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Leuchtende Schatten von Wolff, Iris (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.03.2015
  • Verlag: Otto Müller Verlag
eBook (ePUB)
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Leuchtende Schatten

Mit einem Unfall am See beginnt die Freundschaft zwischen Ella und Harriet. Die beiden Mädchen, unterschiedlich aufgewachsen und erzogen, sind sich auf unmittelbare, sinnliche Weise vertraut - doch Harriet hat ein Geheimnis, das sie selbst ihrer besten Freundin lange verschweigt. Neben der Wahrheit um Harriets Vergangenheit wird Ella mit einem tiefgreifenden Verlust konfrontiert. Die politischen Ereignisse der Jahre 1943 und 1944 im siebenbürgischen Hermannstadt zwingen die Mädchen zu einem schnellen und unsanften Abschied von der Kindheit. Die Familiengeschichte mit ihren lebendig gezeichneten Figuren ist bestimmt durch Gegensätze: Die Verführungskarft einer zerstörerischen Ideologie, Traditionsbewusstsein und Sehnsucht nach Stabilität. Häuser, Straßen und Natur sind Zufluchtsorte und Identitätsräume und spiegeln doch das Ende einer Epoche. Der beginnenden Auflösung einer jahrhundertealten Kultur wird Lebensmut, humorvoller Pragmatismus und der Wille zum Glück entgegengesetzt. Letztlich bleibt Ella die Zeit mit Harriet in bildhafter Intensität gegenwärtig, denn 'Glück wird durch Leid nicht aufgehoben', und die Erfahrung des Verlusts lässt die Erinnerung umso leuchtender werden. Poetisch und mit beeindruckender Leichtigkeit erzählt Iris Wolff in ihrem zweiten Roman von der Unantastbarkeit der Freiheit, von Freundschaft und Liebe in der Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein. Iris Wolff: geboren 1977 in Hermannstadt/Siebenbürgen. Studium der Germanistik, Religionswissenschaft und Grafik & Malerei in Marburg an der Lahn. Langjährige Mitarbeiterin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, 2013 Stipendiatin der Kunststiftung Baden-Württemberg. Neben dem Schreiben ist sie am Kulturamt der Stadt Freiburg im Breisgau tätig. Ihr erster Roman 'Halber Stein' erhielt den 'Ernst-Habermann-Preis' 2014.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 328
    Erscheinungsdatum: 03.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701362288
    Verlag: Otto Müller Verlag
    Größe: 1812 kBytes
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Leuchtende Schatten

Das fremde Mädchen

Ich liebte Harriet vom ersten Augenblick an.

Mein Tisch trug die üblichen Spuren, Kerben, Tintenkleckse und ein eingeritztes Herz. Einige Zeichen hatte ich hinterlassen, andere stammten von den Jahrgängen vor mir. Der Stuhl war kühl, es roch nach Holz und feuchter Kreide. Schon jetzt hatte ich diesen Geruch wieder satt. Sehnsüchtig sah ich zum Fenster. Aprilwolken zogen ruhelos über den Himmel. Die Linden trugen ihr erstes Grün, Goldglöckchenbüsche standen in flammendem Gelb. Die Seilergasse war seltsam still.

Nach der Morgenandacht hatten die Klassenzimmer alle Mädchenstimmen und -schritte wieder aufgenommen. Vierzig Schülerinnen fasste das Zimmer der Tertia: Alice, meine Tischnachbarin, Maria aus der Harteneckgasse, Grete, deren Vater Arzt war und seine Praxis am Kleinen Ring hatte, meine Cousine Daggi, die Mädchen aus dem Waisenhaus - vierzig braune, schwarze, rote und blonde Schöpfe, die ich alle kannte. Alle? Ich entdeckte einen schwarzen Haarschopf in der ersten Reihe, der mir bisher nicht aufgefallen war. Ein Mädchen mit kunstvoller Frisur, schlankem Hals und einem Rücken, der so gerade aufgerichtet war, dass er die Stuhllehne nicht berührte. Ihre Schultern waren gestrafft und hoben sich im Takt ihres Atems, der Nacken verriet Anspannung und Konzentration.

Professor Schwarz betrat die Klasse, sofort verstummten die Gespräche. Er hatte dunkle Augen und dichtes, mit Pomade gezähmtes Haar, die ihm den Spitznamen "Lupus" eingebracht hatten. Er begrüßte uns und bedankte sich für das Ostergeschenk, das wir ihm vor den Ferien im Lehrerzimmer hinterlassen hatten. Lächelnd spielte er auf das Scherzgedicht an, das dem Eierlikör beigegeben worden war. Ich war maßgeblich daran beteiligt gewesen und versuchte, mich möglichst ungerührt zu geben.

Lupus nahm eine Liste vom Katheder.

"Elisabeth Franchy."

Ich erhob mich und blieb neben dem Tisch stehen, bis er nickte und den nächsten Namen aufrief. So ging es weiter bis zum Buchstaben W.

"Harriet Weissenberg?"

Das fremde Mädchen aus der ersten Reihe wandte sich zur Seite und stand mit einer raschen Bewegung auf. Ihr Kleid schob sich hoch, gab die Kniestrümpfe frei und glitt mit fließendem Schwung wieder hinunter. Sie blieb in gerader Haltung stehen, den Kopf erhoben, die Fingerkuppen der linken Hand auf dem Tisch.

Ich bedauerte, dass ich ihr Gesicht nicht hatte sehen können. Sie war zu schnell aufgestanden und hatte sich mit einer ebenso gewandten und beherrschten Haltung wieder gesetzt. Die ganze Unterrichtsstunde konnte ich den Blick nicht von ihrem Nacken abwenden. Von dem verspielten, drängenden Schwung der Haare, und jener Strähne, die sich aus ihrer Frisur zu lösen begann. Das durch die Lindenblätter gesiebte Licht streute alle Farben in das Cremeweiß ihres Kleides. Ein Anklang von Schwarz an den Ärmeln, dort, wo der Saum war. Ich konnte mich ihrer Gegenwart nicht entziehen, war unkonzentriert und musste mich immer wieder bei Alice vergewissern, welche Seiten des Lehrbuchs wir aufschlagen sollten.

Wer war dieses Mädchen? Hatte sie schon an ihrem Platz gesessen, als ich das Zimmer betreten hatte? Oder war sie später hereingekommen und ich hatte es nicht bemerkt? Warum kam sie mitten im Schuljahr in unsere Klasse? Da es kein anderes Mädchengymnasium in Hermannstadt gab, musste sie neu in der Stadt sein.

Nachdem die erste Schulstunde vorbei war, tippte mir Maria auf die Schulter und verwickelte mich in ein Gespräch. Als ich mich wieder umsah, war das Mädchen fort.

Ich sah sie erst in der großen Pause wieder. Sie hatte ihren Antrittsbesuch bei der Schulleiterin hinter sich gebracht und ihre Schulmütze erhalten. Sie saß auf einer Bank, ihr plissiertes Kleid fächerte sich ab der Taille in unzähligen Falten über das Holz auf. Ich bemerkte, dass die Bänke des Pausenhofs einen neuen Anstrich erhalten hatten. Ein dunkles Grün, das an Efeu erinnerte. Harriet Weissenber

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