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Liebe, Lügen und Gespenster Junge Geschichten aus der Türkei. Erzählungen. Türkische Bibliothek

  • Verlag: Unionsverlag
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Liebe, Lügen und Gespenster

Respektlose Familiengeschichten und experimentell anmutende Skizzen, Science-Fiction-Erzählungen und Satiren wie die Geschichte um einen schmerzenden Zahn, der einen Mann fast in den Selbstmord treibt: Allen gemein ist der schier unerschöpfliche Reichtum an Fantasie. Tabus werden aufgebrochen, große und kleine Lügen entlarvt, die Schriftsteller experimentieren lustvoll mit der Sprache, sie brechen mit herkömmlichen Genres und stellen konventionelle Plots in Frage. Dieser Erzählband bietet einen Querschnitt durch die modernste türkische Prosa. All die Autorinnen und Autoren sind Zeugen und Akteure des kulturellen Wandels, der in der Türkei seit 1980 stattfindet. Börte Sagaster, geboren 1962, studierte Islamwissenschaft, Turkologie und Germanistik. Nach ihrer Promotion arbeitete sie u. a. am Zentrum Moderner Orient in Berlin, später am Orient-Institut in Istanbul. Derzeit ist sie an der Universität Gießen tätig.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783293301153
    Verlag: Unionsverlag
    Größe: 2820 kBytes
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Liebe, Lügen und Gespenster

Tahsin Yücel
Das Geheimnis

A ls wir drei Tage nach Dudu Bacis Tod hinter ihrem Neffen, dem Kichererbsen-Verkäufer Hacosman, also hinter ihrem einzigen Verwandten in der Stadt, über die Schwelle ihres Hauses traten, drückte Memedali meinen Arm und sagte: "Sperr die Augen auf: Du betrittst ein verschlossenes Haus." Es war zwar ein wenig unpassend, aber ich musste unwillkürlich lächeln: Wir betraten tatsächlich ein verschlossenes Haus. Mit Ausnahme einer glücklichen Minderheit von etwa zwanzig Personen war Dudu Bacis Tür für jedermann verschlossen geblieben. Wir waren ihre nächsten Nachbarn gewesen, aber selbst wir konnten erst jetzt, drei Tage nach ihrem Tod, in ihr Haus eintreten.

Kaum waren wir durch die Tür, standen wir plötzlich im Dunkeln. Wir tasteten uns einen Korridor entlang, zu eng, als dass zwei Personen nebeneinander hätten laufen können, und noch dazu gewunden, sodass wir uns spiralförmig vorwärts bewegen mussten, als stiegen wir die Wendeltreppe eines Minaretts hinauf. Als ob das noch nicht reichte, tauchten alle paar Schritte drei, vier Fußbreit hohe Hindernisse auf, über die wir stolperten und fielen. Nach Überwindung zahlreicher Hürden stellten wir fest, dass der gewundene Korridor, in dem wir uns befanden, keineswegs der einzige im Haus war: Wir stießen auf eine Reihe niedriger Türen, die alle gleich aussahen, sich aber auf lauter unterschiedliche Gänge hin öffneten. Und hinter diesen Türen fanden wir uns nach ein paar Schritten jeweils dicht vor einer modrig riechenden Lehmmauer wieder. Zu guter Letzt waren wir in der Hocke durch eine schmale Tür in einen Raum gekrochen, in den außer durch ein Fenster von der Größe eines Buchdeckels, das fast auf Zimmerdeckenhöhe lag, keinerlei Licht einfiel: Wir hatten das einzige Zimmer des Hauses erreicht.

Nach den dunklen Gängen, in denen wir uns im kurzlebigen Licht von Streichhölzern vorgetastet hatten, blendete uns nun selbst das bisschen Helligkeit, sodass wir eine Weile brauchten, bis wir es erkannten: das berühmte Bett, den Schauplatz all der Dinge, die wir mit eigenen Augen nie richtig hatten sehen können, deren Ohrenzeugen wir jedoch geworden waren und deren Schilderung wir aus Dudu Bacis Mund vernommen hatten. Das Bett lag ein, zwei Handbreit unter dem Fenster, also vom Boden aus gesehen auf Mannshöhe. An einer Seite lehnte eine Holzleiter mit drei, vier Sprossen. Nach all den Hindernissen und Fallen auf dem Weg von der Haustür bis hierher war es nicht recht verständlich, warum das Bett gerade an dieser Stelle stand, wenn man sich überlegte, dass jemand, der über die Mauer des dahinter liegenden Hofs gesprungen war, ohne weiteres seinen Kopf durch das von außen durchaus nicht hoch liegende Fenster strecken und so bequem mitverfolgen konnte, was sich im Inneren abspielte. Aber aus unerforschlichen Gründen war Halil Efe, Dudu Bacis erster Mann, zu der geradezu religiösen Überzeugung gelangt, dass die englischen Ungläubigen sich mit den griechischen Ungläubigen verbündet hatten, um ihn anzugreifen, und deshalb hatte er sich monatelang, wenn nicht jahrelang, ganz alleine damit abgeplagt, dieses erstaunliche Festungswerk zu errichten, und war dabei offensichtlich davon ausgegangen, dass die Angreifer nur durch die Tür kommen konnten. Und bis zu seinem Tod war er dieser Überzeugung treu geblieben. Von morgens bis abends hatte er, ein unbrauchbares Jagdgewehr in der Hand, vor der Tür gesessen und den Feind erwartet. Wenn man ihn fragte: "Halil Efe, kann der Feind denn nur von hier kommen? Könnte er nicht auch von woanders her seinen Angriff starten?", dann stand er eifrig auf und zog mit dem Gewehrkolben vom einen bis zum anderen Ende der Vorderwand einen Strich und sagte selbstgewiss: "Die Grenze verläuft hier." So gesehen war es durchaus nachvollziehbar, dass das Bett unter dem kleinen Fenster stand: Diese Position war am weitesten von der Grenze entfernt, und außerdem gab es - für den

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