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Letztes Schweigen von Altwasser, Volker H. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.03.2012
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Letztes Schweigen

Die Geschichte eines gedemütigten, vernachlässigten, ungeliebten Jungen, der Kraft seiner eigenartigen Phantasie einen Weg aus der Trostlosigkeit findet und doch der ewige Außenseiter bleiben wird. Mangelnde Liebe, ständig wechselnde Stiefväter, die irgendwann immer als schwere Alkoholiker, als 'Säufersäue', enden - allem zu Trotz entrinnt der Junge der Sprachlosigkeit und erfindet sich neu. Humorvoll und doch voll Bitterkeit erzählt Volker Altwasser diese Geschichte von einer schweren und einsamen Kindheit, die geprägt ist von den Lügen, Illusionen und Abgründen einer überforderten alleinerziehenden Mutter. Einfühlsam und schonungslos offen berichtet er in einer Sprache, die dem Leiden abgerungen scheint, von einem tragischen Schicksal, das den Leser nicht unberührt lässt.

Volker Harry Altwasser, 1969 in Greifswald geboren, absolvierte die Realschule und anschließend eine Lehre zum Elektronikfacharbeiter. Er war u.a. tätig als Heizer in der Reichsbahndirektion, Matrose in der NVA, Gefreiter auf der Fregatte 'Bremen', wo er nicht zum Obergefreiten befördert wurde, weil er auf Las Palmas das Auslaufen des Schiffes 'verpasste'. 1998-2002 studierte er am Deutschen Literaturinstitut der Uni Leipzig. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter 2003 seinen Debutroman Wie ich vom Ausschneiden loskam. Bei Matthes & Seitz Berlin erschien zuletzt Ich, dann eine Weile nichts (2012), darüber hinaus bisher: Letzte Haut (2009), Letztes Schweigen (2010) und Letzte Fischer (2011, Longlist des Deutschen Buchpreises). 2011 wurde er mit dem Italo Svevo Preis ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 03.03.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783882219586
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Größe: 1947 kBytes
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Letztes Schweigen

EINS

Es sei kein Hass gegen die weiblichen Menschen gewesen, er sei ihnen nur gerne aus dem Weg gegangen. Er habe von ihnen nicht wahrgenommen werden wollen, er habe kein Geplänkel und keine Verletzungen mehr gewollt. Ein weiser Mann brauche keine Worte, und Worte seien nicht wie Hunde, die man zurückpfeifen könne. Wer stumm bleibe, könne alles sagen. Robert Rösch, Verarbeiter auf dem Fischtrawler 'Saudade', stand am Fließband, das sich zehn Meter unter der Wasseroberfläche befand. Der Trawler war seit einem halben Jahr im westlichen Atlantik unterwegs, die siebenundachtzig Kühllasten waren bis auf zwei gefüllt. Das hundertachtundneunzig Meter lange Schiff wetterte einen Sturm ab, von dem der Dreißigjährige aber nicht viel mitbekam. Seine Seebeine standen wie Kranfüße auf dem Bodenblech, in dem das Neonlicht reflektierte. Seine Gedanken jedoch kreisten. Die Sprache war ihm abhanden gekommen. Und mit ihr die Stimme. Er lasse die Hände sprechen, in ihrer Sprache gebe es keine Widerrede. Ein weiser Mann brauche keine Worte. Ein weiser Mann spreche mit den Händen.

Nach elf Semestern hatte er im letzten Herbst das Studium der Sozialwissenschaften ganz abgebrochen und war auf der 'Saudade' geblieben. Hier hatte er eine Aufgabe, eine echte und einzigartige Aufgabe, war er doch der Mann mit den schmalsten Händen. Musikerhände. Robert Rösch häutete die Kurznasenseefledermäuse, eine seltene Tiefseefischart, die in der Umgebung von Bordeaux teuer gehandelt wurde.

In der ganzen Fischereiflotte finde sich nicht ein Mann, der die Seefledermaus so exakt häuten könne wie er, wie Aushilfsmatrose Robert Rösch, hatte der Kommandant vor vier Wochen bei einem Appell gesagt, und ihm, Robert Rösch, sei es zu verdanken, dass es auf jede Heuer der siebenhundertachtundsechzig Besatzungsmitglieder noch ein Bonus von tausendsechshundert US Dollar obendrauf gab.

Seitdem machte sich von den Altgefahrenen, die mit den verschiedensten Religionen aus den unterschiedlichsten Regionen hier angeheuert hatten, keiner mehr über die schmale und kleine Gestalt des Halbstudenten lustig.

Wer stumm bleibe, könne alles sagen. Seine Sprache sei ihm verloren gegangen und mit ihr die Stimme. Robert Rösch häutete schnell, präzise und ruhig, während er sich an Volker erinnerte. Aus dem Schwachen erwachse der Starke, denn Stärke sei die Fähigkeit zum Verzicht. Liebe sei nur ein anderes Wort für Betrug. Der Adler sei der einzige Vogel, der direkt in die Sonne sehen könne, und Enttäuschung sei die Antwort aller Sehnsucht:

Volker rannte, als renne er um sein Leben, was ihm jetzt immer öfter passierte und eigenartig wirkte, war er doch vor Kurzem erst elf Jahre alt geworden. Dieses Rennen also, das sei sein neues Leben.

Der Einkaufswagen des Mannes hakte sich mit der Frontseite an einem Nagel fest, an dem die Sperrkette eingehängt werden konnte, doch die Kasse war offen, war eben geöffnet worden, was der Mann und er zur gleichen Zeit bemerkt hatten. Volker stieß seinen Wagen von sich, so dass er zwischen die Kassenregale schlingerte und genau vor dem Fließband zum Halten kam. Der Mann zerrte an seinem Wagen, bekam ihn vom Nagel, doch da war Volker schon an ihm vorbeigelaufen. Er schleuderte die Waren mehr aufs Band, als dass er sie darauflegte, und deutlich sah er, wie die Kassiererin erst noch etwas sagen wollte, dann jedoch abwinkte und schnell noch einen Schluck aus einer Weinflasche nahm, die sie gleich wieder zu ihren Füßen unter die Kasse stellte.

"Denn mal los", rief sie ihm zu, während ihm der Schweiß ausbrach, hörte er doch das Keuchen des Mannes hinter sich. Und es kam ihm wütend vor; ein brutales Geräusch, das ihn da am Nacken gepackt hatte.

"Draußen kriegst du so was von auf die Fresse!", musste Volker hören, und er wagte nicht, sich umzudrehen. Seine Phantasie hielt ihn davon ab. Er hatte den Mann ja gesehen, Lederjacke, Jeans, Mittelscheitel, vermutlich ein Lehrling, der von der Spätschich

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