 20 Jahren in Zürich. Studium der Deutschen Philologie, Geschichte und Philosophie. Seit 2000 Professur für Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Zürich; Gastprofessuren in Paris, Berkeley, São Paulo, Chicago und Stanford. Publikationen (Auswahl): Zwischen Körper und Schrift (Fischer, 2003), Urszenen des Medialen (Wallstein, 2012), Literarische Schöpfung im Mittelalter (Wallstein, 2014).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 29.03.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863371425
    Verlag: weissbooks
    Größe: 978 kBytes
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Letzte Züge

1

Es war Ende August und hatte wochenlang nicht geregnet. Die Barometer schienen ihren Geist aufgegeben zu haben. Die Luftbewegungen waren minimal. Man sprach von der Erderwärmung und von Wassermangel und reduzierte die Duschzeiten. Die Fensterläden blieben tagsüber geschlossen.

Nachts kroch eine klebrige Wärme aus den Mauern in die Betten. Im Halbschlaf schleppte ich mich durch langgezogene Wüstenkrater. Feuerbälle gingen nieder. Erde, Sand und Geröll verdampften. Buchstaben tänzelten dazwischen. Bruchstücke eines Artikels über Asteroiden. Aufgeschmolzene Masse. Zersplitternde Energiequanten. Zerstäubende Materie. Alles Leben in hundert Kilometern Umkreis ausgelöscht. Nur die flinken Paramys, die grauen Schattenschwänzer, die zwischen Himmel und Erde hin- und hereilen, überleben mit versengtem Fell und verkürztem Schwanzbusch. Glühwürmchen blitzen in ihren Augen, ihre Flüche erreichen Spitzenwerte. Über Ländern, die vielleicht einmal Böhmen, Mähren oder Polen heißen werden, gehen kleine Schmelztropfen nieder, flaschengrün, olivgrün, durchsichtig.

Als mich die Todesnachricht erreichte, war es Nachmittag. Das kannte ich nicht. In der Kindheit waren solche Botschaften immer spätabends eingetroffen, wenn ich schon im Bett war. Das Telefon im Flur, bei dem man stehen musste, hatte geläutet. Eine gedämpfte Unruhe und Betriebsamkeit hatte sich ausgebreitet, deren Grund sich erst am Morgen danach enthüllte. Jetzt traf mich die Nachricht mitten in der Arbeit. Ich brütete über Sterbebüchlein und Totentänzen. Kadaver und Skelette in ihrem grotesken Reigen. Formeln, der Gemeinde eingehämmert vom Prediger, Bedenke, Mensch, dass du Staub bist , Spiegelsätze der Toten, Was wir sind, das werdet ihr , Worte wie abgestandenes Bier, auf das ein schräger Lichtstrahl trifft. Die metaphysischen Schimmelzitronen auf dem Stillleben, in einer schmalen Lücke zwischen den Bücherregalen, schienen sich unmerklich vergrößert zu haben.

Bei der Fahrt von Zürich ins Schwäbische flimmerte die Hitze über dem Asphalt und den halb abgemähten Feldern. Die Kühe drängten sich unter den wenigen Bäumen. Die Traktoren wirbelten kilometerweit sichtbar trockene Erde auf. Im Rieskrater stieg die Temperatur nochmals an. Das Flimmern gaukelte mir Urzeitgewässer vor, entstanden durch den Asteroideneinschlag. Die Flussläufe von Ur-Main und Ur-Altmühl waren blockiert worden und hatten einen See gebildet bis zum heutigen Nürnberg hin.

In Nördlingen stanken die Gullis. Die Passanten schlichen an den Hausmauern entlang. Das Freibad am Stadtrand, das sich jetzt Solarbad nannte, barst vor Besuchern. Bei den Bestattungsinstituten war kaum ein Termin zu bekommen. Michaela, das Jahrhunderthoch, rettete ihnen die Bilanzen. Blond und sehr groß gewachsen, mit schweren Gliedern, warf sie sich über die Alten und nahm ihnen die Luft zum Atmen.

Beim Aussteigen vor der Friedhofskirche verbrannte ich mir die Hand am Autodach. Der Hemdkragen scheuerte. Der schwarze Anzug staute die Wärme. Die Schuhe drückten. Mein Mund war trocken. Ich schüttelte die Hände von Menschen, die mich von früher kannten. Im Innern der Kirche nicht das erwartete Halbdunkel, sondern gleichmäßiges Licht, getönt durch moderne monochrome Glasfenster. Der Weihrauchgeruch nicht so stark wie in meiner Kindheit, als die Ministranten die Fässchen heftig geschwenkt hatten und der harzige Rauch stoßweise in die Bankreihen geschwappt war, wo ich halb ohnmächtig wurde - ein willkommener Grund, der Messe fernzubleiben. Jetzt eine eher dezente Note, untermischt mit dem Duft von Lilien und Sommerblumen. An den Längsseiten die Stationen des Kreuzwegs als Holzreliefs, vorne auf der weißen Schiebetafel die Stellen aus dem Gesangbuch. Standardmäßige Kränze mit Schriftbändern fehlten. Von den Bänken waren nur die ersten Reihen besetzt, hinten ein oder zwei Stammgäste.

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